ZiF-Arbeitsgemeinschaft
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Theater als Tausch und Gabe: gabentheoretische Perspektiven




Termin: 26. - 28. Oktober 2017
Leitung: Ingrid Hentschel (Bielefeld, GER)

Zeitgenössische Theaterformate entwickeln vielfältige Formen und Strategien, die den Status der Akteure und die Position der Zuschauer in Bewegung bringen. Angesichts neoliberaler Entwicklungen sind nicht-utilitaristische künstlerische Praxen des Gebens und Nehmens auch politisch mit den Zielen von Begegnung und Teilhabe motiviert. Aber auch im eher traditionellen Schauspieltheater finden sich Prozesse von Kooperation, von Austausch, Wechsel- und Gegenseitigkeit: Ohne sie ist keine Schauspieltechnik, keine Improvisation oder Rolleninteraktion denkbar, ebenso wenig wie eine Aufführung, die nur im – wenn auch häufig stillen – Zusammenwirken von Bühne und Zuschauer beschrieben werden kann.

Prozesse von Austausch und Wechselseitigkeit sind vor allem im Kontext der interdisziplinären Forschung unter dem Begriff der Gabe untersucht worden. Hier hat sich im letzten Jahrzehnt international ein äußerst differenzierter Diskurs über die sozialen, ethischen und ästhetischen Dimensionen des Zusammenwirkens entwickelt. Die Tagung brachte gabentheoretische Ansätze zu Austausch und Wechselseitigkeit aus Kultur- und Medienwissenschaften, Soziologie, Sozialphilosophie und Anthropologie zusammen mit theater- und kunstwissenschaftlichen Expertisen mit dem Ziel, der besonderen Verflechtung von ästhetischen und sozialen Prozessen in der Theaterkunst Rechnung zu tragen. Auf der anderen Seite versprach der Bezug auf ästhetische und theatrale Phänomene neue Impulse für die Forschung im Feld der Gabenpraxen.

Unter Beteiligung von 50 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern, aber auch Künstlern und Künstlerinnen aus acht Ländern wurden Fragen nach der Relevanz gabentheoretischer Forschungen für die Theaterwissenschaft und Performance Studies behandelt: Inwieweit sind Theateraufführungen als immaterielle Gaben an die Zuschauer zu verstehen? Was wird den Partizipierenden durch ihre Teilnahme gegeben? Wie sehen die spezifischen Prozesse von Wechselseitigkeit und Austausch in Produktion und Rezeption aus? Welche Konzepte der Gabeforschung sind geeignet, die spezielle Gemengelage von ästhetischer Freiheit und sozialer Kooperation und Verpflichtung zu beschreiben, wie sie gegenwärtig in aktuellen Theater- und Performanceformaten anzutreffen ist?

Im Zentrum der Beiträge stand die Frage nach dem Verhältnis von alltäglicher und extraordinärer Gabepraxis, von Tausch und Gabe. Dabei zeigten sich in der Vielschichtigkeit der interdisziplinären Zugriffe zahlreiche Übereinstimmungen: Betont wurde die Unverfügbarkeit, mit Risiko behaftete Unkalkulierbarkeit sowohl von Gaben- wie von Theaterereignissen (Adloff, Görling, Sansi), die paradoxe Verflechtung von sozialer Bindung und Autonomie (Roselt, Phytinnen), von Verhüllung und Enthüllung (Silber, Miklautz), Aktivität und Passivität (Gutjahr, Seitz) in den Praxen theatraler und performativer Künste. Mit konkretem Bezug auf aktuelle Kunst- und Theaterprojekte, z.B. von Milo Rau und Roger Bernat, ließ sich die vielfach in der Kunstpraxis wirksame Utopie einer reinen Gabe kritisch diskutieren (Sansi, Westphal, Görling).

Es zeigte sich, wie die Perspektivität des Gabediskurses geeignet ist, die theaterwissenschaftliche Forschung sowohl um sozialphilosophische wie soziologische Fragestellungen in der Verschränkung mit autonomieästhetischen Konzeptionen zu bereichern. Die paradoxe Verfasstheit künstlerischer Praxis (Christoph Menke) findet ihre Entsprechung im Paradox der Gabe zwischen Freiheit und sozialer Verpflichtung. Abschließend war zu konstatieren, dass vor allem den ästhetischen Eigenschaften von Gabepraktiken eine experimentelle Dimension innewohnt, die Ausdruck einer ästhetischen Freiheit von der Welt der Normativität ist und über die Künste hinaus auch im Alltag Relevanz beanspruchen kann.

Neben den renommierten Fachbeiträgen waren auch zwei Kunstprojekte Teil der Veranstaltung. Una H. Moehrke und der Opernsänger Hartmut Schröder intonierten Texte zur Kunst der Gabe im Sinne responsiver Resonanzen, und Anton Rey konnte mit der interaktiven Installation The Art is present die Teilnehmerinnen und Teilnehmer zur Gabe des eigenen Avatars verführen.

Insgesamt war die Tagung von einer überaus lebendigen Diskussionskultur geprägt und konnte neue Forschungsperspektiven in der interdisziplinären Begegnung von Theaterkunst und Gabendiskurs anstoßen. Das zeigte sich neben dem Zuspruch von Seiten der Wissenschaften nicht zuletzt auch in der Teilnahme von aktiven Künstlerinnen und Künstlern. Darüber hinaus fand die Veranstaltung auch aktuelles Medieninteresse (WDR Interview).

Teilnehmerinnen und Teilnehmer

Simone Adams-Weggen (Herford, GER), Frank Adloff (Hamburg, GER), Evelyn Annuß (Berlin, GER), Michael Bies (Berlin, GER), Susanne Bosch (Berlin, GER), Anna Bella Eschengerd (Bielefeld, GER), Saskia Fischer (Bielefeld, GER), Barbara Frey (Bielefeld, GER), Juliane Gerland (Siegen, GER), Birte Giesler (Bielefeld, GER), Reinhold Görling (Düsseldorf, GER), Matthias Gräßlin (Bielefeld, GER), Ortrud Gutjahr (Hamburg, GER), Joris Corin Heyder (Bielefeld, GER), Gert Hofmann (Cork, IRL), René Kaufmann (Dresden, GER), Barbara Meerkötter (Berlin, GER), Elfie Miklautz (Wien, AUT), Una H. Moehrke (Halle (Saale), GER), Freya Katharina Neumann (Halle (Saale), GER), Eberhard Ortland (Münster, GER), Olli Pyyhtinen (Tampere, FIN), Anton Rey (Zürich, SUI), Karina Rocktäschel (Berlin, GER), Ramon Rodriguez Aguilera (Sevilla, ESP), Jens Roselt (Hildesheim, GER), Roger Sansi-Roca (Barcelona, ESP), Hartmut Schröder (Leipzig, GER), Eva-Maria Schultze (Halle (Saale), GER), Theresa Schütz (Berlin, GER), Liska Sehnert (Köln, GER), Hanne Seitz (Potsdam, GER), Ilana Fridrich Silber (Ramat Gan, ISR), Gertrud Siller (Bielefeld, GER), Gerhard Stamer (Hannover, GER), Nicola Tams (Chemnitz, GER), Inken Tegtmeyer (Hildesheim, GER), Virginia Thielicke (Hamburg, GER), Andrea Trenkwalder-Egger (Innsbruck, AUT), Rüdiger Volz (Bochum, GER), Luise von Rohden (Halle (Saale), GER), Michel Weber (Zürich, SUI), Kristin Westphal (Koblenz, GER), Beatrix Wildt (Bielefeld, GER), Johannes Wildt (Bielefeld, GER), Barbara Wilhelmi (Friedberg, GER), Nicole Zielke (Bielefeld, GER)


WDR 3 Mosaik 27.10.2017, Interview von Raoul Mörchen mit Ingrid Hentschel

Tagungsprogramm
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