Studium in Bologna
 
 
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<b>Studium in Bologna</b>

Ein Erfahrungsbericht von Christoph Schopf


Mit etwas Abstand möchte ich hier in einigen Stichpunkten meine Erfahrungen während des Auslandssemesters an der Universität Bolgna / Italien reflektieren, wo ich im Rahmen des allgemeinen ERASMUS / SOCRATES-Programms zur Förderung der Mobilität von Studierenden über die Abteilung für Geschichte war.

Bologna:

Genau die richtige Größe, eine knappe halbe Million Einwohner hat die Stadt Bologna, die Orte San Lazzaro di Savenna und Casalecchio di Reno nicht mitgezählt. Bologna ist eine antike Stadt mit einem sehr gut erhaltenen mittelalterlichen Stadtkern, die Dank ihrer Studenten sehr jung ist. Man merkt auf den Straßen, daß Bologna Universitätsstadt ist. Infolgedessen ist das Kulturangebot unschlagbar, fast jeder Top-Act der nach Italien kommt gastiert auch in Bologna, es gibt Veranstaltungen und Festivals aller Art, ein Vielzahl Weinstuben, Kneipen, Kinos etc.. Glücklicherweise wird die Stadt trotz ihrer Schönheiten nicht so von Touristen heimgesucht wie beispielsweise Florenz. Berühmt ist Bologna für die portici und die schiefen Türme.

Die beiden Bologneser Basketballclubs Virtus und Fortitudo spielen in Europa vorne mit, der FC in der Serie A. Neben einer bedeutenden Messestadt ist Bologna der Verkehrsknotenpunkt im Norden. Wer etwas Geduld hat kommt mit der Bahn zu günstigen Tarifen (Carta Verde besorgen) überall hin, es sei denn, die Gleisarbeiter streiken. Wenn sich dann noch die Busfahrer solidarisieren läuft nichts mehr. Auf jeden Fall ist Bologna der ideale Ausgangspunkt um Italien kennenzulernen, mit dem Auto braucht man keine Stunde bis zur Adria, und auch die Toskana ist nicht weit. Dann gibt es noch einen internationalen Flughafen, für den Besuch über Weihnachten zu Hause sind die günstigen Tarife eine Überlegung wert. Innerhalb der Stadt kommt man zu Fuß und mit Rad gut zurecht, die Busse in die Außenbezirke fahren nachts leider selten. An den kreativen Umgang mit eventuell bestehenden Verkehrsregelungen gewöhnt man sich schnell und lernt ihn zu schätzen.
 

Universität:

Über 100.000 Studenten sind an der ältesten abendländischen Universität eingeschrieben, wovon einige aber auch an den Außenstellen in der Emilia–Romagna und andere vorwiegend in ihren Heimatstädten studieren und nur zu den Prüfungen anreisen. Knapp 2000 ausländische Studenten, dazu kommen noch die Studenten des Bologna Center der Johns Hopkins University, sorgen für etwas internationales Flair in der Stadt. Die Historiker sind der Fakultät "lettere e filosofia" angegliedert, diese Information auf dem Studentenausweis und der Hinweis man sei Kunststudent ermöglicht den Eintritt z.B. ins Kollisseum und in fast jedes Museum für lau. Eventuell ist es überlegenswert, Veranstaltungen auch an anderen Fakultäten zu besuchen, so z.B. die der politischen Wissenschaften.

Die Bürokratie in Italien ist nicht mit der schnellen und effizienten (sic!) in Deutschland zu vergleichen, aber irgendwann hat man seine Aufenthaltsgenehmigung und die Uniunterlagen zusammen. Dafür sollte allerdings ein wenig Zeit eingeplant werden, Leute kennenzulernen, Informationen beschaffen, der Einstieg in die Sprache und die Wohnungssuche sind andere Gründe, weswegen man schon früh anreisen sollte.

Im Erasmus Student Network - Sezione di Bologna engagieren sich einige Studenten privat, organisieren Partys, Stadtführungen und Ausflüge und treffen sich jede Woche im Downtown Cafe. Es gibt auch ein Mentorensystem und ein Sprachaustausch, insgesamt steht bei diesem etwas chaotischen Verein aber der Spaß im Vordergrund. Wer auf diese Form der Geselligkeit (man trifft fast nur Erasmus Studenten) keine Lust hat, sollte allein deshalb Mitglied werden, weil es so z.B. in einigen Buchhandlungen Rabatt gibt. Natürlich lernt man gerade zu Anfang vor allem nicht italienische Studenten kennen und jeder sagt einem, daß man möglichst viel mit Italienern unternehmen soll. Mir tut es aber um keine Freundschaft leid, die ich mit Spaniern oder Griechen (neben den Deutschen stark vertretene Nationen) oder sonst wem geschlossen habe, alles andere ergibt sich von selbst, wenn man auch unter Deutschen versucht, Italienisch zu sprechen (das gebietet schon die Höflichkeit).

Die Unigebäude sind ein Schock für Bielefelder Studenten, und zwar ein positiver, die Fakultäten und Fachbereiche sind auf wunderschöne Gebäude (wesentlich älter als 30 Jahre) im Zentrum verteilt, größtenteils entlang einer Straße und alle gut erreichbar. Es gibt nicht eine zentrale Bibliothek, man muß sich die Bücher, größtenteils Präsenzbestand, an verschiedenen Orten teilweise noch per Karteikartensystem zusammensuchen. Auch in Sachen Öffnungszeiten kann die Bib nicht mithalten, aber den Bibliotheksvergleich mit BI würden wohl die meisten Unis verlieren, zudem ist sie wegen der Hausarbeiten (s.u.) nicht so entscheidend. Die Dozenten sind sehr zugänglich und bieten oft an mehreren Tagen in der Woche längere Sprechstunde an. Insgesamt war die Betreuung sehr gut und das lag bestimmt nicht nur an den Erasmus-Bonus, den es zweifellos gibt. Insbesondere die Erasmus-Koordinatoren, in meinem Fall Frau Salvaterra, waren sehr hilfsbereit und halfen bei den wenigen Organisationsproblemen (z.B. Computer – Arbeitsplatz). Daß die Mensa im Vergleich zu Bielefeld ein Traum ist besagt nicht viel, sie ist aber wirklich gut, etwas teurer und hat auch abends auf. Ansonsten gibt´s auf der Straße, wo sich das Unileben vor allem abspielt, auch leckere Sachen.

Sprachkenntnisse:

Mein Italienisch war ziemlich dürftig, drei VHS – Kurse und unregelmäßige Teilnahme an Paola Ferruta´s Unikurs. In den ersten vier Wochen habe ich am empfehlenswerten, kostenlosen Sprachkurs an der CILTA teilgenommen. Der Kurs läuft drei Stunden täglich, zu Beginn wird man hier mittels Einstufungstest (mündlich und schriftlich) einem von zehn Niveaus zugewiesen. Die Unterschiede in den Sprachkenntnissen der ausländischen Studenten waren erheblich, ich selbst bin in einen der mittleren Kurse gelandet. Meines Erachtens nach war das aber auch die untere Grenze des Erträg-lichen, ich würde auf jeden Fall versuchen die Grammatik in Deutschland zu lernen. Nicht mitgemacht aber viel Gutes gehört habe ich von den Erasmus-Sprachkursen in Siena und Perugia im Juli / August.
 

Wohnen:

Die ersten zwei Wochen, bis die Studentenwohnheime öffneten, habe ich in der Jugendherberge verbracht, die in dieser Zeit fest in Hand ausländischer Studenten ist. Je weiter man aus der Stadt herauskommt, desto billiger und besser eingerichtet sind die Wohnheime. Ich war in einem Haus direkt außerhalb der Mauern, ausschließlich von Erstsemestern (meist Teenager) und Erasmus-Studenten bewohnt, das ist anstrengend, bringt aber eine Menge Spaß. Präferenzen kann man beim Centro Erasmus schon vor der Ankunft angeben und sich die Buden am ersten Tag ansehen. Auch für die Suche nach privater Unterkunft sollte das Centro erste Anlaufstelle sein, doch auch in Sachen Mieten ist Bologna eine der teuersten Städte Italiens, die normale Unterbringung ist zudem im Doppelzimmer. Fürs Wohnheim wird ein Attest benötigt, daß man keine TBC oder Syphilis hat (kein Scherz!), das sollte am Besten noch in Deutschland beim Arzt besorgt werden und wenn man schon mal da ist gleich noch eine Unbedenklichkeitsbescheinigung für den Unisport mitnehmen. Der kostet zwar, ist dafür aber betreut und eine der besten Möglichkeiten Leute kennenzulernen (frühzeitig anmelden!). Neben Volleyball habe ich noch Fußball in Parks und auf Bolzplätzen gespielt, so sieht man auch die abgelegenen Ecken Bolognas.
 

Veranstaltungen:

An dem Vorurteil, daß das Studium in anderen Ländern verschulter ist als in Deutschland ist sicherlich etwas dran, im positiven wie auch im negativen Sinn. Die Veranstaltungen, die ich besucht habe, ähneln am ehesten unseren Vorlesungen, auch wenn der Prof. schon mal gezielt jemanden fragt oder an der einen oder anderen Stelle eine Diskussion entbrennt. Referate sind nicht üblich, 50 Teilnehmer oder mehr schon. Kommentierte Vorlesungsverzeichnisse oder zumindest so was ähnliches besorgt man sich am Anfang des Semesters in den Kopierläden, die Auswahl an Veranstaltungen ist hervorragend. Insbesondere gibt es eine ganze Menge zur europäischen Geschichte oder der Geschichte einzelner europäischer Länder. Die Kurse laufen entweder über ein ganzes akademisches Jahr und umfassen dann 3 Wochenstunden oder über ein Semester mit der doppelten Stundenzahl. Ganze Epochen und mehrere Länder werden in den Veranstaltungen durchgenommen.

Das hört sich sehr allgemein und oberflächlich an, kann aber wirklich umfassend sein und Zusammenhänge aufdecken, beispielsweise ein Kurs, in dem ein Wirtschaftshistoriker, eine Rechtsgeschichtlerin und jemand für politische Geschichte versuchten, einen Überblick über die Zeitgeschichte zu geben. Ob man den Ausführungen gerade zu Anfang folgen kann, hängt natürlich entscheidend von der Vortragsweise des Lehrenden ab, ich hatte in der Hinsicht Glück, man kann aber auch vieles in Büchern nachlesen oder Mitschriften kopieren. Besonders interessant fand ich den internationalen Kontext, den die Vorlesungen haben, immer wieder wird die Verbindung zu anderen europäischen Ländern gezogen. Schön ist es auch, einiges über die Bielefelder Schule aus italienischer Sicht zu hören.
 

Prüfungen:

Hausarbeiten sind weniger verbreitet, ich selbst hab auch keine geschrieben. Wenn sie doch angeboten werden, kann man mit einer durchschnittlichen Grundstudiumsarbeit mit kleinem Literaturverzeichnis und einigen Fußnoten gehörig beeindrucken. Dann gibt es noch Klausuren, die ich geschrieben habe bestand aus 30 Fragen innerhalb von 2 Stunden. Der Fokus lag also auf dem Lernen von Fakten und Zusammenhängen, weniger auf der Analyse, nicht jedermanns Sache. Die gebräuchlichste Form sind mündliche Prüfungen, für die man sich auf einem Aushang oder im Internet einträgt. Die Prüfungs- situation unterscheidet sich schon von dem, was ich aus Deutschland kenne (o.K. das war bisher nur die Zwischenprüfung). Vor allem wird man mit mehreren Studenten gleichzeitig geprüft (meist zu viert, in anderen Kursen auch schon mal vor dem ganzen Kurs; ich hatte zwei Teilprüfungen über jeweils 15 Minuten abgesprochen, mit nur einer weiteren Studentin). Die Fragestellungen waren sehr offen, das Ziel scheint zu sein, möglichst lange zu reden und das Gelernte in drei oder vier Antworten wiederzugeben. Die Prüfungen beziehen sich nicht nur auf die Vorlesung sondern vor allem auf vier oder fünf Bücher, die vorher abgesprochen wurden. Bei einem oder zwei hatte ich die Möglichkeit zu wählen, ein theoretischer Text ist meist dabei und immer ein Überblickswerk, entweder ein Handbuch oder ein Schulbuch fürs Lyzeum (800 Seiten und auf erstaunlich hohem Niveau). Wer die Prüfung nicht schafft oder seine Note verbessern will, kann sich ohne Weiteres nochmals anmelden.
 

Fazit:

Natürlich gehört zu einem Auslandsaufenthalt etwas Weltoffenheit. Man muß sich auf eine fremde Sprache einstellen und auf andere Menschen zugehen, viel fragen und sich um Sachen kümmern, die hier von selbst laufen. Wer sich darauf einläßt wird sehr viel neue Erfahrungen machen und so viele interessante Menschen kennenlernen wie im ganzen "heimischen" Studium nicht. Wem die west-fälische Lebensart manchmal etwas zu ernst ist, wer eine wundervolle Sprache lernen will und sich nicht auf ausgetretenenen Pfade zu englischen oder englischsprachigen Universitäten begeben will, sollte für ein oder zwei Semester in bella Italia studieren. Und wer der Meinung ist, daß zum Studium etwas Studentenleben in einer wunderbaren Stadt gehört, wer ein großes Studienangebot mit internationaler Ausrichtung zu schätzen weiß und eine Menge Paßfotos übrig hat, der ist in Bologna genau richtig.