I²SoS Arbeitsgruppe Bibliometrie
Kompetenzzentrum Bibliometrie
 
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I²SoS Arbeitsgruppe Bibliometrie

Die Arbeitsgruppe Bbliometrie beschäftigt sich mit der Entwicklung und Anwendung von Wissenschaftsindikatoren auf der Basis quantitativer, insbesondere bibliometrischer Verfahren. Diese Methoden werden zum einen zur empirischen Klärung analytischer Fragestellungen aus der Wissenschaftsforschung genutzt. Zum anderen werden sie im Kontext von Wissenschaftspolitik und -verwaltung zur Bewertung von Forschungsleistungen angewandt. Dieser Bereich, in dem die Arbeitsgrupope zahlreiche Projekte (u.a. für den Wissenschaftsrat, das BMBF und die EU) durchgeführt hat, hat in den letzten zehn Jahren sowohl in Deutschland als auch international enorm an Bedeutung gewonnen. Beim „Output-Monitoring“ des Wissenschaftssystems auf allen Aggregationsebenen werden Methoden der Bibliometrie nicht nur zur Produktion mehr oder weniger fragwürdiger Ranglisten genutzt, sondern auch zunehmend direkt zur Steuerung von Mittelzuweisungen herangezogen.

Ungeachtet dieses in der Praxis zu beobachtenden Prozesses der Durchsetzung bibliometrischer Kennzahlen bestehen erhebliche Zweifel nicht nur in Bezug auf die Zuverlässigkeit und Gültigkeit solcher Indikatoren, sondern auch hinsichtlich der Folgen ihrer Anwendung. Der Streit darüber, wie gut die Verfahren sind, mit denen „Leistung“ und „Qualität“ von Forschung auf der Basis von Publikations- und Zitierungszahlen bewertet werden, ist keineswegs im Sinne allgemein akzeptierter Standards entschieden. Ob die Bibliometrie mit sog. „crown indicators“ wie CPP/FCSm oder dem h-Index die von Forschungspolitik und -verwaltung gestellten Ansprüche an verlässliche Indikatoren erfüllen kann, ist fraglich. Wegen ihres Anwendungspotentials für Prozesse der Ressourcensteuerung werden bibliometrische Indikatoren zunehmend als „Herrschaftswissen“ wahrgenommen und die Frage, wer jeweils „Herr des Verfahrens“ ist, gewinnt an Bedeutung. Über die langfristigen Rückwirkungen, die bibliometriegesteuerte Mittelallokationen auf das Wissenschaftssystem haben, gibt es bisher keine gesicherten Erkenntnisse.

In Teilen der scientific community ist ein erhebliches Maß an Reaktanz sichtbar (Verweigerung der Mitwirkung an den Verfahren und Boykott entsprechender Erhebungen). Auch kommen inzwischen warnende Stimmen aus betroffenen Disziplinen, die eigene Kompetenzansprüche im Bereich der Methoden geltend machen (Beispiel: Stellungnahme der International Mathematical Union „Citation Statistics: An IMU Report“). Dem gegenüber stehen die Interessen derjenigen, die von der Verbreitung bibliometrischer Indikatoren in jedem Fall profitieren. Das sind zunächst und vor allem die beiden großen Wissens-Konzerne Thomson Reuters und RELX Group als Hersteller von Zitationsdatenbanken. Neben der kommerziell bereits seit langem sehr erfolgreichen Vermarktung ihrer entsprechenden Basisprodukte (Web of Science bzw. Scopus) treten beide Firmen auch als Anbieter von abgeleiteten Produkten auf, die speziell auf den „Markt“ der Forschungsevaluation ausgerichtet sind (InCites, SciVal) und gezielt Kunden im Bereich von Wissenschaftspolitik und -administration adressieren. In beiden Fällen wird dabei versucht, akademische Institutionen (und die betroffenen Wissenschaftler selbst) auf breiter Basis zur Mitarbeit an der Qualitätsverbesserung der Produkte zu bewegen. Außer den genannten Konzernen hat mittlerweile eine größere Anzahl kommerzieller, halbkommerzieller und akademischer Akteure Bibliometrie als ein lukratives Geschäftsfeld entdeckt, in dem hohe Zuwendungsbeträge in Form von Fördermitteln für Projekte oder über Dienstleistungsangebote akquirierbar sind. Das Entstehen einer solchen Szene von „Rating-Agenturen“ für die Wissenschaft wirft grundsätzliche Fragen auch in Bezug auf das Verhältnis von Selbst- und Fremdsteuerung des Systems auf.

Das Engagement der Arbeitsgruppe in diesem Bereich zielt zum einen darauf ab, Beiträge zur theoretischen und methodischen Weiterentwicklung bibliometrischer Indikatoren zu leisten. Zum anderen geht es um die kritische Reflexion ihres Einsatzes – aus der Perspektive der Wissenschaftsforschung. Darüber hinaus kann Bibliometrie auch als Instrument der Wissenschaftsforschung selbst eingesetzt werden, etwa zur Untersuchung der Frage nach der Obsoleszenz wissenschaftlichen Wissens oder zur Beobachtung des Entstehens neuer wissenschaftlicher Spezialgebiete. Von der Rückbindung der empirischen, stark quantitativ ausgerichteten Forschungsarbeiten zur Bibliometrie an die übrigen, eher analytisch orientierten Ansätze der Wissenschaftsforchung profitieren beide Seiten.

Die Arbeitsgruppe Bibliometrie ist aus dem ehemaligen Institut für Wissenschafts- und Technikforschung (IWT) der Universität hervorgegangen und seit 2013 Teil des neu gegründeten Institute for Interdisciplinary Studies of Science (I2SoS). Die Gruppe ist interdisziplinär zusammengesetzt – mit Kompetenzen aus Geistes-, Natur-, Sozial- und Technikwissenschaften.

Seit 2009 sind die Aktivitäten der Arbeitsgruppe verbunden mit der Beteiligung am nationalen „Kompetenzzentrum Bibliometrie für die deutsche Wissenschaft“. Mit BMBF-Föderung wird hier eine deutsche bibliometrische Datenbank aufgebaut. Die Universität Bielefeld ist Gründungsmitglied des entsprechenden Konsortiums – gemeinsam mit dem Institut für Forschungsinformation und Qualitätssicherung (iFQ), dem Fraunhofer-Institut für System- und Innovationsforschung (ISI) und dem Leibniz-Institut für Informationsinfrastruktur (FIZ Karlsruhe). Über diese Kooperation erschließt sich der Zugang zu den teuren Rohdatenbeständen von Web of Science und Scopus. Außerdem eröffnen sich damit Möglichkeiten zur Teilnahme an Gemeinschaftsprojekten mit Partnern des Kompetenzzentrums. Ein Beispiel dafür ist das Projekt zur Bereitstellung bibliometrischer Indikatoren für die Monitoringberichte der Gemeinsamen Wissenschaftskonferenz (GWK) von Bund und Ländern zum Pakt für Forschung und Innovation (PFI). Durch die Mitgliedschaft der Arbeitsgruppe Bibliometrie in der Steuerungsgruppe des Konsortiums ist die Universität Bielefeld unmittelbar in die Planungen zur Zukunft des Kompetenzzentrums (inhaltliche Ausrichtung, Organisations- und Rechtsform, Standort) eingebunden.

Kontakt: bibliometrie@uni-bielefeld.de

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