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Bielefeld Graduate School
in History and Sociology
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Gleb J. Albert

E-Mail: gleb.albert@uzh.ch

Web: http://www.hist.uzh.ch/fachbereiche/neuzeit/lehrstuehle/dommann/team/projektmitarbeitende/albert.html

Das Charisma der Weltrevolution. Revolutionärer Internationalismus in der frühen Sowjetgesellschaft

Wissenschaftspreis 2015 der Rosa-Luxemburg-Stiftung Sachsen (2016)

Dissertationspreis 2015 der Universitätsgesellschaft Bielefeld (2016)

Die Historiographie zur Geschichte der frühen Sowjetunion ist von einem Paradox geprägt. Einerseits besteht breiter Konsens über den zentralen Stellenwert der Ideen der Weltrevolution und der internationalen Klassensolidarität für die sowjetische Politik und Kultur im ersten Jahrzehnt nach der Oktoberrevolution. Andererseits begnügte sich die bisherige Forschung damit, diese Ideen lediglich anhand der Schriften der Parteiführer zu analysieren, und verwies jede gesellschaftliche Resonanz des bolschewikischen Internationalismus in den Bereich des Irrelevanten. Die Dissertation setzt an diesem Punkt an und präsentiert erstmals eine Gesellschaftsgeschichte des revolutionären Internationalismus in der frühen Sowjetunion.

Basierend auf größtenteils neu erschlossenen Quellen aus russischen und deutschen Archiven untersucht die Arbeit die Bedeutung der internationalen Solidarität und der Idee der Weltrevolution für sowjetische Aktivisten an der Parteibasis und die Bevölkerung darüber hinaus; die Möglichkeiten, die frühsowjetischen Bürgern zu Verfügung standen, an revolutionären Ereignissen im Ausland teilzuhaben; und schließlich die Transformation des Internationalismus zum Synonym für innersowjetische "Völkerfreundschaft" unter Stalin. Angestrebt wird dabei keine bloße Diskursgeschichte des Internationalismus: Im Sinne einer erneuerten Gesellschaftsgeschichte wird der Blick auf die individuellen Akteure gerichtet, durch deren Handlungen, Interaktionen und Weltdeutungen sich eine Gesellschaft überhaupt erst konstituiert.

Um die Entwicklungsgeschichte des sowjetischen Internationalismus-Konzeptes und seiner gesellschaftlichen Resonanz von der omnipräsenten Weltrevolutions-Euphorie der Bürgerkriegsjahre bis hin zur nationalen Umorientierung der Stalinzeit analytisch zu fassen, zieht die Arbeit Max Webers Theorie des Ideen-Charismas heran. Revolutionärer Internationalismus wird als eine charismatische Idee begriffen, die weite Kreise von Regime-Anhängern "beherrschte", ihnen eine kohärente Weltdeutung lieferte und ihr Handeln motivierte - weil die Erwartung einer nahenden revolutionären Erlösung aus dem Ausland nahtlos an ihre prekären Lebenswelten und die Erfahrungen von Weltkrieg, Revolution und Bürgerkrieg anknüpfen konnte. Weit davon entfernt, lediglich ein abstraktes theoretisches Dogma zu sein, wurde die Idee der Weltrevolution so zu einem wirkmächtigen (Selbst-)Mobilisierungsinstrument für einen Teil der Bevölkerung. Als sich die sowjetische Gesellschaft jedoch nach dem Ende des Bürgerkriegs stabilisierte und normalisiere, und zugleich die Nachkriegs-Revolutionswelle in Europa abflaute, durchlief das internationalistische Charisma einen Prozess der "Institutionalisierung" und "Veralltäglichung", also der Überführung in einen nichtrevolutionären Alltag und der Anhaftung an organisatorische Strukturen. Dieser Prozess wird in der Arbeit am Beispiel der MOPR untersucht, einer internationalistischen Massenorganisation, die von der Partei dazu berufen wurde, internationalistisches Engagement in festgefügten Praxisformen zu kanalisieren. Es werden jedoch auch Praktiken analysiert, die sich außerhalb dieser Organisation abspielten und eine symbolische (Demonstrationen, internationale Gefangenen-Patenschaften) wie auch unmittelbare Partizipation (Empfang ausländischer Arbeiterdelegationen, Esperanto-Korrespondenz) an der internationalen revolutionären Bewegung und ihre Repräsentanten ermöglichte. Abschließend werden die Gründe für das Verschwinden internationalistischer Diskurse und Praktiken ab den 1930er Jahren analysiert; der Verfasser kommt zum Schluss, dass die Gründe dafür nicht bloß in der von Stalin verordneten Linie des "Sozialismus in einem Land" zu suchen sind, sondern bereits in den Widersprüchen zwischen dem Internationalismus als charismatischer Idee und dem starren sowjetischen Korsett des "öffentlichen/gesellschaftlichen Aktivismus" in den 1920er Jahren.

Die Relevanz der Dissertation geht darüber hinaus, lediglich einen verschütteten Teilaspekt der frühsowjetischen Geschichte freigelegt zu haben. Die Untersuchung des revolutionären Internationalismus und seiner Wandlungen bietet einen Zugang zur umfassenden Analyse der Anfänge der Sowjetgesellschaft, ihrer transnationalen Verflechtungen und des aus ihr hervorgehenden Stalinismus.

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