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Bielefeld Graduate School

in History and Sociology

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Dominique Schröder

Niemand ist fähig, alles in Worten auszudrücken." Tagebuchschreiben in nationalsozialistischen Konzentrationslagern, 1939-1945

"Auf jeden Fall haben wir beschlossen, von nun an ein Tagebuch zu führen, das wir abwechselnd je eine Woche führen werden!", notieren die nach Bergen-Belsen deportierten Hans Horwitz und Arnold David Koller Anfang März 1944 in ihr Tagebuch. Dieser und ca. 50 andere - deutsche, französische, niederländische und polnische - Texte stehen im Zentrum einer vergleichende Analyse von Tagebüchern, die "jüdische" und "politische" Häftlinge in nationalsozialistischen Konzentrationslagern zwischen 1933 und 1945 geschrieben haben. Im Fokus des Erkenntnisinteresses befinden sich die sprachlichen Strategien der Diaristen sowie die Funktionen des Schreibens. Zum einen wird so die Perspektive der Opfer auf ihre alltäglichen Erfahrungen in den Blick genommen. Zum anderen kann die Bedeutung von Tagebüchern jenseits ihres Informationsgehaltes betont werden, da Tagebücher in historiographischen Arbeiten bisher überwiegend zu deskriptiven oder illustrativen Zwecken herangezogen wurden, um anderweitig ermittelte Sachverhalte zu illustrieren oder zu korrigieren. Ihr diesbezüglicher Wert ist nicht zu bestreiten, jedoch verschenkt eine Reduktion auf diese Funktionen viel vom Potential der Texte. Daher werden Tagebücher im Projekt unter einer neuen Perspektive betrachtet und als sprachliche Handlungen verstanden. Dies ermöglicht es, zusätzlich zur inhaltlichen Ebene sprachliche Markierungen zu untersuchen, wobei die Frage nach dem sprachlichen Umgang der Diaristen mit ihren Erfahrungen leitend für die Analyse ist. Nicht was die Diaristen schrieben, sondern wie und warum sie es so schrieben - und nicht anders - steht im Fokus. Die Tagebücher sind als eine spezifische Form der sprachlichen Erfahrungsverarbeitung und Sinnstiftung zu verstehen. Im Gegensatz zu retrospektiv verfassten Texten erlauben sie einen unmittelbaren zeitlichen und räumlichen Zugriff zur Beantwortung verschiedener Fragekomplexe. Durch das methodische Vorgehen kann es gelingen, bislang gängige Narrative der NS-Forschung zu modifizieren oder neue Fragestellungen anzuregen, die sich einerseits auf den Alltag in Konzentrationslagern aus der Perspektive unterschiedlicher Opfergruppen, andererseits auf die Funktionen des Tagebuchschreibens jenseits seiner Zuschreibung zur jüdischen Tradition des Zeugnisablegens beziehen.



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