Teilprojekt A 6:

Vaterland und Nation in politisch-religiösen Diskursen der frühen Neuzeit. Ein deutsch-französischer Vergleich

Mitarbeiter· Abstract

Das Teilprojekt schließt an die neueren Bemühungen um die Ergründung eines "Nationalismus vor dem Nationalismus" an. Es fragt nach der Ausbildung eines Raumes politischer Kommunikation im Gefolge der durch die Mitglieder ständischer Gruppierungen - Adlige, Juristen und Theologen - getragenen Diskussion über die Natur des monarchischen Gemeinwesens und ihre Rolle in ihm. Diese Debatte fand sowohl in Frankreich als auch innerhalb der deutschen Territorien statt. Dabei spielte in Frankreich der Begriff der Nation und in Deutschland, wo dieser Begriff vor allem dem Reich vorbehalten blieb, derjenige des Vaterlands eine hervorstechende Rolle in der Konstituierung ständischer Gruppierungen zu einer politischen Öffentlichkeit, welche die Reichweite der monarchischen Herrschaft in Frage stellte. In Frankreich wie innerhalb der Territorien knüpfte sich an solche Auseinandersetzungen eine intensive Erörterung über die Grundlagen der politischen Ordnung im monarchischen Staat an. Eine zentrale Annahme des Teilprojekts lautet, daß im Medium dieser Diskussionen sowohl in Frankreich als auch innerhalb der Territorien des Reichs Adlige, Juristen und Theologen zu einer Handlungseinheit zusammenrückten. Sie beschrieben dabei den monarchischen Staat nicht so sehr als fürstliches Regiment denn als Nation oder als Vaterland, d.h. als ein Gemeinwesen, dessen Obhut ihnen nicht minder als dem Fürsten anvertraut sei. Daraus folgert eine weitere, zentrale Frage des Teilprojekts, nämlich die, auf welche Weise solche Auffassungen handlungsanleitend wurden.

Das Teilprojekt wird in zwei aufeinander bezogenen Studien durchgeführt.

Die Studie über den Vaterlandsdiskurs in Deutschland fragt nach der Ausbildung eines Raumes politischer Kommunikation und Integration im Gefolge der durch Mitglieder lutherischer Landeskirchen seit der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts in Gang gebrachten und bis in das 18. Jahrhundert hinein anhaltenden Reflexion über die Natur eines christlichen Gemeinwesens und die Pflichten seiner Bürger. Am Beispiel ausgesuchter Territorien soll erörtert werden, inwieweit protestantische Autoren angesichts landesherrlicher Eingriffe in innerkirchliche Angelegenheiten humanistische Vorstellungen über die "Liebe zum Vaterland" (amor patriae) aufgriffen und fortführten. Die Studie fragt nach den ereignis-, verfassungs- und kirchengeschichtlichen Grundlagen für die Entstehung eines solchen Diskurses, nach den religiösen, philosophischen und literarischen Medien seiner Konstruktion sowie danach, wie im Verlauf der Debatte Kirchen- und Fürstendiener zu Bürgern und Patrioten aufrückten. Im Kern der Studie soll das Vaterland als politischer Raum stehen, der sich in dem Maße ausbildete, wie sich in Krisenlagen die Untertanen des Fürsten über ihre Rollen, Rechte und Pflichten neu verständigten.

Die Studie über den Nationsdiskurs in Frankreich richtet sich auf drei Hauptpunkte. Es soll, erstens, der Nachweis geführt werden, daß die französischen Jansenisten seit dem frühen 18. Jahrhundert ein Konzept der Kirche als einer "heiligen Nation" (nation sainte) entwickelten, das den anstaltlichen Aufbau einer auf den Papst, die Bischöfe und die Pfarrpriester gegründeten Amtskirche in Frage stellte und statt dessen die Kirche als pneumatisch begriffene civitas Dei der nach Gottes Ratschluß zum ewigen Heil berufenen Auserwählten begriff. Es soll, zweitens, herausgearbeitet werden, daß seit den 1730er Jahren dieser kirchliche Nationsbegriff von den Richtern der französischen Parlamente und ihrem breiten Anhang im Kreis der Parlamentsanwälte und sonstigen Rechtsexperten aufgegriffen, ins Politische gewendet und zur Grundlage eines Konzepts der staatlichen Ordnung gemacht wurde, demzufolge das monarchische Regiment auf der Nation der Bürger fußt und ihr verantwortlich ist. Die Parlamente beanspruchten dabei die "Identitätsrepräsentation" (Hasso Hofmann) der Nation. Das lief auf einen Generalangriff gegen die Grundlagen der absoluten Monarchie hinaus. Es soll, drittens, gezeigt werden, daß der jansenistische und der juristische Nationsbegriff nicht nur systematisch entwickelt, sondern zugleich aus der Geschichte begründet wurden. Die Jansenisten orientierten sich an der Kirchenordnung des Urchristentums, die Juristen am Aufbau der fränkischen und der hochmittelalterlichen Monarchie. Als rückwärtsgewandte Utopie geriet Nation in beiden Fällen zum Prozeßbegriff und zielte auf "Wiedergeburt" (régénération). Das untermauerte die eschatologische Ausrichtung des kirchlichen Nationsbegriff der Jansenisten und verlieh dem staatlichen Nationsbegriff der Juristen revolutionäre Stoßkraft.

Der deutsch-französische Vergleich ist auf die Frage gerichtet, welche Wirkung die Rede in Deutschland vom Vaterland und die Rede der französischen Jansenisten und Richter von der Nation auf die Fortentwicklung des monarchischen Staats zu einem als Vaterland oder als Nation gefaßten Gemeinwesen zeitigten. Eine zentrale These des Teilprojekts lautet, daß die auf Kontinuität setzende Ausrichtung des Vaterlandsdiskurses in Deutschland und der subversive Gehalt des Nationsdiskurses in Frankreich eine Erklärung dafür abgeben, warum der Übergang vom Ancien Régime zur Moderne in Frankreich auf revolutionärem Wege, in Deutschland auf dem Wege der Reform und der Grundlegung des Rechtsstaatsgedankens vonstatten gegangen ist.

 

Tagungsbericht
zur SFB-Abschlusstagung "Writing Political History Today" (01.-03.12.2011)

Publikationen

Neu erschienen in der Reihe "Historische Politikforschung":
Susanne Schregel, Der Atomkrieg vor der Wohnungstür


Reihe "Das Politische als Kommunikation"


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