Universität Bielefeld

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Fakultät für Linguistik
und Literaturwissenschaft

Prof. Dr. Klaus-Michael Bogdal: Forschung

Teilgebiet: Literaturwissenschaft

Institutioneller Wandel, Paradigmenwechsel und disziplinäre Organisation in den sechziger und siebziger Jahren

Abstract 

As of April 1, 2001 a research project concerning the history of German Studies funded by the Deutsche Forschungsgemeinschaft was established at Duisburg University. The project concentrates on the period between 1965 and 1980, a time in which discussions about scientific self-understanding, the assessment of the German National Socialist past and methodological debates coincide with the founding of new universities in Germany. The project aims at dealing, on various analytical levels, with the question of whether these newly founded universities contributed in a significant way to the change of German Studies as an academic discipline. The first step will be an investigation which focuses on the sample universities of Bielefeld, Bochum and Siegen. 

A partir du premier avril, un projet de recherche concernant l'histoire de la germanistique en tant que discipline universitaire, financé par la Deutsche Forschungsgemeinschaft, s'est établi à Duisburg. Le projet examine la période entre 1965 et 1980, l'époque où les discussions portant sur l'identité scientifique et sur le nazisme ainsi que des débats méthodologiques coincident avec la fondation de nouvelles universités en Allemagne. Le projet poursuit la question à savoir si ces universités ont contribué d'une façon signifiante à changer la germanistique en tant que discipline universitaire. Dans un premier temps, les recherches portent sur les universités de Bielefeld, Bochum et Siegen. 

Fragestellungen und Ziele 

Zum 1. April 2001 ist an der Gerhard-Mercator-Universität Duisburg ein von der Deutschen Forschungsgemeinschaft gefördertes Forschungsprojekt zur Fachgeschichte der Germanistik eingerichtet worden. Im Mittelpunkt steht die Phase zwischen 1965 und 1980: eine Zeit, in der Selbstverständigungsdiskussionen, die Aufarbeitung der nationalsozialistischen Vergangenheit und Methodendebatten in der Germanistik mit Universitätsneugründungen zusammenfallen.

Im Forschungsprojekt soll auf unterschiedlichen Analyseebenen der Frage nachgegangen werden, ob die Neugründungen in besonderem Maße zur Veränderung des Fachs beigetragen haben. Dabei muß berücksichtigt werden, daß sich die neugegründeten Institute in unterschiedliche Richtungen bewegt haben, und zwar deshalb, weil sie jeweils einen bestimmten Aspekt der disziplinären Selbstreflexion oder der Methodendiskussion akzentuierten. Die Untersuchungen werden sich zunächst exemplarisch auf die Universitäten Bielefeld, Bochum und Siegen konzentrieren und damit auf die Frage nach dem Verhältnis von Literaturwissenschaft und Linguistik, auf die Rolle der neuen Literaturtheorien und auf den Wandel zur Medienwissenschaft. 

Die diskursgeschichtlich orientierte Aufarbeitung jener Umbruchsphase zwischen 1965 und 1980 fällt wiederum in eine Zeit, in der unter den Stichworten Regionalisierung und Umstrukturierung die Zusammenlegung verschiedener Reformuniversitäten zur Diskussion steht - erneut kündigen sich also massive Veränderungen der universitären Landschaft an. Insofern gewinnt das Forschungsprojekt über seine wissenschaftsgeschichtliche Relevanz hinaus zusätzliche Brisanz und Aktualität. 

Leitfragen 

  • Auf welche Weise formierten sich die Gegenstandsbereiche der Germanistik, ihre Institutionen und die darin tätigen Personen?
  • Welche Ordnungen des Wissens wurden für die Germanistik im Untersuchungszeitraum hervorgebracht?
  • Welche Wissenschaftspraktiken haben sich mit welchem Ergebnis in dieser Zeit durchgesetzt?
  • Wo liegen die Grenzen der Modernisierbarkeit, jenseits deren Fächer ihre Elemente nicht mehr aufeinander abstimmen können?

Arbeitsbereiche und geplanter Projektverlauf 

Das übergeordnete Ziel des Forschungsprojekts besteht darin, auf unterschiedlichen Ebenen von der gesellschaftlichen Umbruchssituation Mitte der sechziger Jahre bis zur konkreten Institutionalisierung des Faches an den neuen Universitäten jene "Wege aus der Krise" zu rekonstruieren, in die die Germanistik mit der Zäsur der Jahre 1965/66 geraten zu sein schien. Was damals als Krise empfunden und diskutiert wurde, erscheint aus heutiger Sicht eher als ein Prozeß je unterschiedlich akzentuierter Reorganisation und Ausdifferenzierung der Disziplin: als Prozeß der Modernisierung und Pluralisierung, in dem dringlicher als zuvor die Frage auch nach den Leistungen und Funktionen des Faches für andere gesellschaftliche Bereiche aufgeworfen wurde. 

Erst das Zusammentreffen (institutionalisierter) organisatorischer Veränderungen mit (fachwissenschaftlichen) konzeptionellen Innovationen dürfte zu den beobachtbaren Modernisierungsschüben geführt haben. 

Für den geplanten Projektverlauf ergeben sich aus diesen Überlegungen die folgenden Arbeitsschwerpunkte: 

  • Systematische Erforschung jener Verschiebungen, Brüche und Innovationen, die sich auf der Ebene literaturtheoretischer Reflexion, methodischer Selbstverständigung und disziplinärer Grundannahmen in den sechziger Jahren vollzogen haben.
  • Rekonstruktion der Geschichte der Germanistik an den Universitäten Siegen, Bielefeld und Bochum. In einem ersten Schritt soll vor allem der Wissenschaftler- und damit auch: der Wissenstransfer zwischen den genannten Universitäten in Form von Archiv- und Quellenarbeit empirisch erhoben und ausgewertet werden.
  • Exemplarische und gegebenenfalls vergleichende Untersuchung jener Fachzeitschriften, die das Profil der Germanistik an den Universitäten Bochum, Siegen und Bielefeld entscheidend mitgeprägt haben. Hier geht es insbesondere um die Überlagerung von institutionellen und personengeschichtlichen mit wissenstheoretischen Aspekten.

Vorarbeiten 

Wichtige Vorarbeiten gingen dem Projektbeginn bereits voraus, ermöglicht durch eine Anschubfinanzierung der Universität Duisburg. Kontinuität wurde gewährleistet durch ein sechsmonatiges Stipendium des Deutschen Literaturarchivs.

Literatur 

  • Bogdal, Klaus-Michael: Von der Methode zur Theorie. Zum Stand der Dinge in den Literaturwissenschaften, in: Neue Literaturtheorien. Eine Einführung, hg. v. Klaus-Michael Bogdal, 2. neubearb. Aufl., Opladen 1997, S. 10-31.
  • Bogdal, Klaus-Michael: Historische Diskursanalyse der Literatur. Theorie, Arbeitsfelder, Analysen, Vermittlung, Wiesbaden/Opladen 1999.
  • Bogdal, Klaus-Michael: Neue Universitäten - Neue Germanistik? Institutioneller Wandel, Paradigmenwechsel und disziplinäre Organisation in den sechziger und siebziger Jahren, in: Akten des X. Internationalen Germanistenkongresses. Wien 2000. "Zeitenwende - Die Germanistik auf dem Weg vom 20. ins 21. Jahrhundert", hrsg. v. Peter Wiesinger unter Mitarbeit von Hans Derkits, Bd. 11, Bern-Berlin-Bruxelles-Frankfurt/M.-New York-Oxford-Wien 2003, S.237-244.
  • Bogdal, Klaus-Michael: Diskursanalyse, literaturwissenschaftlich, in: Literaturwissenschaft und Linguistik von 1960 bis heute, hrsg. v. Ulrike Haß u. Christoph König, Göttingen 2003, S.153-174.
  • Bogdal, Klaus-Michael: Am Ende der Gründerzeit. Zu einem Heidelberger Symposium über Wissenschaftsforschung, in: Mitteilungen des Marbacher Arbeitskreises für Geschichte der Germanistik, H. 19/20 (2001), S. 9-12.
  • Bogdal, Klaus-Michael: Wissenskanon und Kanonwissen. Literaturwissenschaftliche Standardwerke in Zeiten disziplinären Umbruchs, in: Text+Kritik, Sonderband IX: Literarische Kanonbildung, München 2002, S.55-89.
  • Geisenhanslüke, Achim: Foucault und die Literatur. Eine diskurskritische Untersuchung, Opladen 1997.
  • Geisenhanslüke, Achim: Einführung in die Literaturtheorie. Von der Hermeneutik zur Medienwissenschaft, Darmstadt (WBG) 2003. (2. Aufl. 2004)
  • Geisenhanslüke, Achim: Freud aus Frankreich. Psychoanalyse und Postmoderne, in: Kodikas/Code. Ars Semeiotica Volume 23, No. 3-4 (2000), S. 275-286.
  • Geisenhanslüke, Achim: Der Kanon der Theorie. Mallarmee in Deconstruction, in: Text+Kritik, Sonderband IX: Literarische Kanonbildung, München 2002, S.259-273.
  • Müller, Oliver: Das Recht zu deuten. Ayers und Bennett über Locke. In: Mitteilungen des Deutschen Germanistenverbandes, 47. Jg., H. 4/2000, S. 462-475.
  • Müller, Oliver: Das wissenschaftliche Archiv von Helmut Kreuzer im Deutschen Literaturarchiv, in: Mitteilungen des Marbacher Arbeitskreises für Geschichte der Germanistik, H. 19/20 (2001), S. 39-42.
  • Müller, Oliver: [Rez.]: S. Vietta/D. Kemper (Hg.): Germanistik der 70er Jahre. Zwischen Innovation und Ideologie, München 2002, in: Mitteilungen des Marbacher Arbeitskreises für Geschichte der Germanistik, H. 19/20 (2001), S. 31.
  • Müller, Oliver: Reformierte Literaturwissenschaft in Siegen am Beispiel Helmut Kreuzer und S. J. Schmidt (Vortrag, gehalten an der Ruhr-Universität Bochum am 07.02.2002).
  • Sill, Oliver: Literatur in der funktional differenzierten Gesellschaft. Systemtheoretische Perspektiven auf ein komplexes Phänomen, Wiesbaden 2001.
  • Sill, Oliver: Von der Bildung zum Wissen? Germanistik und Arbeitsmarkt heute (Vortrag, gehalten an der Ruhr-Universität Bochum am 07.02.2002).
  • Sill, Oliver: Zwischen entwerteter Vergangenheit und ungewisser Zukunft. Germanistik der späten sechziger und siebziger Jahre im Kontext gesellschaftlicher Modernisierungsprozesse (Teilstudie, 94 S.).
  • Sill, Oliver: Kein Ende und ein Anfang. Germanistische Literaturwissenschaft der sechziger und siebziger Jahre, Bielefeld 2003. (Aisthesis-Essay 15)

Kooperationen 

Als Kooperationspartner für den weiteren Projektverlauf konnte die Arbeitsstelle für die Erforschung der Geschichte der Germanistik im Deutschen Literaturarchiv in Marbach (Leiter: PD Dr. Christoph König) gewonnen werden. Überdies ist ein regelmäßiger Austausch über Forschungsergebnisse mit Frau Dr. Petra Boden vom Zentrum für Literaturforschung in Berlin vereinbart.

Forschung, Lehre, Öffentlichkeit 

Die thematischen Schwerpunkte des Forschungsprojekts fanden ihren Niederschlag auch im Lehrangebot zur Germanistik im Fachbereich Sprach- und Literaturwissenschaften der Universität Duisburg, wo das Projekt bis Ende 2001 angesiedelt war. Im Sommersemester 2001 wurden ein Oberseminar zu Methodenfragen der Germanistik und ein Hauptseminar über Poststrukturalistische Literaturtheorie angeboten. Im Wintersemester 2001/ 2002 fand ein Hauptseminar zum Thema Grundlagen und Methoden der Fachgeschichtsschreibung statt.
An der Universität Bielefeld findet seit dem Sommersemester 2002 pro Semester ein Oberseminar zu Methoden und Forschungsstrategien statt.

Im Oktober 2002 findet ein DFG-Kolloquium statt.

Tagungsprogramm

  • Herunterladen: Tagungsprogramm (doc-Datei für Word)
  • Zum Kolloqium sind bekannte Vertreter der Fachgeschichtsschreibung bzw. Wissenschaftsgeschichte eingeladen. 
  • (verfasst von: Oliver Sill, Oliver Müller)

DFG-Forschungsprojekt: Neue Universitäten - Neue Germanistik?

Projektleitung: 

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Sekretariat: