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Bielefeld Graduate School

in History and Sociology

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Julia Breittruck

E-Mail: julia.breittruck@web.de

Web: http://www.muenchner-stadtmuseum.de/muenchner-stadtmuseum/mitarbeiter.html

Vogel-Mensch-Beziehungen. Eine Geschichte der Haustiere und der Pariser Aufklärung

Definiert der Mensch sich in der Reflexion über das Tier? In der Beantwortung dieser Frage herrscht großenteils eine ideengeschichtliche Perspektive vor. Kulturanthropologisch betrachtet ist das Thema des Umgangs des Menschen mit der Tierwelt eine Konstante menschlicher Gesellschaften, die sich jedoch in jeder Kultur in eigenen Praktiken und Vorstellungen manifestiert. Dabei werden historische Mensch-Tier-Verhältnisse besonders in lokalen, alltagsbezogenen Zusammenhängen deutlich. Interesse dieser Forschungsarbeit ist es, die historische Selbstverortung von Menschen über die Beziehungen zu Tieren zu untersuchen, allerdings nicht vorrangig auf wissenschaftshistorischer und ideengeschichtlicher Ebene, sondern in alltagshistorischen Bezügen. Die Betrachtung des Verhältnisses von Menschen zu Nicht-Menschen als solche bringt dann die methodologische Frage mit sich, auf welche Weise ontologische Dichotomien in der Analyse zu überbrücken sind.

Ausgangsfrage ist folgende: Was sind die in diskursiven und nicht-diskursiven Praktiken hergestellten Beziehungen zwischen Menschen und Tieren, welche Abgrenzungen, Analogieschlüsse und Überschneidung bestimmter Zuschreibungen generieren? Diese Frage besteht aus zwei Teilen: Einmal, woraus bestehen Mensch-Tier-Beziehungen in einem spezifischen historisch-kulturellen Kontext, und zweitens, welche Linien und Grenzbestimmungen zwischen Menschen und Tieren werden dabei gezogen?

Das Haustier ist ein herausragendes Beispiel der Ambivalenzen oder 'Unklarheiten' von Mensch-Tier-Beziehungen. Diese Unklarheiten betreffen erstens Handlungsweisen des Umgangs sowohl mit Tieren als auch mit Menschen - mit Letzteren insofern, als in bestimmten historischen und soziokulturellen Zusammenhängen eine Vermenschlichung des Tieres eine zoomorphe Behandlung oder Begriffsbenutzung von Menschen mit sich bringt oder sogar erst möglich macht. Zweitens werden ontologische oder doxische (Bourdieu) Unterscheidungen und Analogien in Denkweisen durch das Phänomen der Haustierhaltung infrage gestellt.

Entsprechend dem aktuellen Forschungsstand gab es Haustiere in verschiedenen Varianten in zahlreichen Epochen und Kulturen. Erst im Laufe der Frühen Neuzeit wird Haustierhaltung allerdings zu einem sich gesellschaftlich verbreitenden und kulturell relevant werdenden Phänomen. In Paris hat die Entwicklung von Sammelpraktiken sowie der ornithologischen Naturgeschichte im 18. Jahrhundert ein Zentrum. Analog nimmt der städtische Vogelmarkt in diesem langen Zeitraum an Bedeutung zu. Während fremdländische Vögel in der Frühen Neuzeit zunächst vor allem in adligen Kreisen vorhanden waren, entwickelte sich die bürgerliche Exotenhaltung teils als Nachahmung, teils als Abgrenzung von adligen Praktiken. Andererseits unterstrichen mechanische Vögel, von Uhrmachern schon im 17. Jahrhundert hergestellt, die vorgebliche Einzigartigkeit und Überlegenheit des Menschen über die Natur. Aus diesen gesellschaftlichen und kulturellen Phänomenen entstanden Diskurse und Praktiken des Verkaufs, der Haltung, Pflege, Zucht und Wertschätzung von Vögeln in totem oder lebendigem Zustand, d.h. als Sammelobjekte oder eben als Haustiere.

Bürgern in Paris im langen 18. Jahrhundert fiel es einerseits nicht schwer, eine Lerche als Singvogel zu halten, während sie gleichzeitig Lerchenpasteten verspeisten. Andererseits wurden zwischen dem 17. und 19. Jahrhundert zahlreiche Vogelarten sowohl als Wissensobjekt als auch als Freizeitbeschäftigung sowie teilweise als gesellschaftliches Distinktionsmedium beliebt: Ein exotischer Vogel fungierte durchaus als Statussymbol. Vögel als erste Haustiere des Menschen, die sowohl aus "fremdländischen" als auch lokalen Regionen nach Paris kamen, stehen im Zentrum der Frage, inwiefern sich Menschen und soziale Gruppen gerade durch die Praktiken im Umgang mit Vögeln reflektierten bzw. konstituierten.

Den Vogel als Haustier macht, so die These, im erwähnten Zeitraum die Zuschreibung gewisser menschlicher Eigenschaften aus. So erhält der Vogel beispielsweise einen Status als Mitbewohner des Hauses oder wird in Haltungsbüchern hinsichtlich des Gesangs als erziehbares Wesen dargestellt. Zugleich wird ihm ein Bedürfnis nach Zuwendung zugeschrieben. Hierdurch wird ein nicht-menschliches Lebewesen mit mehreren klassifizierenden und anthropomorphen Zuschreibungen versehen, welche wiederum in Wechselwirkung standen mit gesellschaftlichen Kategorien des Menschlichen, sie produzierten oder infrage stellten. Somit lautet die Forschungsfrage: Wie wird der Vogel zum Haustier in Paris im 18. Jahrhundert?






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