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Bielefeld Graduate School

in History and Sociology

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Jens Elberfeld


Selbst/Regulation. Eine Wissensgeschichte der Therapeutisierung

E-Mail: Jens.Elberfeld@paedagogik.uni-halle.de

Web: http://paedagogik.uni-halle.de/arbeitsbereich/hist_erzw/mitarbeiter-innen/2841466_3094234/

In meiner Dissertation gehe ich der Frage nach, wie es zur heutigen Allgegenwart von Psychotherapie, Beratung, Coaching und Supervision kommen konnte und was dies eigentlich mit 'uns' macht. Mit anderen Worten handelt es sich um eine "Geschichte der Gegenwart", die den Prozess der Therapeutisierung, verstanden als zunehmende Verbreitung und Verwendung von im weitesten Sinne psychologischem Wissen und therapeutischen Praktiken, aus einer genealogischen Perspektive untersucht.

Im ersten Teil meiner Arbeit betrachte ich die Entstehung der Psychiatrie und weiterer Psy-Disziplinen seit Ende des 18. Jahrhunderts aus einer primär wissensgeschichtlichen Perspektive. Infolge der wachsenden Kritik am naturwissenschaftlich ausgerichteten, medizinisch-somatischen Krankheitsmodell der Psychiatrie kam es um 1900 und verstärkt gegen Mitte des 20. Jahrhunderts zu einer ambivalenten Entpathologisierung psychischer Krankheit. Eine wichtige Rolle fiel dabei der Kybernetik zu, der ein gesondertes Augenmerk gilt. Erst vor diesem Hintergrund konnten therapeutische Praktiken jenseits der Anstalt und zu den unterschiedlichsten Zwecken Anwendung finden. Möglich wurde dies vermittels der Diffusion in wohlfahrtsstaatliche Strukturen und soziale Netzwerke.

Im zweiten Teil untersuche ich deshalb, wie sich ein heterogenes Psychowissen in der BRD der 1950er bis 1990er Jahre zu institutionalisieren vermochte. Auf diese Weise wird das Thema historisch breit kontextualisiert, wobei der Schwerpunkt auf den "langen Siebzigern" liegt. Ausgehend von der Annahme, dass sich der Prozess der Therapeutisierung weder auf die Medizin und das Gesundheitssystem beschränken, geschweige denn ohne sie angemessen verstehen lässt, nehme ich fünf verschiedene Bereiche genauer in den Blick: Psychiatrie, Psychotherapie, Beratung, Soziale Arbeit/Pädagogik und den diffusen Grauen Markt aus Selbsthilfeinitiativen, esoterischen Gruppen und kommerziellen Anbietern. In Anlehnung an Pierre Bourdieu spreche ich diesbezüglich von der Entstehung eines therapeutischen Feldes, dessen interne Distinktionskämpfe entscheidend zur fortwährenden Ausbreitung und Ausdifferenzierung beitrugen. Die zentrale Relevanz dieser Entwicklung für die Zeitgeschichte ergibt sich aus den nachhaltigen Effekten auf die Konstitution von Subjekt und Gesellschaft.

Im dritten Teil konzentriere ich mich daher auf die Geschichte der Familientherapie. An ihr zeige ich paradigmatisch, wie sich das therapeutische Feld neue, nicht-medizinische Anwendungsbereiche im Beratungswesen, der Pädagogik und Supervision bis hin zum Coaching erschlossen hat. Darüber hinaus wird am Fall der Familientherapie analysiert, wie die Therapeutisierung konkret auf die Selbst- und Fremdführung von Individuen ebenso wie Gruppen einwirkte. Im Kontext des tiefgreifenden Wandels von Familie, Partnerschaft und Erziehung insbesondere seit den späten 1960er Jahren bot sie Techniken an, mittels derer man an sich und seinen Beziehungen arbeiten konnte und zugleich auch musste. Dabei ging es gerade nicht mehr um die Erfüllung starrer, traditioneller Rollenvorstellungen, sondern vielmehr um die Aufgabe, eine flexible Balance zwischen Autonomie und Bindung zu finden. Das Individuum wird dergestalt nicht aus sozialen Beziehungen freigesetzt, wie die Individualisierungstheorie uns glauben macht. Vielmehr wird eine spezifische Form von Subjektivität und Sozialität erzeugt.

Dank der Verknüpfung diachroner und synchroner Perspektiven, dem Fokus auf die Ebene des Wissens und dessen Institutionalisierung sowie der Untersuchung der Familientherapie als historischer Sonde gelingt es mir, neue Erkenntnisse über den eminenten Prozess der Therapeutisierung zu gewinnen. Überdies bette ich ihn in diverse Wandlungsprozesse der bundesdeutschen Gesellschaft ein und liefere so auch einen Beitrag zu weiteren Themen und Fragestellungen der Zeitgeschichte.






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