Forschungsbericht 1997/98 - Inhalt Forschungsbericht 1997/98

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Systemtheorie der modernen Gesellschaft

Homepage: http://www.uni-bielefeld.de/sozsys

Ziel der im Forschungsschwerpunkt "Systemtheorie der modernen Gesellschaft" verfolgten Forschungsvorhaben sind sowohl die Klärung allgemeiner gesellschaftstheoretischer Fragen wie auch die Analyse spezifischer Kommunikationsformen und Funktionssysteme.
Die Forschungsprojekte von Rudolf Stichweh zur Soziologie des Fremden, zum Problem der Exklusion in funktional differenzierten Gesellschaften und schließlich zur Theorie der Weltgesellschaft verbinden systematische theoretische Fragestellungen mit vergleichenden Analysen zur historischen Semantik. Die soziale Figur des Fremden und die Semantik, die sie in verschiedenen Gesellschaften begleitet, wird daraufhin befragt, welche Erkenntnisleistungen sie vor dem Hintergrund der Weltgesellschaft noch erlaubt Die Universalisierung der Fremdheitserfahrung in der Moderne führt zur Etablierung dritter Möglichkeiten jenseits klassischer Unterscheidungen wie "fremd"/"vertraut". Dazu gehören spezifisch moderne Haltungen wie die der Indifferenz. In dem thematisch verwandten Exklusionsprojekt geht es um Probleme der sequentiell vernetzten, kumulativen Exklusion aus unterschiedlichen Funktionssystemen. In einem dritten Projekt wird mit Blick auf die Weltgesellschaft untersucht, welche Innovationen und Mechanismen für die Genese dieses Systems entscheidend sind.
Die Artikulation von ‚ernsthaften' Semantiken der funktionalen Differenzierung mit funktionsunspezifischen ‚populären' Semantiken wird in einem Forschungsprojekt von Urs Stäheli untersucht. Im Vordergrund stehen dabei die Verzahnung funktionssystemspezifischer Inklusionsfiguren mit ‚populären' Rhetoriken der Inklusionsverstärkung sowie die Repräsentation des ‚populären' Außen in ernsthaften Semantiken. Damit soll die Systemtheorie für v.a. anglo-amerikanische kulturwissenschaftliche Ansätze geöffnet werden. Ein weiteres Projekt beschäftigt sich mit der Integration poststrukturalistischer Theoriefiguren in die politische und soziologische Theorie.
In den Forschungsprojekten von Hartmann Tyrell stehen verschiedene religionssoziologische Fragestellungen im Vordergrund. Anhand der Analyse des Mystischen und der Askese in der Diskussion um die Jahrhundertwende (Weber, Troeltsch, Simmel) wird die kommunikative Konstitution des Religiösen in evolutionstheoretischer Hinsicht untersucht. In einem zweiten Projekt interessiert die Differenzierung des Religionssystems; insbesondere die vernachlässigte stratifikatorische Konditionierung der ‚hochkulturellen' Religionsentwicklung soll hier analysiert werden.
Die Drittmittelprojekte von Johannes Schmidt beschäftigen sich empirisch mit der Normentstehung in nicht-ehelichen Lebensgemeinschaften und den daraus erwachsenden theoretischen Probleme der Beziehung zwischen Intimsystemen und dem Rechtssystem. Ein zweites Projekt führt die empirische und theoretische soziologische Begleitforschung zur Ausstellung "Gen-Welten" durch. Im Mittelpunkt stehen dabei die Fragen nach dem Umgang mit dem gesellschaftlich Unvertrauten in der Vermittlungsinstitution Museum und der Kontextualisierung der Gentechnikdiskussion im gesellschaftlichen Risikodiskurs.
Markus Göbels Dissertationsprojekt behandelt die Ausdifferenzierung, Institutionalisierung und Entwicklung der Soziologie als wissenschaftliche Disziplin im Zeitraum zwischen 1890-1930 in den USA und Deutschland. Den Bezugsrahmen der Arbeit bilden dabei systemtheoretische Annahmen über den Zusammenhang von Gesellschaftsstruktur und Semantik, die Ausdifferenzierung der Wissenschaft und die ‚Szientifizierung' semantischer Traditionen. Das Projekt rekonstruiert die verschiedenen Entwicklungslinien beider Soziologietraditionen im Zusammenhang mit den Leit- und Bezugsdisziplinen der jeweiligen Wissenschaftskontexte.




1.1 Der Fremde - Zur Soziologie der Indifferenz


I. Forschungsarbeiten

(a) Beteiligte Wissenschaftler
  Prof. Dr. Rudolf Stichweh

(b) Darstellung

Das Forschungsprojekt unternimmt einen historisch-systematischen Vergleich von sozialen Rollen für Fremde in vorneuzeitlichen und modernen Gesellschaften. Die Absicht ist die, eine in der historischen Semantik vieler Gesellschaften und zugleich für die Theoriegeschichte der Soziologie wichtige Figur unter dem Gesichtspunkt zu befragen, welche Erkenntnisleistungen ihr heute noch abzugewinnen sind, wenn man für die Gegenwart das strukturelle Faktum der Existenz nur noch eines einzigen weltweiten Gesellschaftssystems unterstellt. Einen zweiten Schwerpunkt der Arbeit bilden deshalb Überlegungen zu einer Theorie der Weltgesellschaft. Zur Zeit arbeite ich an dem Abschluß dieses Projekts in der Form einer Monographie; danach wird die systematische Arbeit an einer Theorie der Weltgesellschaft in den Vordergrund der Forschungstätigkeit rücken. Einen weiteren Forschungsschwerpunkt, der zunehmend an Bedeutung gewinnt, bilden Arbeiten zur Theorie soziokultureller Evolution, die gleichfalls auf ein Buch hinführen werden.

Der Hauptakzent der Forschungsarbeit im Projekt zur Soziologie des Fremden lag in den vergangenen Jahren auf folgenden Teilarbeitsgebieten:

1. Eine soziologische Rekonstruktion moderner Denkfiguren und Erfahrungsweisen, die die Universalität der Klassifikation "vertraut"/"fremd" durch das Prominentwerden dritter Möglichkeiten brechen. Die Frage ist, wie sich die Universalisierung der Fremdheitserfahrung in die Weltgesellschaft einzeichnet, und die Vermutung ist die, daß dies durch das Prominentwerden dritter Figuren wie "Indifferenz" geschieht. Also ist die moderne Soziologie der Erfahrung des "Anderen" eine Soziologie der Indifferenz.

2. Spezialuntersuchungen zur Bedeutung von Fremdheit für einzelne Funktionssysteme. So wurde eine Veröffentlichung abgeschlossen, die in einer langfristigen Perspektive die Entwicklung des Auslandsstudiums (und damit des Fremdenstudiums) als eines Teils der Universitätsgeschichte untersucht.

3. Forschungen zur Theorie der Weltgesellschaft, die sich insbesondere für Inklusions-/Exklusionsdynamiken in der Weltgesellschaft interessieren. Wie kommt es zu Exklusion als einer Form sequentiell vernetzten, kumulativen Ausschlusses aus einer Mehrzahl von Funktionssystemen und welche theoretischen Ressourcen stehen für eine Theorie der Exklusion zur Verfügung?

4. Überlegungen zur strukturellen Verortung von AAmbivalenz@ in der modernen Gesellschaft; unter der Prämisse, daß nicht mehr der Fremde den primären Bezugspunkt und die Form der Externalisierung von Ambivalenz bilden kann.

5. Theoretische Überlegungen zu Ethnizität und Migration als zwei auffälligen Mustern, deren Verhältnis zur Leitdiagnose Afunktionale Differenzierung@ der Bestimmung bedarf und die zudem beide eng mit einer eventuellen gegenwärtigen Relevanz der Figur des Fremden verknüpft sind.



II. Veröffentlichungen (Auswahl)
Stichweh, Rudolf:
  • Der Fremde - Zur Soziologie der Indifferenz: S. 45-64 in: Herfried Münkler (Hg.) Furcht und Faszination. Facetten der Fremdheit. Berlin: Akademie-Verlag 1997.
    Engl. Ubers. in: Thesis Eleven, No. 51,1997, 1-16.
  • Differenzierung von Wissenschaft und Politik: Entwicklungslinien im 19. und 20. Jahrhundert. Spektrum der Wissenschaft, April 1997, 104-106.
  • Professions in Modern Society. International Review of Sociology - Revue Internationale de Sociologie 7, 1997, 95-102.
  • Konstruktivismus und die Theorie der Weltgesellschaft. Nummer - Kunst, Literatur, Theorie 4, 1997, H. 6, 91-97.
  • Inklusion/Exklusion, funktionale Differenzierung und die Theorie der Weltgesellschaft. Soziale Systeme 3, 1997, 123-136.
    Kurzfassung in: Karl Siegbert Rehberg (Hg.), Differenz und Integration. Die Zukunft moderner Gesellschaften. 28. Kongreß der Deutschen Gesellschaft für Soziologie - Dresden 1996. Kongreßband II. Opladen: Westdt. Vlg. 1997, S. 601-607.
    Franz. Übers. in: Sociétés. Revue des Sciences Humaines et Sociales 61, 1998, 53-63.
  • Ambivalenz, Indifferenz und die Soziologie des Fremden. S. 165-183 in: Heinz Otto Luthe/Rainer E. Wiedenmann (Hg.), Ambivalenz. Studien zum kulturtheoretischen und empirischen Gehalt einer Kategorie der Erschließung des Unbestimmten. Opladen: Leske & Budrich 1997.
    Russische Übers. in: Journal of Sociology and Social Anthropology 1 (H.1), 1998, 41-52.
  • Universität und Öffentlichkeit. Zur Semantik des Öffentlichen in der frühneuzeitlichen Universitätsgeschichte. S. 103-116 in: Hans-Wolf Jäger (Hg.), Öffentlichkeit im 18. JahrhundertA. Göttingen: Wallstein 1997.
  • Der Theoretiker der Gesellschaft (Zum 70. Geburtstag von Niklas Luhmann). Bielefelder Universitätszeitung 26, H. 191, 18. Dezember 1997, S. 20-21.
    Gekürzter Wiederabdruck in: Bielefelder Universitätszeitung 27, H. 195, 2. Dezember 1998, S. 3-5.
  • Differenz und Integration in der Weltgesellschaft. S. 173-189 in: Hans-Joachim Giegel (Hg.), Konflikt in modernen Gesellschaften. Frankfurt a.M.: Suhrkamp 1998.
  • Generalisierter Tausch und Kommunikationsmedien bei James S. Coleman. S. 92-102 in: Hans-Peter Müller/Michael Schmid (Hg.), Norm, Herrschaft und Vertrauen. Beiträge zu James S. Colemans Grundlagen der Sozialtheorie. Westdeutscher Verlag: Opladen 1998.
  • Systems Theory and the Evolution of Science. S. 303-317 in: Gabriel Altmann/ Walter A. Koch (Hg.), Systems: New Paradigms for the Human Sciences. Berlin: De Gruyter 1998.
  • Lebenslauf und Individualität. S. 223-234 in: Jürgen Fohrmann (Hg.), Lebensläufe um 1800. Tübingen: Max Niemeyer 1998.
  • Migration, nationale Wohlfahrtsstaaten und die Entstehung der Weltgesellschaft. S. 49-61 in: Michael Bommes/Jost Halfmann (Hg.), Migration in nationalen Wohlfahrtsstaaten. Theoretische und vergleichende Untersuchungen (= IMIS-Schriften, Bd. 6). Osnabrück: Universitätsverlag Rasch 1998.
  • Die Soziologie und die Informationsgesellschaft. S. 433-443 in: Jürgen Friedrichs/M. Rainer Lepsius/Karl Ulrich Mayer (Hg.), Die Diagnosefähigkeit der Soziologie (= Sonderheft 38, Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie). Opladen: Westdeutscher Verlag 1998.
  • Systemtheorie und Geschichte. S. 68-79 in: Frank Welz/Uwe Weissenbacher (Hg.), Soziologische Theorie und Geschichte. Opladen: Westdeutscher Verlag 1998.
  • Globalisierung der Wissenschaft und die Rolle der Universität. S. 63-74 in: Peter Rusterholz/Anna Liechti (Hg.), Universität am Scheideweg. Herausforderungen - Probleme - Strategien. Zürich: vdf 1998.
  • Das Kommunikationssystem der Weltgesellschaft: Vernetzungen und Ausgrenzungen. S. 25-39 in: Hermann Weber (Hg.), Das Volk Gottes in den Herausforderungen einer Weltgesellschaft (Jahresakademie 40 Jahre KAAD). Bonn: Katholischer Akademischer Ausländer-Dienst 1998.
  • Raum, Region und Stadt in der Systemtheorie. Soziale Systeme 4, 1998, 341-358.
  • Zur Theorie der politischen Inklusion. Berliner Journal für Soziologie 8, 1998, 539-547.
  • Niklas Luhmann. Wirkungen eines Theoretikers (Hrsg). Bielefeld: Transcript 1999, 72 S.
  • Memorandum zu einem Institut für Evolutionswissenschaft (zusammen mit Heinz-Ulrich Reyer und Hans Uszkoreit). Schriftenreihe der Werner Reimers Konferenzen, Heft 1. Bad Homburg 1999.
  • Niklas Luhmann - Theoretiker und Soziologe. S. 61-69 in: Niklas Luhmann. Wirkungen eines Theoretikers (Hrsg). Bielefeld: Transcript 1999.
  • Niklas Luhmann (1927-1998). S. 206-229 in: Dirk Kaesler (Hg.), Klassiker der Soziologie. Bd. II. Von Talcott Parsons bis Pierre Bourdieu. München: Beck 1999.
  • Zur Soziologie wissenschaftlicher Schulen. S. 19-32 in: Wilhelm Bleek/Hans J. Lietzmann (Hg.), Schulen der deutschen Politikwissenschaft. Opladen: Leske + Budrich 1999.




1.2 Semantiken des ‚Populären'


I. Forschungsarbeiten

(a) Beteiligte Wissenschaftler
  Urs Stäheli, Ph.D.

(b) Darstellung

Das ‚Populäre' nimmt in den anglo-amerikanischen Cultural Studies eine wichtige Rolle ein: zum einen als Phänomenbereich für empirische Forschung, zum anderen aber auch als theoretische Aussage zur Struktur gegenwärtiger Gesellschaften. Das Forschungsprojekt nimmt dieses Interesse am ‚Populären' (und die high/low-Unterscheidung) auf, indem es dieses in den differenzierungstheoretischen Rahmen der Systemtheorie ein- und so auch umschreibt. Daraus entstehen verschiedene Problemstellungen und notwendige theoretische Weiterentwicklungen: 1. Der Begriff der Semantik muss rekonzeptualisiert werden, damit die konstitutive Funktion von Semantiken für Systeme und die Sozialstruktur gedacht werden kann. Hierbei sind diskurstheoretische Modelle von zentraler Bedeutung. 2. Um populäre Semantiken erklären zu können, muss ein Begriff ‚populärer Kommunikation' entwickelt werden. Dieser Kommunikationstypus soll anhand einer Komparatistik idealtypisch in verschiedenen Systemen aufgezeigt werden. Stets geht es darum um Kommunikation, die als ‚Inklusionskatalysator' funktionieren. 3. Das ‚Populäre' taucht auch in den "ernsthaften" Semantiken der Funktionssysteme auf. Hier interessieren die diskursiven Strategien, die zur Repräsentation des ‚Populären' als Bedrohung (funktionaler) Differenzierung führen. Zentral ist hier wiederum die Verknüpfung mit Inklusions- und Exklusionsfiguren. Angenommen wird, daß sich ein ‚liberaler' funktionssystemspezifischer Inklusionsmodus generalisierter, populärer Elemente bedient, um Inklusion attraktiv zu machen. Dabei stoßen die partikulare Universalisierungslogik von Funktionssystemen und die imaginäre, nicht funktionssystemspezifischen Universalisierungslogik populärer Kommunikation aufeinander.





1.3 Poststrukturalismus und Soziologie


I. Forschungsarbeiten

(a) Beteiligte Wissenschaftler
  Urs Stäheli, Ph.D.

(b) Darstellung

Während insbesondere in der anglo-amerikanischen Literaturtheorie poststrukturalistische Theoriefiguren (Derrida, Foucault, Lacan) eine zentrale Rolle übernommen haben, zeigt sich die soziologische Theorie erstaunlich resistent gegenüber dieser Herausforderung. Dies verwundert nicht, wenn man bedenkt, dass die Soziologie ein Projekt der Moderne ist und auf deren Leitunterscheidungen (z.B. Subjekt/Objekt, Fiktion/Realität, symbolisch/materiell) beruht. Das Projekt möchte zeigen, dass sich die vielfältigen ‚Poststrukturalismen' für eine Dekonstruktion soziologischer Unterscheidungen eignen und so neue theoretische Interventionen ermöglichen: z.B. Diskurs als soziologischer Grundbegriff, die Dezentrierung des Subjekts und die Rolle von Rhetorik für die Konstitution des Sozialen.



II. Veröffentlichungen
Stäheli, Urs
  • 1997: Exorcizing the Popular Seriously: Luhmann's Concept of Semantics", International Review of Sociology, 7(1): 127-146.
  • 1998: Politik der Entparadoxierung. Zur Artikulation von Hegemonie- und Systemtheorie, S. 52-66, in Oliver Marchart: Das Undarstellbare der Politik. Zur Hegemonietheorie Ernesto Laclaus. Wien: Turia & Kant.
  • 1998: Die Nachträglichkeit der Semantik: Zum Verhältnis von Sozialstruktur und Semantik, Soziale Systeme 4(2): 315-340.
  • 1998: Rezension von "Henk de Berg/Matthias Prangel (Hg.): Differenzen. Soziale Systeme 4(2), 487-492.
  • 1998: Einleitung und Übersetzung von "Ernesto Laclau: Kontingenz und Antagonismus", in: Natalie Binczek / Peter Zimmermann (Hg.): Eigentlilch könnte auch alles ganz anders sein. Walther König: Köln, 26-40.
  • 1999: Diskursanalytische Hegemonietheorie: Ernesto Laclau und Chantal Mouffe. In: André Brodocz / Gary Schaal (Hg.): Theorien der Politik. Opladen: Leske & Budrich.
  • 1999: Das Populäre zwischen Cultural Studies und Systemtheorie. In: Udo Göttlich / Rainer Winter (Hg.): Politik des Vergnügens. Zur Diskussion der Populärkultur in den Cultural Studies. Von Halem: Köln.




1.4 Soziologie der Religion: Mystik und Askese


I. Forschungsarbeiten

(a) Beteiligte Wissenschaftler
  PD Dr. Hartmann Tyrell

(b) Darstellung

Die aktuelle Religionssoziologie hat sich in starkem Maße auf den Rand des Religiösen konzentriert, auf 'Religioides', auf 'unsichtbare', 'implizite' Religion usw. Die Befassung mit Mystik und Askese führt dagegen zurück 'ins Zentrum' des Religiösen - des 'rein Religiösen', wie Max Weber sagen würde; sie führt - notgedrungen - gleichzeitig zurück auf die klassische Religionssoziologie der Jahrhundertwende, u.a. auf Georg Simmel, Ernst Troeltsch und insbesondere auf Max Weber. Dieser hat eine "religionssystematisch" gemeinte Typologie entwickelt, die Mystik und Askese in einem sehr grundsätzlichen Sinne als Gegensatz behandelt; der weitere Kontext davon ist religionstypologisch der der 'Erlösungsreligiosität'. Der Gegensatz von Mystik und Askese verbindet sich bei Weber überdies - weltreligiös vergleichend - mit dem von Orient und Okzident. Das Forschungsvorhaben will einerseits die (eigentümlich 'mystikeuphorische') Diskussionslage der Jahrhundertwende rekonstruieren; es will diese Diskussionslage und ihre Befunde andererseits auf Fragen der religiösen Evolution, der kommunikativen Konstitution des Religiösen sowie einer religionssoziologischen Komparatistik beziehen.





1.5 Soziologie der Religion: Religion und Stratifikation


I. Forschungsarbeiten

(a) Beteiligte Wissenschaftler
  Hartmann Tyrell

(b) Darstellung

Das Forschungsvorhaben beabsichtigt, drei größere Fragestellungen zusammenzuziehen. Die erste ist die der 'religiösen Evolution', wobei sich der Blick konzentriert auf die 'hochkulturelle Religion' und den religiösen Wandel der (wie heute gern wieder gesagt wird) 'Achsenzeit'. Die zweite Fragestellung ist eine system- und differenzierungstheoretische; dabei geht es um die Formen gesellschaftlicher Differenzierung. Bezieht man diese Formen auf Religion, so fällt auf, daß die differenzierungstheoretisch instruierte Religionsdebatte fast durchweg funktionale Differenzierung im Blick hatte, nämlich die evolutionär bemerkenswert früh anlaufende "Ausdifferenzierung der Religion". Das führt auf die dritte Fragestellung, nämlich die einstweilen ausgesprochen vernachlässigte stratifikatorische Konditionierung der 'hochkulturellen' Religionsentwicklung. Hier kann man nicht umhin, Max Weber ins Spiel zu bringen, der genau dieser Frage erhebliche Aufmerksamkeit zugewendet hat. Dafür sei nur auf seine intensive Auseinandersetzung mit Nietzsches Ressentimenttheorem verwiesen oder auch auf den Begriff der 'Pariareligiosität', den spezifischen Fall also der eigentümlichen Koinzidenz von ('ständischer') Stratifikation, Ethnizität und religiös-ritueller 'Absonderung'.



II. Veröffentlichungen (Auswahl)
Tyrell, Hartmann
  • 1997: Werner Sombart und Max Weber: Kapitalismus, Zins und Religion. Ein Rückblick. in: Johannes Heil u. Bernd Wacker, Hgg., Shylock? Zinsverbot und Geldverleih in jüdischer und
    christlicher Tradition. München 1997, 193-217
  • 1997: Protestantische Ethik - und kein Ende. in: L'Éthique Protestante de Max Weber et l'Esprit de la Modernité. Paris 1997, 247-260
  • 1997: Intellektuellenreligiosität, "Sinn"-Semantik und Brüderlichkeitsethik - Max Weber im Verhältnis zu Tolstoi und Dostojewski. in: A. Sterbling u. H. Zipprian, Hgg., Max Weber
    und Osteuropa (Beiträge zur Osteuropaforschung, Bd. 1). Hamburg 1997, S. 25-58
  • 1997: Die christliche Brüderlichkeit: Semantische Kontinuitäten und Diskontinuitäten. in: Karl Gabriel u.a., Hgg., Modernität und Solidarität: Für Franz-Xaver Kaufmann.
    Freiburg i.Br. 1997, S. 189-212
  • 1998: Zur Diversität der Differenzierungstheorie: Soziologie- historische Anmerkungen. in: Soziale Systeme 4, 1998, 119-149
  • 1998: Handeln, Religion und Kommunikation. in: H. Tyrell, V. Krech u. H. Knoblauch, Hgg., Religion als Kommunikation. Würzburg 1998, 83-134




1.6 Funktionale Differenzierung, Wissenschaft und die Semantik des Sozialen: Zur Ausdifferenzierung der Soziologie in Deutschland und den USA (1890-1930)


I. Forschungsarbeiten

(a) Beteiligte Wissenschaftler
  Dipl.-Soz. Markus Göbel

(b) Darstellung

Das Dissertationsprojekt behandelt die Ausdifferenzierung, Institutionalisierung und Entwicklung der Soziologie als wissenschaftlicher Disziplin im Zeitraum zwischen 1890-1930 in den USA und Deutschland. Den theoretische Bezugsrahmen der Arbeit bilden dabei

systemtheoretische Annahmen über den Zusammenhang von Gesellschaftsstruktur und Semantik, der Ausdifferenzierung der Wissenschaft und der ‚Szientifizierung' semantischer Traditionen. Ausgehend von der Theorie funktionaler Differenzierung und der damit zusammenhängenden Wissenssoziologie werden die verschiedenen Entwicklungsmomente und -linien beider Soziologietraditionen im Zusammenhang mit den Leit- und Bezugsdisziplinen der jeweiligen Wissenschaftskontexte rekonstruiert. Verschiedene analytische Instrumentarien wie die Unterscheidung von Funktion, Leistung und Reflexion, die Unterscheidung Profession/Disziplin sowie die Unterscheidung zwischen anwendungsbezogener Forschung und Grundlagenforschung finden dabei Verwendung.





1.7 Zeitschrift "Soziale Systeme"


I. Forschungsarbeiten

(a) Beteiligte Wissenschaftler
  Prof. Dirk Baecker, Prof. Dr. Peter Fuchs, Prof. Dr. Stephan Fuchs, Prof. Dr. Michael Hutter, Prof. Dr. Klaus Peter Japp, Dr. André Kieserling, Dipl.-Soz. Johannes Schmidt, Dr. Urs Stäheli, Prof. Dr. Rudolf Stichweh, Prof. Dr. Gunther Teubner

(b) Darstellung
(Weitere Informationen: http://www.uni-bielefeld.de/sozsys)


II. Drittmittelprojekte

1. Soziologische Aspekte der Genese von Rechtsnormen: Probleme der Verrechtlichung innerhalb von nichtehelichen Lebensgemeinschaften

Projektleitung: Prof. Dr. Rudolf Stichweh
Projektmitarbeiter: Dipl.-Soz. Johannes Schmidt
Laufzeit: 1.1.96 bis 31.12.97
VW-Stiftung

Die explorativ angelegte Studie wurde konzipiert im Rahmen eines interdisziplinären Projektverbundes zur Normentstehung, der von der Volkswagen-Stiftung gefördert wurde. Das Projekt konkretisierte die allgemeine Fragestellung der Normentstehung durch die Fokussierung auf die Wechselwirkung von Intimbeziehung und Recht anhand des Beispiels der Verrechtlichung von neLGen. Im Rahmen des Projekts sind zwölf nichteheliche Paare, die ihre Beziehung in der einen oder anderen Form rechtlich geregelt haben, sowie eine Kontrollgruppe von sechs Paaren ohne rechtliche Regelungen mittels leitfadenzentrierter Interviews befragt worden. Flankiert wurden diese Interviews durch Experteninterviews mit sechs Rechtsanwälten bzw. Notaren. Mittels eines standardisierten Fragebogens wurde die rechtspraktische Erfahrung mit nichtehelichen Lebensgemeinschaften bei insgesamt 103 Rechtsanwaltskanzleien bzw. Notariaten im Großraum Ostwestfalen erhoben. Abgeschlossen wurde das Projekt durch ein Kolloquium, das Anfang Dezember 1997 am Zentrum für interdisziplinäre Forschung (ZiF) der Universität Bielefeld stattfand (14 Teilnehmer).

Projektergebnisse:

(a) Explorative Ermittlung der vorliegenden Verrechtlichungstendenzen bei neLGen: Das Projekt hat gezeigt, daß die Verrechtlichung neLGen gesellschaftlich ein absolutes Randphänomen darstellt, das quantitativ wohl auf absehbare Zeit kaum ins Gewicht fällt.

(b) Die Klärung der Motive der Paare: Wesentliches Ergebnis des Projekts ist die Feststellung einer 'Normalisierung' neLGen im Vergleich zur Ehe. Die befragten Paare grenzen sich in den meisten Fällen nicht strikt und dogmatisch von der Ehe ab. Diagnostiziert werden konnte allerdings auch eine deutliche Tendenz zum Erhalt der wechselseitigen Unabhängigkeit der Beziehungspartner voneinander.

(c) Inkompatibilität von Intimbeziehung und Recht: Die Interviews haben das entwickelte theoretische Modell nicht eindeutig bestätigt, aber auch nicht widerlegt. Mehrheitlich ist deutlich geworden, daß die Bezugnahme auf das Recht nicht als funktionales Äquivalent für das Vertrauen in den Beziehungspartner dienen kann.

Ein ausführlicher Endbericht liegt vor.

2. Wissenschaft B Museum B Öffentlichkeit. Soziologische Begleitforschung zum Ausstellungsprojekt Gen-Welten

Projektleitung: Prof. Dr. Rudolf Stichweh
Projektmitarbeiter: Dipl.-Soz. Johannes Schmidt, Dipl.-Soz. Markus Göbel, Dipl.-Soz. Maik Begemann
Laufzeit: 16.3.98 bis 15.3.00
VW-Stiftung

Die gesellschaftliche Diskussion um Chancen und Risiken der Gentechnologie hält seit über einem Jahrzehnt unvermindert an. In dieser öffentlichen Diskussion über eine komplexe Technologie, die ein breites Spektrum strittiger Anwendungsmöglichkeiten eröffnet, kam es sehr bald zu einer Verfestigung der jeweiligen Positionen von Befürwortern und Gegnern der wissenschaftlichen Weiterentwicklung und medizinischen bzw. industriellen Anwendung der gentechnologischen Erkenntnisse. Von dieser Diagnose ausgehend haben sich fünf Museen in Deutschland und in der Schweiz zusammengeschlossen, um unter dem gemeinsamen thematischen Dach Gen-Welten mit je unterschiedlichen Schwerpunkten zeitgleich stattfindende Ausstellungen und Diskussionsveranstaltungen zur Gentechnik zu organisieren (März 98 - Januar 99). Der Anspruch der Veranstalter unterscheidet sich dabei von dem einer 'normalen' Ausstellung, da das Gesamtprojekt anstrebt, im Rahmen der Gentechnologiedebatte "das Museum oder die Ausstellungshalle wieder zu einem öffentlichen Raum für die zentralen Fragen unserer Gesellschaft zu machen" (Presseinformation Gen-Welten, Oktober 1997).

Das Forschungsprojekt ist explizit als soziologische Begleitforschung konzipiert. Im Mittelpunkt steht der gesellschaftspolitische Anspruch des Gesamtprojekts, die Diskussion um Chancen und Risiken der Gentechnologie neu zu ordnen, ein dem Diskussionsgegenstand angemessenes Argumentationsniveau in der öffentlichen Debatte zu erreichen und über eine angemessene Art und Weise der Auseinandersetzung nachzudenken. Um diesen Anspruch evaluieren zu können, bewegt sich die Begleitforschung in einen konzeptuellen Rahmen, der im wesentlichen zwei Fragestellungen bearbeiten: (a) die Aufarbeitung die Gentechnologiedebatte, deren Kontextierung im allgemeinen gesellschaftlichen Risikodiskurs sowie die Verortung des Ausstellungsprojekts in diesem Kontext; (b) die gesellschaftliche Verortung der Institution Museum, die soziologisch als ein gesellschaftlich privilegierter Ort des Umgangs mit dem Unvertrauten einerseits und als ein etablierter Ort der Vermittlung von Wissenschaft, Erziehung und Öffentlichkeit andererseits konzipiert wird.

Um eine möglichst umfassende Beforschung des Ausstellungsprojekts zu ermöglichen, wird ein Methodenmix gewählt. Zur Erfassung der Genese des Gesamtprojekts und der einzelnen Ausstellungen werden Leitfadeninterviews mit den relevanten Personen (Museumsdirektoren, wissenschaftlicher Beirat des Gesamtprojekts, Kuratoren und wissenschaftliche Mitarbeiter der Einzelausstellungen, PR-Abteilungen, Organisatoren der Kongreßveranstaltungen) durchgeführt, um die Selbstverortung der unterschiedlichen Akteure, deren Sichtweise auf das Ziel der Ausstellungen und die Art der Präsentation der Gentechnologie zu erfahren. Zur Erfassung der Wahrnehmung der Ausstellungen durch das Museumspublikum wird außerdem eine standardisierte Publikumsbefragung bei allen fünf Museen durchgeführt (insgesamt 3000 Befragte). Schließlich wird die Begleitforschung komplettiert durch eine Medienanalyse, die zum einen die massenmediale Beschäftigung mit dem Thema Gentechnologie seit 1990, zum anderen die massenmediale Resonanz des Ausstellungsprojekts selber erfassen soll.



III. Veröffentlichungen
Schmidt, Johannes
  • Verrechtlichung von Intimbeziehungen: Ansätze eines Modells des Verhältnisses von Rechtsnorm und sozialer Norm, in: Ernst-Joachim Lampe (Hg.) (1997), Zur Entwicklung von Rechtsbewußtsein. Frankfurt a.M.: Suhrkamp, 429-464
  • Rechtsindifferenz als eine spezifische Form fehlender Rechtsakzeptanz? Der Fall der nichtehelichen Lebensgemeinschaft, in: Johannes W. Pichler (1998) (Hg.), Rechtsakzeptanz und Handlungsorientierung. Wien: Böhlau (Schriften zur Rechtspolitik 10), 209-234
  • Vertrag statt Trauschein? Nichteheliche Paare und das Recht, in: Universität Bielefeld (Hg.), Forschung an der Universität Bielefeld 18/1998, 8-13.


Fakultät für Soziologie (allgemeine Angaben) Frauenforschung