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„Spiritualität“ in Deutschland und den U.S.A.

Das Projekt wurde gefördert aus Drittmitteln der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG).

Leitfrage

„Spirituell“ zu sein hat in den vergangenen 30 Jahren erheblich an Popularität gewonnen. Wie wir auch in unserer Studie zur Dekonversion in Deutschland und den U.S.A. dokumentiert haben, sagen viele Menschen in den U.S.A. von sich, sie seien „spirituell“, „mehr spirituell als religiös“, wenn nicht gar „spirituell, aber nicht religiös“. In vielen europäischen Ländern sehen wir ähnliche Muster auf niedrigerem Häufigkeitsniveau im Vergleich mit den U.S.A. Umfrageergebnisse berichten die Häufigkeiten der Selbsteinschätzung als religiös, spirituell oder säkular; sie liefern kaum Informationen über die Semantik, über die funktionalen Merkmale und psychologischen Korrelate, oder über die biographischen Kontexte dieser Orientierungen. Unsere Forschungsergebnisse können zumindest einige dieser Fragen klären.

Methode

Auf der Grundlage von Fragebogen-Antworten in Deutschland (N=773) und den U.S.A. (N=1113) wurde in diesem Projekt „Spiritualität“ differentiell und kulturvergleichend untersucht. Der qualitative Zugang öffnet hierbei eine diachrone Perspektive auf kulturelle und individuelle Entwicklungsverläufe.

Eine der Besonderheiten ist das Forschungsdesign: Erhoben wurden drei Sorten von Daten: (a) Antworten zu einem Fragebogen, (b) Transkripte von Interviews und (c) Ergebnisse eines Experiments. Die Analysen folgen daher dem Modell der Datentriangulation, aber auch der Methodentriangulation.

Biographische Kontexte der Selbstbezeichnung „spirituell“ und Entwicklungsverläufe wurden mit dem Faith Development Interview (FDI) untersucht. Dieses Interview deckt mit 25 Fragen vier Themenbereiche ab: 1) Lebensrückblick, 2) Beziehungen, 3) Werte und Verpflichtungen und 4) Religion und Weltanschauung. In der narrativen Analyse der Interviews interessieren besonders dichte, kleine Erzählungen, die die religiöse, spirituelle, oder weltanschauliche Identität der Befragten ansprechen.

Für ein tieferes Verständnis dessen, was unsere Versuchspersonen unter „Spiritualität“ verstehen, haben wir sie eingeladen, ihre eigenen Definitionen in ein Textfeld in unserem Fragebogen einzutragen. 1039 Versuchspersonen in den USA und 727 in Deutschland sind dieser Einladung gefolgt. Darum haben wir eine große Anzahl von solchen Eintragungen, die von ein paar Worten bis zu mehreren Sätzen reichen. Diese Daten eröffnen eine neue Perspektive auf die Semantik von „Spiritualität“.

Ergebnisse

Zur Semantik von Spiritualität haben unsere Analysen eine enorme Veilefalt zutage gefördert. Die in folgender Graphik visualisiert ist:

Folgende psychologische Charakteristika der „Spiritualität“ sind in den Daten der Bielefeld-based Cross-cultural Study on “Spirituality” besonders auffällig:

  • Mystizismus ist ein guter Prädiktor für die Selbsteinstufung als „spirituell“. Die Mystizismus-Skala (Hood, 1975) ist ein effektives Messinstrument für „Spiritualität“. (für Details siehe Kapitel 11 in Streib & Hood, 2016)
  • Offenheit für Erfahrung, eine der Big-Five-Persönlichkeitsdimensionen, ist für die „mehr Spirituellen als Religiösen“ signifikant höher als die Normwerte für Deutschland. Dennoch sind die „weder Religiösen noch Spirituellen“ immer noch etwas höher in Offenheit für Erfahrung. (für Details siehe Kapitel 12 in Streib & Hood, 2016)
  • Zwischen religiösen Schemata und „Spiritualität“ gibt es starke Zusammenhänge: truth of texts and teachings (ttt) ist hoch für „religiöse“ Personen, xenosophia/inter-religious dialog (xenos) ist hoch für die „Spirituellen“, allerdings nicht, wenn sie sich als Atheisten oder Non-Theisten bezeichnen. (für Details siehe Kapitel 13 in Streib & Hood, 2016)
  • „Spiritualität“ und Mystizismus hängen mit psychologischem Wohlbefinden, mit Generativität und mit emotionaler Stabilität zusammen. (für Details siehe Kapitel 25 in Streib & Hood, 2016)
  • Die Analyse der Interviews zeigt, wie „Spiritualität“ individuell gelebt und verstanden wird, und wie unterschiedlich Menschen sich dabei auf Religiöses und Säkulares beziehen.
Fazit

„Spiritualität“ wird in unterschiedlichen Lebenszusammenhängen unterschiedlich verstanden und gelebt – und vielleicht macht gerade das den Begriff so attraktiv: Er bietet Gelegenheit zum Erkunden von Identität und Selbstverständnis hinsichtlich Religion und Weltanschauung, ein semantisches Angebot, das es Menschen ermöglicht, zur Sprache zu bringen, was sie bewegt und was sie erleben, ohne dass sie auf „Religion“ Bezug nehmen müssen. In diesem „Spielraum der Möglichkeiten“ sehen wir den Mehrwert des Begriffs „Spiritualität“.

Streib, H. & Hood, R. W. (Eds.) (2016). Semantics and Psychology of Spirituality. A Cross-cultural Analysis. Cham, Heidelberg, New York, Dordrecht, London: Springer International Publishing Switzerland.