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Theoretische Konzeption

Das für die Verlaufsstudie Kriminalität in der modernen Stadt (CRIMOC) entwickelte strukturdynamische Analysemodell enthält drei Ebenen in jeweils zeitlicher Perspektive: Neben den Einstellungen und dem Verhalten auf der individuellen Ebene, handelt es sich um die beiden sozialen Ebenen der Sozialstruktur (in Gestalt von sozialen Schichten, Milieus, Lebensstilen sowie Sozialisationsinstanzen und den damit einhergehenden sozialen Bindungen) einerseits und der (formellen) sozialen Kontrolleandererseits (Siehe Abb.2 - Strukturdynamisches Analysemodell)

 

Es handelt sich mithin um ein Modell, das zwischen ätiologischen und konstruktivistischen Prozessen einen reziproken und emergenten Zusammenhang annimmt. Eine solche an der sozialen Komplexität und dem schnellen Wandel der modernen Gesellschaft orientierte Mehrebenen-Längsschnittuntersuchung stellt erhöhte Anforderungen an die Forschungskonzeption und das ihr zu Grunde liegende theoretische Modell über die Entstehungszusammenhänge von Abweichung und Konformität. Insoweit kann man nur partiell auf die herkömmlichen kriminologischen Erklärungsansätze (vor allem Anomietheorie, Theorie der sozialen Desorganisation, Lern-, Subkultur-, Kontroll- oder Labelingtheorien) zurückgreifen. Denn als reine Handlungstheorien berücksichtigen sie die Entstehungsbedingungen von Kriminalität in der Regel nur unter einem bestimmten Aspekt oder nur auf einer Analyseebene. Für eine einheitliche Betrachtung der beiden Hauptanalysebereiche, die Entstehung und Entwicklung bestimmter sozialer Handlungsstile und deren soziale Kontrolle, sind neben den Handlungstheorien auch die Systemtheorie in Betracht zu ziehen. In der zeitlichen Entwicklung sind insbesondere die wechselseitigen und die selbstreferentiellen Beziehungen zwischen den einzelnen Ebenen und Dimensionen theoretisch plausibel zu beobachten.

In diesem Modell wird auf der individuellen Ebene die psychische Regulierung und Bewältigung externer Problemkonstellationen anhand von Überlegungen der Copingtheorie (Lazarus und Folkman 1984) sowie der Theorie geplanten Verhaltens entwickelt (Ajzen 1991). Die Modellierung der Effekte formeller sozialer Kontrolle geht von den direkten (Self-Fulfilling-Prophecy) und indirekten (strukturelles Labeling) Effekten des Labeling Approach aus (Lemert 1951; Becker 1981 [1963]), berücksichtigt differenzierend moderierende oder verstärkende Vermittlungseffekte durch den Kontrollstil oder durch die Reaktionen des sozialen Umfeldes (vgl. Paternoster und Iovanni 1989) und bezieht (nicht zuletzt) in Anlehnung an systemtheoretische Erwägungen selbstreferentielle Entscheidungsprozesse des Strafverfolgungssystems in die Analyse ein (insbesondere im Hinblick auf die Bedeutung des Referierens auf vorherige Entscheidungen für die Entwicklung sogenannter Justizkarrieren).

Im Folgenden wird das Analysemodell eingehender hinsichtlich der zweiten, sozialstrukturellen Ebene erläutert (zum Gesamtmodell siehe Boers und Reinecke 2007b).

Die erwähnten psychischen Regulierungsprozesse verlaufen in einem zu unterschiedlichen Zeiten mehr oder weniger einflussreich strukturierenden sozialen Raum. Die diesen Raum charakterisierenden strukturellen Dimensionen der Gesellschaft stellen mit Blick auf das individuelle (delinquente) Verhalten distale Faktoren dar. Sie werden im strukturdynamischen Analysemodell nicht, wie in der klassischen Sozialstrukturforschung, allein als vertikale Klassen- oder Schichtmodelle konzipiert. Die neuere Sozialstrukturforschung berücksichtigt daneben – als so genannten „subjektiven Faktor“ – unterschiedliche kulturell-normative Orientierungen und erlangt darüber die Möglichkeit, auch die so genannten horizontalen Differenzierungen der Gesellschaft zu beobachten. So gibt es beispielsweise auf der Ebene der Unterschicht nicht nur traditionelle Arbeitergruppen („Arbeiterklasse“), sondern auch (heute zudem zahlenmäßig größere) Gruppen mit unkonventionellen und gebrochenen, nicht immer auf die Zukunftssicherung ausgerichteten Schul- und Berufsbiografien oder mit erlebnis- und freizeitorientierten, die momentane Bedürfnis- und Selbstverwirklichung bevorzugenden Lebensentwürfen und Lebensstilen. Auch ethnisch-kulturelle Unterschiede können auf diese Weise differenzierter analysiert werden. Um diese horizontalen Differenzierungen begrifflich deutlich zu machen, spricht man in der neueren Sozialstrukturforschung nicht mehr von Klassen oder Schichten, sondern von sozialen Milieus (Hradil 2001, Geißler 2006).

Soziale Milieus repräsentieren in diesem Verständnis also die Ebene der so genannten gesellschaftlichen Makrostruktur, zum einen in Gestalt sozialer, ökonomischer und kultureller Ressourcen oder „Kapitalien“. Diese sind ineinander überführbar, so dass fehlende Ressourcen bis zu einem gewissen Grad durch andere ergänzt werden können. Zum anderen beinhaltet das Konzept der sozialen Milieus mit den Lebensstilen eine expressive, also sichtbare Komponente. Hierdurch erfährt die im Analysemodell notwendigerweise abstrakt gefasste Kapitalienstruktur in den Gewohnheiten des alltäglichen Lebens eine konkrete Ausdrucksform. Es geht mithin um Präferenzen und Vorlieben für eine bestimmte Kleidung, für Musik, Literatur, Massenmedien, Filme, Spiele, Lokale, Sportarten, Arbeits- und Leistungsstile. Damit wird auch hinsichtlich der makrostrukturellen Bedingungen versucht, die herkömmliche kriminologische Sichtweise in Gestalt von Mertons Anomietheorie (Merton 1968 [1938]) weiter auszudifferenzieren. Mertons auf den Annahmen einer vertikalen Schichtstruktur sowie gemeinsamen Wertorientierungen (Streben nach Erfolg und Wohlstand) beruhende Hypothese zur Unterschicht- oder Armutskriminalität ist vor dem Hintergrund der Befunde der neueren Sozialstrukturforschung nur begrenzt (etwa für extreme soziale Benachteiligung und Exklusion) plausibel und konnte als direkter Effekt bislang kaum bestätigt werden (Tittle und Meier 1990; Boers 1999).

Vermittelt und generiert wird das Charakteristische eines sozialen Milieus in den Institutionen und Gruppierungen des näheren sozialen Umfeldes, also in den auf der sogenannten sozialen Mesoebene agierenden Sozialisationsinstanzen, vor allem in der Familie, Schule, in mehr oder weniger formalisierten Peer-Gruppierungen (gleichaltrige Freunde und Bekannte) sowie (später) in der Ausbildung und im Beruf. Kriminologisch spielen hier zum einen die in diesen Kontexten entstehenden (bzw. nicht entstehenden) positiven sozialen Bindungen eine wichtige Rolle. Sie bedingen nach Hirschis Kontrolltheorie (Hirschi1969) die Herausbildung konformer Verhaltensweisen. Zum anderen sind unter den Peergroups die in den kriminologischen Lerntheorien (Sutherland1968 [1947]) hervorgehobenen Delinquent Peers von Bedeutung. Da in ihnen die delinquenzbezogenen Normorientierungen erlernt werden, ragen sie aus kriminologischer Sicht aus der mesostrukturellen Ebene heraus und bilden einen schon proximalen, zwischen den Normorientierungen und den (makro- wie meso-)strukturellen Bedingungen vermittelnden Faktor. Des Weiteren ist im mesostrukturellen Bereich das Wohnviertel von Bedeutung. Denn in diesen (äußerlich gesehen) geographischen Räumen können die abstrakten Bedingungen der sozialen Makrostruktur in ganz eigenständiger Weise, nämlich als spezifischer Sozialraum (zum Beispiel eines Arbeiter-, Alternativ-, Studenten-, Einwanderer- oder Villenviertels) individuell bedeutsam werden.

Die Worte „vermittelt“ und „generiert“ werden hier bewusst gewählt. Denn mit Blick auf den Zusammenhang zwischen sozialstrukturellen Dimensionen und Individuum (Wie „kommen“ die Strukturen zum Individuum und umgekehrt?) nehmen wir keine einseitige, sondern grundsätzlich eine wechselseitige Beziehung an. Deren eine Seite ist die „Vermittlung“ der Makrostrukturen an das Individuum (in Abbildung 2 durch die beiden auf die Problemsituation gerichteten Pfeile gekennzeichnet). Auf deren anderer Seite werden in der Folge die gesellschaftlichen Dimensionen auch durch das Individuum, hier letztlich durch sein Copingverhalten, strukturiert. Darauf deuten die beiden vom abweichenden bzw. konformen Verhalten auf die sozialen Milieus im Zeitpunkt 2 gerichteten Pfeile hin. Es gibt hier noch weitere bedeutsame Wechselbeziehungen, zum Beispiel derart, dass das Ergebnis des jeweils gewählten Copingverhaltens die Problemsituation mildern oder (wenn „es schief läuft“) verschärfen kann und sodann auch in den neuerlichen Bewertungs- und Copingprozessen Beachtung findet. Man kann mithin auch von Lernprozessen sprechen. Ohne die Berücksichtigung der Zeitdimension, also ohne wiederholte Befragungen, sind solche Wechselbeziehungen freilich nicht zu beobachten. Es geht indessen bei einer Betrachtung des zeitlichen Verlaufs nicht nur um Wechselbeziehungen zwischen für einander äußere Faktoren, sondern ebenso um das, was in der Systemtheorie selbstreferentieller Prozess genannt wird (Luhmann 1984). Soziale, wirtschaftliche oder kulturelle Systeme sind, genauso wie im Übrigen Individuen, in ihren Operationen bzw. Handlungen immer am Erhalt ihrer jeweils eigenen Struktur oder Identität orientiert. Es ist davon auszugehen, dass diese selbstreferentiellen Effekte in der Regel stärker als die aus der Umwelt einwirkenden (Wechselwirkungs-)Effekte sind.

Abbildung 3: Distale und proximale Faktoren in einem sozialstrukturellen Delinquenzmodell

 

Vorschau

 

Man kann die angenommen Beziehungen zwischen den bislang geschilderten ätiologischen Bereichen des strukturdynamischen Modells vereinfacht wie folgt zusammenfassen: Der delinquenzrelevante Einfluss der distalen sozialen Makrostruktur (und ihrer sozialen Milieus) sowie der eher noch distalen regulären sozialen Bindungen (Familie, Schule, Peers) wird in erster Linie durch die proximalen Delinquent Peers und vor allem durch die hier erworbenen delinquenzbezogenen Normorientierungen vermittelt (siehe Abbildung 3).

 

Siehe mit weiterführenden Verweisen folgende Projektpublikationen:

Boers, Klaus; Seddig, Daniel & Reinecke, Jost (2009): Sozialstrukturelle Bedingungen und Delinquenz im Verlauf des Jugendalters. Analysen mit einem kombinierten Markov- und Wachstumsmodell. In: Monatsschrift für Kriminologie und Strafrechtsreform, 92 (2/3), 267-288.

Boers, Klaus; Reinecke, Jost; Bentrup Christina; Kanz, Kristina; Kunadt, Susann; Mariotti, Luca; Pöge, Andreas; Pollich, Daniela; Seddig, Daniel; Walburg, Christian; Wittenberg, Jochen (2010): Jugendkriminalität   Altersverlauf und Erklärungszusammenhänge. Ergebnisse der Duisburger Verlaufsstudie Kriminalität in der modernen Stadt. In: Neue Kriminalpolitik, 22(2), 58-66.

Boers, K. / Reinecke, J. / Mariotti, L. / Seddig, D., (2010): Explaining the Development of Adolescent Violent Delinquency.In: European Journal of Criminology, 7(6), 499-520.

 

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