Archiv der ersten Förderphase Teilprojekt A4:

Die Politisierung des Privaten und die Familiarisierung des Politischen in der Sowjetunion der 20er und 30er Jahre (anhand der Medien Radio und Film)

Mitarbeiter· Abstract

In der sowjetischen Kultur, die sich nach 1917 in Rußland etabliert, lassen sich zwei Entwicklungsphasen unterscheiden: Zunächst herrscht ein Bemühen um totale Präsenz des utopischen Horizonts einer proletarischen Klassenkultur in allen gesellschaftlichen Teilbereichen vor. In ideologischer Hinsicht gibt sich die sowjetische Kultur der frühen 20er Jahre unverhüllt agitatorisch und strebt offensiv eine Politisierung und Entgrenzung der Sphäre des Privaten und Individuellen (Haus, Liebe, Ehe, Familie, Freundschaft, Intimität, Körperlichkeit) an. Die forcierte Kulturarbeit der frühen 20er Jahre, für die das junge Sowjetregime zahlreiche Künstler und Schriftsteller gewinnen kann, ist auf eine solche totale politische und ideologische Durchdringung der Gesellschaft gerichtet, wobei in entscheidendem Maße sowohl von den Künstlern als auch von der Partei die Realisierung des utopischen Projekts mit den Möglichkeiten der neuen Medien Radio und Film verbunden wird.

Gustav Klucis:
"Radio-Orator, Leinwand"
Entwurf zur Lautsprechertribüne Nr. 5, 1922
Dem steht andererseits eine Entfremdungserfahrung gegenüber, derzufolge die avantgardistisch-proletarische Kultur zunehmend als elitär und abstrakt utopisch kritisiert und verworfen wird. Die Entstehung der sowjetischen Massenkultur in der ersten Hälfte der 30er Jahre unter der Bezeichnung ?Sozialistischer Realismus" ist vor dem Hintergrund des chronischen Legitimationsdefizits des bolschewistischen Regimes zu sehen. Dabei wird die utopisch-sozialistische Politisierung des Privaten zwar weiter forciert, doch zugleich ? auf der Ebene der Darstellung und Symbolisierung ? von einer gegenläufigen Tendenz der Entpolitisierung und Familiarisierung des Gesellschaftlich-Politischen überlagert. Sie manifestiert sich wohl am deutlichsten in dem sowjetischen Mythos der ?Großen Familie" und stützt sich, ähnlich wie in den 20er Jahren, gleichfalls auf die Medien Radio und Film.

Das Teilprojekt untersucht den Zusammenhang zwischen der Neu- bzw. Umdeutung des Politischen und den Formen seiner ästhetischen Repräsentation und Symbolisierung, die sich im Übergang von der utopisch-avantgardistischen Kultur der 20er Jahre zur Massenkultur der 30er Jahre beobachten lassen, einerseits, und dem Einsatz und der Konzeptualisierung der Medien Radio und Film andererseits. Im Zentrum steht dabei eine medientheoretische Arbeitshypothese, die davon ausgeht, daß die beiden Leitmedien des frühen 20. Jahrhunderts, Radio und Film, nicht nur als technisch neutrale Mittel der Verbreitung ideologischer Botschaften dienen, sondern darüber hinaus durch ihre pragmatischen und ästhetischen Möglichkeiten entscheidend sowohl zur Hervorbringung des avantgardistisch-utopischen Projekts einer totalen Politisierung und Sowjetisierung als auch zur gegenläufigen Familiarisierung des Gesellschaftlich-Politischen beitragen. Im Zentrum steht folglich die Neu- und Umdeutung des Politischen im Übergang von den 20er zu den 30er Jahren auf der Ebene des Umgangs mit den Medien Radio und Film.

 

Tagungsbericht
zur SFB-Abschlusstagung "Writing Political History Today" (01.-03.12.2011)

Publikationen

Neu erschienen in der Reihe "Historische Politikforschung":
Susanne Schregel, Der Atomkrieg vor der Wohnungstür


Reihe "Das Politische als Kommunikation"


Reihe "Historische Politikforschung"


Weitere Publikationen

 

Flyer (PDF)

Flyer 2. Phase (PDF)

Flyer 1. Phase (PDF)