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Interdisciplinary Centre
for Health Literacy
Research

Gesundheitskompetenz der Bevölkerung in Deutschland
 

Vergleich der Erhebungen 2014 und 2020

"Ergebnisbericht Gesundheitskompetenz in der Bevölkerung"

 

"Ergebnisbericht Gesundheitskompetenz in der Bevölkerung"

 

Unter Gesundheitskompetenz wird das Wissen, die Motivation und die die Fähigkeit verstanden, gesundheitsrelevante Informationen finden, verstehen, beurteilen und anwenden zu können, um die eigene Gesundheit zu erhalten, sich bei Krankheiten die nötige Unterstützung zu sichern und die dazu nötigen Entscheidungen zu treffen. Um diese Kompetenz empirisch messen zu können, hat eine europäische Forschungsgruppe im Jahr 2012 Erhebungsinstrumente entwickelt. Sie wurden im Jahre 2014 im Rahmen der ersten bundesweiten repräsentativen Erhebung eingesetzt ("Gesundheitskompetenz der Bevölkerung in Deutschland HLS GER 1").

Das zentrale Ergebnis der Erhebung, dass 54,3 % der Bevölkerung über eine eingeschränkte Gesundheitskompetenz verfügten, sich also vor erhebliche Schwierigkeiten dabei gestellt sahen, gesundheitsrelevante Informationen zu verarbeiten, hat große öffentliche Aufmerksamkeit gefunden und zahlreiche weiterführende Studien angestoßen.

Die vorliegende Studie wurde mit dem gleichen Erhebungsinstrument und derselben Methodik wie die Studie aus dem Jahr 2014 durchgeführt. Es handelt sich also um eine klassische Wiederholungsbefragung.

Die wichtigsten Ergebnisse dieser Studie:

Ebenso wie in der ersten Befragung 2014 sieht sich eine Mehrheit der Bevölkerung beim Umgang mit gesundheitsrelevanten Informationen vor große Schwierigkeiten gestellt. Den 2020 Befragten fällt es sogar noch schwerer als denen im Jahr 2014, die komplexen Informa-tionen zu Gesundheit und Krankheit angemessen zu verarbeiten: 64,2 % verfügen über eine eingeschränkte Gesundheitskompetenz. Aus den Antworten geht hervor, dass es möglicherweise die Überfülle und mangelnde Strukturiertheit von Informationen ist, die zu diesen Schwierigkeiten führt.

Die Muster der Gesundheitskompetenz in den verschiedenen Bevölkerungsgruppen haben sich im Zeitvergleich nur wenig verändert, es lassen sich aber einige interessante Nuancierungen erkennen:

  • In allen Altersgruppen hat sich die Gesundheitskompetenz im Verlauf der letzten sechs Jahre verschlechtert; die älteren Altersgruppen fallen durch besonders niedrige Kompetenz auf. Im Unterschied zur Erhebung 2014 schneiden aber 2020 die jüngeren Altersgruppen deutlich schlechter ab.
  • Der Zusammenhang zwischen dem Bildungsstand und der Ausprägung der Gesund-heitskompetenz hat sich im Zeitvergleich weiter verstärkt.
  • Ein ähnlicher Zusammenhang besteht zwischen dem sozialen Status und der Ausprägung der Gesundheitskompetenz.
  • Im Blick auf gesundheitsrelevante Handlungsbereiche fällt auf, dass Krankheitsbewältigung/Versorgung im Zeitvergleich als noch schwieriger eingeschätzt wird als 2014, was als Hinweis darauf verstanden werden kann, dass das Gesundheitssystem komplexer und unüberschaubarer geworden ist.
  • Besonders große Probleme bereitet den Befragten die Beurteilung von Informationen zu Gesundheitsfragen in den Medien. Hier fällt es ihnen 2020 noch schwerer als 2014, die Vertrauenswürdigkeit einzuschätzen und Konsequenzen für das eigene Verhalten daraus abzuleiten. Vieles deutet darauf hin, dass diese Verunsicherung vor allem auf die Zunah-me von Informationen im Internet über Online-Kanäle zurückzuführen ist.
  • Bei der Bedeutung und der Rangfolge von Informationsquellen haben sich Verschiebun-gen ergeben. Hausarzt und Facharzt stehen 2020 noch deutlicher an der Spitze als 2014. Auffällig gestiegen ist allerdings der Stellenwert des Internets. Es gewinnt besonders stark bei Menschen mit einer oder mehreren chronischen Erkrankungen an Bedeutung.
  • Die Folgen einer geringen Gesundheitskompetenz erweisen sich zu beiden Zeitpunkten als gravierend. So haben Menschen mit geringer Gesundheitskompetenz einen schlechteren selbst eingeschätzten Gesundheitszustand, bewegen sich weniger und ernähren sich ungesünder als Befragte mit einer hohen Gesundheitskompetenz. Bevölkerungsgruppen mit einer geringen Gesundheitskompetenz fallen außerdem durch eine überdurchschnittlich häufige Nutzung des Gesundheitssystems auf.

Die Ergebnisse beider Studien weisen darauf hin, wie wichtig es ist, stärker in die Förderung der Gesundheitskompetenz der Bevölkerung zu investieren und geeignete Rahmenbedingun-gen für eine nutzerfreundliche Gestaltung der Versorgungsangebote zu schaffen. Der "Nationale Aktionsplan Gesundheitskompetenz", der als Reaktion auf die Ergebnisse der ersten Erhebung im Jahr 2018 erstellt wurde, unterbreitet hierzu detaillierte Vorschläge.

 

Autorinnen und Autoren: Klaus Hurrelmann, Julia Klinger, Doris Schaeffer

Prof. Dr. Klaus Hurrelmann ist Professor für Public Health and Education an der Hertie School, The University of Governance in Berlin

M.Sc. Dr. Julia Klinger ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Interdisziplinären Zentrum für Gesundheitskompetenzforschung (IZGK) der Universität Bielefeld.

Prof. Dr. Doris Schaeffer ist Senior-Professorin für Versorgungsforschung und Leiterin des Interdisziplinären Zentrum für Gesundheitskompetenzforschung an der Universität Bielefeld.

 

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