ZiF-Arbeitsgemeinschaft

Medienästhetik der Komik

Termin: 6. - 8. Juli 2017
Leitung: Susanne Kaul (Münster, GER), Tom Kindt (Fribourg, SUI)

Die ZiF-Arbeitsgemeinschaft Medienästhetik der Komik hat sich zum Ziel gesetzt herauszuarbeiten, welche in verschiedenen Medien die jeweils spezifischen Verfahren der Komikerzeugung sind. Entsprechend wurden die Sektionen nach Medien und Gattungen unterteilt: Film (Kino-Spielfilme, Zeichentrickfilme, TV-Comedies, Videokunst), Musik, Literatur (Lyrik, Witze), Comics, Cartoons, Stand-up Comedy und Theater.

Judith Ellenbürger widmete sich in ihrem Beitrag der Komik der Kamera in Filmen von Wes Anderson und legte dar, wie der Formalismus der Bildsymmetrie vor dem Hintergrund der mechanischen Starrheit interpretiert werden kann, die laut Bergson eine wesentliche Quelle der Komik darstellt. Matthias Hänselmann lieferte sodann eine Übersicht zeichentrickspezifischer Formen von Komik wie groteske Deformationen der Körper, die komplette Rückverwandlungen erfahren. In neueren Formen des Zeichentrickfilms werde Komik zuweilen auch durch Metalepsen erzeugt, beispielweise wenn eine Figur aus dem Kader fällt. Metalepsen sind häufig eine Quelle der Komik. Beim Film ist es nicht selten der Blick in die Kamera, bei Comic und Zeichentrickfilm das Überschreiten der Panels bzw. des Kaders. Die Filmsektion schloss mit einem weiteren Beitrag zum Zeichentrickfilm, der aber einen anderen Akzent setzte. Kai Spanke zeigte am Beispiel des Films Zooutopia (2016), wie intertextuelle Bezüge zu anderen Filmen auf filmspezifische Weise Komik erzeugen. Kulturelles Wissen ist hier wie auch in anderen Medien eine Voraussetzung für das Verständnis des Komischen.

Christian Maintz widmete sich dem Medium Literatur, um zu zeigen, dass komische Lyrik zumeist an eine unerwartete parodistische Auflösung der pathosgeladenen Hochsprache gebunden ist. Dies führte Maintz auch an eigenen Beispielen aus seinem Gedichtband Liebe in Lokalen (2016) vor. Erwartungsbruch und Fallhöhe können auch in der Komik der Musik eine entscheidende Rolle spielen, wie Stefan Balzter darlegte. Am Beispiel einer Szene aus dem Film Crossroads (1986), in der ein Gitarrist in seiner Aufnahmeprüfung Mozarts Rondo Alla Truck in einen Blues übergehen lässt, wurde verdeutlicht, wie auch in der Musik die unerwartete und inkongruente Mischung verschiedener Stile Komik erzeugen kann.

Uwe Wirth näherte sich der Medienästhetik der Komik mit einem theoretischen Beitrag, in dem er die These verfolgte, dass Komik im Ohr des Betrachters liege. Damit machte er die performative Inkongruenz als Quelle der Komik geltend, indem er die materiale Zeichenqualität komischer Äußerungen, die Tonalität, in den Fokus rückte. Die performativen Aspekte der Komik nahm auch Tom Kindt ins Visier, indem er die gestischen, mimischen und stimmlich-tonalen Mittel der Stand-Up-Comedy am Beispiel von Louis CKs Erzäklperformance Oh my God (2013) analysierte. Diskutiert wurden im Anschluss an diesen Beitrag auch die Rolle des Publikums sowie die Bedeutung der emotionalen Anteilnahme, die laut Bergson aus der Komik eliminiert werden soll. Jens Roselt legte am Beispiel einiger Theaterinszenierungen von Frank Castorf, in denen ins Publikum geschossen wird oder ein Koffer ins Publikum fällt, dar, wie Komik hier in der Interaktion mit den Zuschauern erzeugt wird.

Anhand des Comics zeigte Rolf Lohse, dass Komik sich in diesem Medium häufig aus einer hohen Medienreflexivität speist. Dies legte er anhand einiger Beispiele von metaleptischer Komik aus Pascals Jousselins Imbattable (2017) dar, in denen die Comic-Panels überschritten werden. Medienreflexivität kann auch als filmische Parodie eingesetzt werden, wie Alexander Brock anhand von Beispielen der TV-Comedy demonstrierte, in denen Schnittkonventionen oder DVD-Formate nachgeahmt werden. Hier wird zumeist auch mit einem Kontrast zwischen Bild und Ton gearbeitet, den auch Jessica Nitsche am Beispiel von Videos der Stiftung imai als Quelle der filmischen Komik durch inkongruente Montagen ausmachte.

Dem Vergleich von sprachlicher und visueller Komik im Cartoon widmeten sich die Beiträge von Hempelmann und Wirag. Christian F. Hempelmann befasste sich mit visueller Komik. Im Zentrum des Vortrags stand die mehrschichtige Illustration der motiviert-ikonischen Natur bildhafter Kommunikation im Unterschied zur arbiträr-symbolischen von Sprache. Kernbeispiel des Vortrags war der visuelle Kalauer in seinen verschiedenen Spielarten. Mit Nicolas Mahler sprach Lino Wirag über einen deutschsprachigen Comicautor der Gegenwart. Anhand von Scott McClouds Schema zeichnerischer Abstraktion zeigte Wirag, dass Mahlers Arbeiten sich verschiedener Formen von Abstraktion zugleich bedienen, um komische Wirkungen zu entfalten oder zu unterstützen.

Zum Abschluss der Tagung wurden in zwei theoretischen Beiträgen allgemeine Überlegungen zur Graduierbarkeit von Komik und zum Zusammenhang zwischen Komik und Anschaulichkeit angestellt. Robert Vellusig stellte am Beispiel von Arzt-Witzen die These auf, dass die Täuschung des Publikums zur Steigerung der Komik beitrage, und Tilmann Köppe widmete sich der Frage, ob es Fälle gebe, in denen Komik von Anschaulichkeit abhängig sei. Auch hier wurde die Graduierbarkeit diskutiert, also ob Anschaulichkeit eine Pointe komischer mache.

Insgesamt ist es der Arbeitsgemeinschaft gelungen, mithilfe der verschiedenen Zugänge aus der Literatur-, Film-, Theater-, Musikwissenschaft etc. die jeweilige Spezifik der Komik in den Medien herauszukristallisieren als auch übergreifende Linien zu verfolgen wie Metalepsen und Medienreflexivität als Quellen der Komik und die Bedeutung der Performativität und Rezeption.

Teilnehmerinnen und Teilnehmer

Stefan Balzter (Ortenberg, GER), Alexander Brock (Halle (Saale), GER), Judith Ellenbürger (Hamburg, GER), Matthias C. Hänselmann (Münster, GER), Christian Hempelmann (Commerce, USA), Tilmann Köppe (Göttingen, GER), Rolf Lohse (Bonn, GER), Christian Maintz (Hamburg, GER), Jessica Nitsche (Düsseldorf, GER), Jens Roselt (Hildesheim, GER), Kai Spanke (Berlin, GER), Robert Vellusig (Graz, AUT), Lino Wirag (München, GER), Uwe Wirth (Gießen, GER)

Tagungsprogramm
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