ZiF-Arbeitsgemeinschaft
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Horst Bredekamps Theorie des Bildaktes

Autorenkolloquium mit Horst Bredekamp
Termin: 5.- 6. April 2018

Leitung: Karlheinz Lüdeking (Berlin, GER), Johannes Grave (Bielefeld, GER)

2010 veröffentlichte Horst Bredekamp die aus seinen Frankfurter Adorno-Vorlesungen hervorgegangene Theorie des Bildaktes, die seit 2015 in einer revidierten und nunmehr maßgeblichen zweiten Auflage unter dem Titel Der Bildakt vorliegt. Die Probleme, die darin behandelt werden, stehen im Zentrum sehr grundsätzlicher und zudem hochaktueller Diskussionen, die nicht nur die Geistes- und Kulturwissenschaften beschäftigen. Bredekamp stellt grundlegende Fragen nach dem Status von Bildern und versucht zu zeigen, wie es möglich ist, dass diese so weitgehende Wirkungen erzielen können, dass man geneigt ist, ihnen eine Autonomie und sogar ein eigenes »Leben« zuzusprechen. Ein solches Erkenntnisinteresse bewegt sich offenkundig in einem Feld, das disziplinäre Grenzen überschreitet. Die Theorie des Bildakts berührt philosophische Fragen nach dem Gehalt von Begriffen wie »Bild« und »Akt« oder »Handlung«, erfordert aber auch kunsthistorische Sensibilität für die individuellen Qualitäten konkreter Bilder. Sie setzt ein Bewusstsein für die Spezifik unterschiedlicher Medien voraus und verlangt nach genauen historischen und kulturellen Differenzierungen. Zudem sucht sie das Gespräch mit Psychologie und Kognitionswissenschaften und profitiert von Anregungen aus der Ethnologie, der Paläontologie, der Theologie und nicht zuletzt aus der künstlerischen Praxis. Bredekamps Buch eignet sich daher in besonderer Weise für ein interdisziplinäres Autorenkolloquium, wie es am 5. und 6. April 2018 am ZiF stattfand.

Das Kolloquium zog eine vorläufige Bilanz der ebenso kontroversen wie produktiven Rezeption des Buches und verdeutlichte vor allem die Potenziale, die eine Theorie des Bildakts für weitere Forschungen in verschiedenen Disziplinen bereithält. Die intensiven Gespräche nahmen dabei vier Leitfragen in den Blick. Zunächst wurden die Bedingungen der Möglichkeit einer Rede von »Bildakten« diskutiert. Welche Argumente sprechen dafür oder dagegen, Bildern eine eigene Wirk- oder gar Handlungsmacht zuzusprechen? Im Zentrum der zweiten Gesprächsrunde standen Fragen der Materialität, der Relation von Natur und Kunst sowie jene Aspekte des Bildes, die sich einer instrumentellen Nutzung entziehen. Dieser Teil des Kolloquiums machte in einer besonders kontroversen Diskussion mit der Anregung der Bildakt-Theorie ernst, an die Grenzen vertrauter Begriffsbestimmungen von Bild, Kunst und Handlungsmächtigkeit zu gehen. Die dritte Sektion des Kolloquiums erörterte, ob die »Macht« der Bilder gegenwärtig verstärkt zu einer Herausforderung wird. Dabei galt die Aufmerksamkeit technischen Innovationen ebenso wie den Folgen der Globalisierung, der Verantwortung für ein koloniales Erbe sowie dem politischen Einsatz von Bildern. Abschließend wurde nach Folgerungen gefragt, die eine Theorie des Bildaktes für das Verständnis konkreter Kunstwerke und für die Theorie der Kunst im Allgemeinen hat.

Das Kolloquium zeigte immer wieder in eindrucksvoller Weise, wie sehr die Bildakt-Theorie traditionelle Denkmuster und ontologische Grundüberzeugungen in Frage zu stellen vermag. Über die zentralen Thesen des Buches von Horst Bredekamps bildete sich daher naturgemäß kein allseitiger Konsens heraus. Sehr klar zeichnete sich aber ab, welche Produktivität die mit dem Buch formulierten Herausforderungen in verschiedenen Disziplinen entfalten. Mehrfach deutete sich an, dass die Theorie des Bildakts als Teil einer Entwicklung in den Kultur- und Sozialwissenschaften verstanden werden kann, in deren Zuge gängige Dichotomien (Subjekt versus Objekt, Kunst versus Natur, Form versus Stoff) fragwürdig werden. Auf jeweils ganz verschiedene Weise unterlaufen zum Beispiel Forschungen zu Kulturtechniken, Praxistheorien und Theorien der Affordanz verfestigte Grenzziehungen, um stattdessen die Bedeutung von Vernetzungen, Verkettungen, Interaktionen und Resonanzen von menschlichen Akteuren und Artefakten in den Blick zu nehmen. Die Theorie des Bildakts lädt dazu ein, der Spezifik von Bildern auch in diesem Kontext ein besonderes Augenmerk zu schenken.

Teilnehmerinnen und Teilnehmer

Thomas Bechinger (Stuttgart, GER), Gottfried Boehm (Basel, SUI), Aida Bosch (Erlangen, GER), Horst Bredekamp (Berlin, GER), Sabine Gaudzinski-Windheuser (Neuwied, GER), Hans Peter Hahn (Frankfurt am Main, GER), Reinhard Hoeps (Münster, GER), Ulrike Kadi (Wien, AUT), Margit Kern (Hamburg, GER), Tanja Klemm (Konstanz, GER), Marion Lauschke (Berlin, GER), Frank Liedtke (Leipzig, GER), John A. Nyakatura (Berlin, GER), Wolfgang Prinz (Leipzig, GER), Erhard Schüttpelz (Siegen, GER), Stefan Trinks (Berlin, GER)

Organisatorische Fragen beantwortet Marina Hoffmann im Tagungsbüro. Bei inhaltlichen Fragen wenden Sie sich bitte direkt an die Veranstaltungsleitung.


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