Universität Bielefeld

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Fakultät für Linguistik
und Literaturwissenschaft

Prof. Dr. Klaus-Michael Bogdal: Veröffentlichung

Teilgebiet: Literaturwissenschaft

Die Rezeption zeitgenössischer deutschsprachiger Theaterliteratur in Frankreich. Künstlerisches Selbstverständnis im Kulturtransfer

DFG-Forschungsprojekt: Forschergruppe

  • Projektleitung: Prof. Dr. Klaus-Michael Bogdal
    Tel.: 0521/106-3710, Raum: C6-231
  • Wissenschaftliche Mitarbeiterin: Dr. Nicole Colin
    Tel.: 0521/106-3708, Raum: C6-225
  • Sekretariat: Kerstin Steffmann
    Tel.: 0521/106-3702, Raum: C6-207
  • Studentische Hilfskraft: N.N.
    Tel.: 0521/106-3708, Raum: C6-225
  • Assoziiertes Mitglied: Dr. Natalie Bloch

Kurzbeschreibung

Wie keine andere ausländischer Dramatik hat die deutschsprachige über 35 Jahre hinweg nicht nur das französische Theater, sondern auch das künstlerische Selbstverständnis seiner Protagonisten (Regisseure wie Autoren) maßgeblich beeinflusst. Seit dem Beginn der 90er Jahre hat sich diese Situation grundsätzlich verändert – zumindest was die Rezeption der jüngeren deutschsprachigen Autorengeneration anbelangt, die es heute schwer hat, sich in Frankreich durchzusetzen.


1. Rezeptionsgeschichte und –analyse

Ausgehend von der Frage nach den Gründen dieser Entwicklung, besteht ein wesentliches Ziel des Forschungsprojektes in einer grundsätzliche Aufarbeitung der Rezeptionsgeschichte der deutschsprachigen Dramatik in Frankreich seit 1945. Eine solche Untersuchung besitzt absolute Dringlichkeit, da zu diesem Thema bislang nur ausschnitthafte Untersuchungen vorliegen. Die Analyse soll in zwei Schritten erfolgen: Zunächst werden die (stark entscheidend durch die französische Brechtrezeption beeinflussten) Entwicklungen zwischen 1945 und 1990 betrachtet werden, dann die Bedeutung der deutschsprachigen Dramatik der 90er Jahre. Da in Frankreich, anders als in Deutschland, wo der Deutsche Bühnenverein jährlich Statistiken zu den Inszenierungs-, Aufführungs- und Zuschauerzahlen herausgibt, keine systematische Erfassung solcher Daten vorliegt, müssen hierfür zunächst umfassende empirische Untersuchungen in den Verlags-, Theater- und Zeitungsarchiven erfolgen. Diese werden sich nicht allein auf eine Erfassung der quantitativen Angaben zur Rezeption beschränken (wie oft ein Stück inszeniert und gespielt und von wie vielen Zuschauern es gesehen wurde), sondern es gilt vor allem, das erarbeitete Zahlenmaterial einer Analyse der Rezeption in qualitativer Hinsicht gegenüberzustellen: Wie reagiert die Fachkritik und welchen Stellenwert erhält der Autor im weiteren Verlauf des theaterinternen Diskurses? Wird er wissenschaftlich rezipiert?


2. Institutionengeschichte – Le champ théâtral

Nun hängen Theaterproduktionen (sowohl was die Inszenierung als auch den Text anbelangt) ganz wesentlich ab von dem Theatersystem, in dem sie entstehen und den Produktionsmitteln, die ihnen dieses System zur Verfügung stellt. Während in anderen Bereichen der Literatur die Frage der Verlagstätigkeit (als Editionsarbeit) sowie die Rezeption durch den Leser im Mittelpunkt des Erfolgs eines Autors stehen, muss sich der Dramatiker zunächst bei einem Fachpublikum, d.h. den Theatermachern durchsetzen, damit sein Werk überhaupt als Bühnentext wahrgenommen werden kann. Um die Bedingungen der Rezeption deutschsprachiger Autoren in Frankreich analysieren zu können, ist es daher unumgänglich, diese Besonderheit des Theaterfeldes zu untersuchen und den einschlägigen Arbeiten Bourdieus und seiner Schüler zum champ littéraire eine zur Zeit noch ausstehende Analyse des champ théâtral hinzuzugefügen. Hierzu muss zunächst eine eingehende Betrachtung der französischen Theaterstrukturen erfolgen – und zwar kontrastiv, im Vergleich und in Abhebung zu den deutschen Theaterstrukturen. Im Mittelpunkt soll dabei vor allem die seit dem Ende der 50er Jahre unter dem von André Malraux geprägten Schlagwort der décentralisation culturelle beginnende geographische und soziale Demokratisierung des Theatersystems in Frankreich stehen. Leitfrage wird dabei sein, inwiefern diese kulturpolitische Entwicklung die Rezeption der deutschsprachigen Dramatik begünstigte, die aus französischer Perspektive das Beispiel und Vorbild eines politisch-didaktischen Theaters par excellence darstellt.


3. Kulturtransfer und künstlerische Autonomie

Die Bourdieusche Theorie des literarischen Feldes stellt die im 19. Jahrhundert aufkommenden Forderungen nach künstlerischer Autonomie in ihren Mittelpunkt. Die Entwicklung jenes Topos vollzog sich im Theater aufgrund der ökonomischen Abhängigkeit von einem (zumindest zum Teil) staatswirtschaftlich organisierten System im Vergleich zu Beeinflussung des Theaters durch den Staat stark fixiert auf regionale Eigenheiten. Die daraus resultierende enge Verknüpfung des künstlerischen Selbstverständnisses der Theatermacher mit den nationalen Konventionen der Theaterarbeit führt in der interkulturellen Zusammenarbeit auf allen Ebenen (Text, Inszenierung, technisch-handwerkliche Umsetzung, Finanzierung) immer wieder zu eklatanten Missverständnissen und Fehlinterpretationen – in praktischer wie theoretischer Hinsicht. Unter Einbeziehung der Foucaultschen Diskursanalyse soll in einem dritten Teil daher nach den Bedingungen der nationalen Theaterarbeit und des internationalen bzw. deutsch-französischen Kulturtransfers gefragt werden: Wie lassen sich in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts die wechselseitigen Abhängigkeiten von Theaterregisseur und Dramatiker im jeweiligen System beschreiben und erklären? Welches sind die kulturpolitischen und ästhetischen Konsequenzen dieses Selbstverständnisses im praktischen wie wissenschaftlichen Kulturtransfer. Können nationalen Eigenheiten innerhalb einer europäischen Kulturpolitik langfristig noch Berücksichtigung finden?

In konkreter Orientierung an diesen drei Hauptachsen will das Forschungsprojekt unter Berücksichtigung literatursoziologischer und kulturwissenschaftlicher Aspekte auch einen Beitrag zur Frage Bildung kultureller Identitäten in Europa leisten.