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Genderkompetenz - warum in der Sportwissenschaft?

Wie selbstverständlich wird davon ausgegangen, dass Männer größer, muskulöser und kräftiger sind sowie schneller laufen oder weiter und höher springen können als Frauen. Auch wird Männern in der Regel vor allem in Sportspielen mehr Kompetenz zugeschrieben als Frauen. Dieses Zuschreiben bzw. Absprechen von Kompetenzen beruht auf der Annahme von geschlechterstereotypen Eigenschaften und Verhaltensweisen, die für die jeweiligen Sportarten und -stile entweder als Vorteil oder als Nachteil erachtet werden.

Die binäre Struktur des Sportsystems sieht zwei Leistungsklassen vor, in die alle Sportler*innen ausnahmslos und eindeutig als Frau oder Mann eingeordnet werden. Diese Einteilung deckt sich mit dem Alltagsverständnis von Geschlecht und geht mit entsprechenden Zuschreibungen von Eigenschaften einher. Dabei werden die sportlichen Aktivitäten von Frauen und Männern in unterschiedlicher Weise wahrgenommen, bewertet und anerkannt. Argumentiert wird dabei aus biologischer Sicht, d. h. aufgrund von Differenzen in der körperlichen Leistungsfähigkeit. Diese sichtbaren körperlichen Leistungsunterschiede zwischen den Geschlechtern haben auch im Sport zu einer Hierarchisierung der Geschlechterordnung geführt, die quasi naturgegeben scheint und in der die sportliche Überlegenheit von Männern und die Unterlegenheit von Frauen fest verankert sind. Da der Sport in unserer Gesellschaft allgegenwärtig ist, nicht zuletzt durch seine ständige Reproduktion in den Massenmedien, kann man davon ausgehen, dass er wirkmächtig an der Reproduktion geschlechterstereotyper Denkmuster beteiligt ist.

Die biologischen Unterschiede und die darauf beruhenden sozial konstruierten stereotypen Zuschreibungen führen, ob bewusst oder unbewusst, zu Ungleichheitsprozessen und zur Bildung von hierarchischen Beziehungen zum Nachteil von Frauen, aber auch allen anderen nicht dem Muster hegemonialer Männlichkeit entsprechenden Personen.

Derartige Folgen sollten vermieden und überwunden werden? Aber wie?

Genau hier setzt das von Valerie Kastrup und Natalia Fast initiierte Projekt „Genderkompetenz in der Sportwissenschaft“ (2020) an. Es möchte für das Thema Gender in der sportwissenschaftlichen Lehre sensibilisieren und die Lehrenden sowie Studierenden in allen Lehrveranstaltungen zu einer Auseinandersetzung mit Genderaspekten anregen. Ziel ist es, die eigene Genderkompetenz weiterzuentwickeln, d. h. die Fähigkeit, Genderaspekte in sportbezogenen Situationen zu erkennen und in gendersensibler Weise aufzugreifen. Nur über die Reflexion von Geschlechterstereotypen im Kontext des Sports kann Ungleichheit in Geschlechterbeziehungen erkannt und durch ein Handeln, das nicht an Stereotypen orientiert ist, überwunden werden. Speziell die Sportstudierenden sollen dazu befähigt werden, geschlechterbezogene Phänomene im Sportunterricht, im Vereinssport oder in anderen Sportsettings zu identifizieren, zu reflektieren und produktiv damit umzugehen.

Zum Aufbau einer solchen Genderkompetenz werden in verschiedenen Handouts sowohl für Dozent*innen der Universität als auch für Student*innen Anregungen und Orientierungshilfen für die Gestaltung von gendersensiblen Lehr-Lern-Settings angeboten.