Center for Interdisziplinary Research
 
 

ZiF-Forschungsgruppe

Ethik des Kopierens

2015/2016

Leitung: Reinold Schmücker (Münster, GER), Thomas Dreier (Karlsruhe, GER), Pavel Zahrádka (Olomouc, CZE)

Das Kopieren von Dingen oder Verhaltensweisen ist aus dem menschlichen Leben nicht wegzudenken. Es ist unerläßlich für individuelle und gesellschaftliche Lernprozesse, kulturelle Entwicklung und erfolgreiches Wirtschaften. Und es ermöglicht Demokratisierungsprozesse, indem Kulturgüter und relevante Informationen weithin zugänglich werden.

In welchen Fällen und in welchem Ausmaß es legitim oder illegitim sein mag, ein Artefakt, eine Idee, bestimmte Aspekte der körperlichen Erscheinung eines Menschen oder auch bestimmte Formen des Verhaltens von jemandem zu kopieren, ist jedoch vielfach strittig - wie auch die Frage, wer wem gegenüber das Recht haben sollte, Forderungen zu erheben, die auf eine Einschränkung oder die Unterbindung bestimmter Akte oder Arten des Kopierens abzielen. Annahmen über die Legitimität verschiedener Kopierpraktiken sowie von Weisen des Umgangs mit Kopien sind in verschiedenen Kulturen teilweise sehr unterschiedlich ausgeprägt, durch technische Entwicklungen sowie durch religiöse, politische und ökonomische Faktoren bedingt und historischem Wandel unterworfen.

Das wichtigste normative Instrument zur Regulierung des Kopierens in modernen Gesellschaften ist das Recht, wobei neben dem Urheberrecht bzw. Copyright im engeren Sinn auch das Patent- und Markenrecht, wettbewerbsrechtliche Normen und weitere Rechtsgebiete relevant sind. Immer größer wird jedoch die Kluft zwischen dem geltenden Recht und gesellschaftlich verbreiteten moralischen Überzeugungen hinsichtlich der Legitimität des Kopierens. Das Urheberrecht und die ihm benachbarten Rechtsgebiete verlieren deshalb national und international an Akzeptanz. Der Übergang von einer Gesellschaft, in der das Sacheigentum und die Verfügung über dingliche Artefakte eine zentrale Rolle spielte, hin zu einer Gesellschaft, in der vor allem der Zugang zu elektronischen Daten als entscheidend angesehen wird, verstärkt diese Tendenz.

Eine Ethik des Kopierens, die Maßstäbe zur Bewertung und Kritik unterschiedlicher Kopierpraktiken und allfälliger Ansprüche auf die Einschränkung oder Unterbindung bestimmter Akte oder Arten des Kopierens formulieren könnte und Aussicht auf breite Akzeptanz hätte, wenn es ihr gelänge, einen gerechten Ausgleich zwischen den divergierenden Interessen der verschiedenen Akteure und Betroffenen zu finden, gibt es bisher allenfalls in Ansätzen.

Das Ziel der Forschungsgruppe, in der Rechtswissenschaftler mit Philosophen, Kunsthistorikern, Literatur-, Musik- und Medienwissenschaftlern sowie mit Kultur- und Sozialwissenschaftlern zusammenarbeiten, liegt in der Entwicklung von Grundlagen einer Ethik des Kopierens und in der Ausarbeitung von konkreten Vorschlägen zur Unterscheidung zwischen legitimen und illegitimen Kopierpraktiken, die auch für die Weiterentwicklung der einschlägigen rechtlichen Normen relevant werden können.



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