
Der Arbeitskreis vereint Perspektiven unterschiedlicher Fachrichtungen auf Bilder und Bilderzählungen – und damit auf Einzelbilder wie Memes, Fotografien, konkrete Poesie, und Illustration wie auch auf Bildfolgen in Form von Comics, Bilderbüchern, Bilderbuch-Apps und Film. Die Arbeitskreis-Bezeichnung “Bildbasierte Literatur” ist bewusst offen gewählt, um nicht im Vorfeld eine (ungewollte) Einschränkung auf einzelne Medien oder inter- bzw. transmediale Phänomene nahezulegen. Vielmehr sollen auch Rand- und Grenzbereiche diskutiert werden.
Ziel ist es einerseits, das (literar-)ästhetische, narrative, Kognition und Kommunikation anregende Potenzial von Bildern und Bilderzählungen, aber auch das mediale Spannungsverhältnis, das intermediale und hybride Werke erzeugen, auszuloten und zu untersuchen. Andererseits zielt der Arbeitskreis auf Bündelung und Sichtbarmachung unserer bisherigen Forschungsprojekte, aus der Universität heraus in die Studierendenschaft und in die Öffentlichkeit. Ein weiteres Ziel ist die Vernetzung über die Grenzen der Fächer (und zukünftig) der Fakultäten hinaus. Daher sind auch schon jetzt Perspektiven willkommen, die über Kultur- und Literaturwissenschaft, Linguistik, Fachdidaktik oder Kunst- und Musikpädagogik hinausgehen. Insofern sind auch Forschende, die sich (noch) nicht mit Bilderbüchern, Comics, Memes, o.ä. beschäftigen, herzlich eingeladen, ihre Forschung zu Bilderzählungen, Bildern oder visueller Kunst zu präsentieren
Der Arbeitskreis hat einen Call for Papers (Frist 25.10.2026) für eine Tagung an der Universität Bielefeld veröffentlicht, die vom 17.02.2027 bis zum 18.02.2027 stattfindet.
Bildbasierte Literatur und Paratext
Literarische Medien und Gegenstände, die sich der bildlichen, textuellen und paratextuellen Ebene bedienen, lassen sich in den unterschiedlichsten Formen, Epochen und Gattungen verorten. Paratexte befinden sich dabei an der „Schwelle” (Genette 2011, 7) eines Textes und beeinflussen dessen Wahrnehmung und Rezeption, indem sie Aufmerksamkeit oder Anerkennung sichtbar machen und den Zugang zur Lektüre steuern. Beispiele für diese Verschränkung finden sich viele, u.a. in Bilderbüchern, Comics, Romanen, Künstler:innenbüchern, visual poetry, Netz-/Codeliteratur oder Memes – und vielem mehr.
So nutzt beispielsweise textbasierte Literatur - ob nun Horrorstör (Hendrix 2014), das eine Horrorerzählung im Layout eines Ikea Kataloges erzählt, neuere Werke wie House of Leaves (Danielewski 2000), Ship of Theseus (Dorst/Abrams 2013) oder Klassiker der deutschsprachigen Literatur wie Der Mensch erscheint im Holozän (Frisch 1979) - Ephemera, Annotationen und Fußnoten als zentralen Teil der Erzählung. Dies kann aber nicht nur einzelne Werke, sondern auch ganze (Unter-)Gattungen betreffen. Der Peritext von Kriminal- bzw. Detektiverzählungen befeuert beispielsweise peri-bildlich und peri-schriftlich die Verrätselung bereits vor Lektüre des Haupttextes: Titelgebung und Titelbild konstituieren den Gegenstand vage, dienen Genette zufolge der „Verführung” möglicher Rezipient:innen (sind also kauf- und rezeptionsentscheidend), legen falsche Fährten, verleiten zu spannungsvollen Assoziationen im Sinne des Genres und präfigurieren potenziell die Rezeption und das Miträtseln.
Demgegenüber umfasst der Peritext von Erstlesebüchern beispielsweise Angaben zur Lesekompetenz der Zielgruppe oder zur sprachlichen und typographischen Gestaltung, die sich vornehmlich an erwachsene Vermittlungsinstanzen wie Eltern oder pädagogisches Fachpersonal richten. Andererseits adressieren insbesondere Titel und Buchcover die kindlichen Leser:innen und können erste Erwartungen an Thema, Inhalt und Figuren der Narration wecken. Zum Paratext von Bilderbüchern zählen etwa Titel, Cover, Vorsatzblätter, Klappen- und Umschlagtexte sowie typographische und materielle Elemente. In ihrer Verschränkung können diese bereits Bezüge untereinander und zur Narration herstellen, Deutungsräume eröffnen und die Grenzen zwischen Paratext und eigentlicher Bild-Text-Narration durchlässig werden lassen.
Auch Comics nutzen ein vielfältiges Spektrum visueller und gestalterischer Mittel, das neben der Ausgestaltung einzelner Bilder, ihrer sequenziellen Anordnung und der Seitenarchitektur auch Typographie, Layout, Marginalien, (Unter-)Titel, Klappentexte, Verlagswahl und andere paratextuelle Elemente umfasst. Diese Paratexte können den Comic nicht nur einordnen und bewerben, sondern die in ihm verhandelte textuelle Erzählung supplementieren, strukturieren oder selbst dominant konstituieren.
Dies erweitert sich auch ins Digitale und Interaktive: Erste Erwartungen an die Gestaltung von Bilderbuch-Apps entstehen häufig durch Beschreibungstexte in den App-Stores, zusätzlich werden sie geprägt durch Icons auf dem Tablet- oder Smartphonebildschirm. Ebenso können separate, für Kinder nicht unmittelbar zugängliche Menüs mit Informationen für Erwachsene den Paratext von Bilderbuch-Apps gestalten. Paratexte in Regelwerken von Pen-and-Paper-Rollenspielen wiederum fungieren als Aktivatoren und Imaginationshilfen für mögliche Narrationen im Spielprozess (Jara 2018). Diese Funktion kommt insbesondere Bildern zu, die spielerische Vorstellungsräume eröffnen und Regelbücher durch ihre ausgeprägte Visualität als ästhetische Gegenstände erfahrbar machen.
Nicht nur digitale Bewertungsplattformen, sondern auch andere Produkte einer Kultur der Digitalität (Stalder 2016) erzeugen ein produktives, narratives Spannungsfeld zwischen Bild und Paratext: Webcomics und Memes beispielsweise werden auf Social-Media-Plattformen geteilt, rekontextualisiert und reappropriiert. Hier werden nicht nur die Bedeutungen der einzelnen Bild- und Textbestandteile permanent neu ausgehandelt und rekonfiguriert – auch die hierdurch entstehende, komplexe Landschaft digitaler Bild-Text-Kombinationen verdient eine genauere Erkundung.
Kurzum: Das Spektrum derjenigen literarischen Medien, die die textuelle, paratextuelle und visuelle Ebene miteinander verschränken, ist variantenreich und produktiv – schließlich bietet diese Verschränkung umfassendes narratives Potenzial. Aus diesem Grund will die vom Bielefelder Arbeitskreis ›Bildbasierte Literatur‹ organisierte Tagung das vielgestaltige Feld des Erzählens mit/durch/von Bildern und Paratexten kartieren.
Unter anderem können sich die Vorträge mit folgenden – und noch vielen weiteren – Themen und Fragestellungen auseinandersetzen:
Die Tagung findet vom 17.02.2027 bis 18.02.2027 online statt. Eine Publikation der Beiträge ist vorgesehen. Fachwissenschaftler:innen und -didaktiker:innen aus den Bereichen Literaturwissenschaft, Kunst- und Bildwissenschaft, Medienwissenschaft, Erziehungswissenschaft aber auch allen weiteren Fachbereichen sind aufgerufen, Beitragsvorschläge einzureichen, die sich mit der Interdependenz von bildbasierten Erzählungen und Paratexten auseinandersetzen. Insbesondere sind auch Wissenschaftler:innen in früheren Karrierestufen herzlich zur Beteiligung eingeladen.
Wir bitten daher um die Einreichung eines Abstracts für einen 20-minütigen Vortrag im Umfang von bis zu 400 Wörtern, in dem Sie Ihren Untersuchungsgegenstand, Fragestellung(en) und den methodischen Zugang Ihres Beitrags sowie einen Ausblick auf erste Ergebnisse skizzieren. Bitte fügen Sie Ihrer Einreichung eine kurze Bionote inklusive etwaiger relevanter Publikationen (max. 200 Wörter) an. Bitte reichen Sie Ihr Abstract bis zum 25.10.2026 per Mail an bildbasierte-literatur@uni-bielefeld.de ein.
Rückfragen beantworten Ihnen gerne Yasmin Götza (yasmin.goetza@uni-bielefeld.de) und Miriam Kodoll (mkodoll@uni-bielefeld.de), Koordinatorinnen des Arbeitskreises Bildbasierte Literatur.