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Eckhard Schumacher

Laurence Rickels

Vorstellung



Es freut mich, Ihnen Laurence Rickels vorstellen zu dürfen. Laurence Rickels ist Professor of German an der University of California, Santa Barbara, Filmtheoretiker, Kunstkritiker und, nicht zuletzt, Psychoanalytiker.

"That's what thinking is: it means juxtaposing what comes your way without being phobic about it." Mit dieser Bemerkung beendet Laurence Rickels in der Zeitschrift artforum ein Interview mit der Filmemacherin Ulrike Ottinger, die hinsichtlich einiger Hollywoodproduktionen zum Thema AIDS darauf hinweist, daß diese in ihrem Setzen auf Sentimentalität genau das ausschließen, was angesichts des Themas und seiner massenmedialen Reflexion bemerkenswert, jedoch nicht einfach entscheidbar und in seinen Komplikationen auch nicht einfach absehbar ist.

Der Satz, mit dem Laurence Rickels die Überlegung Ulrike Ottingers aufnimmt und unterstreicht, scheint mir in verdichteter Form einige der Voraussetzungen und Fragen zu implizieren, denen sich Laurence Rickels Arbeiten stellen, die sie - auch sich selbst - voraussetzen. Es geht um ein Nebeneinanderstellen von dem, was auf dem Weg des Lesens, des Analysierens, des Denkens, auftaucht. Es geht um ein Aufnehmen und Ernstnehmen von Assoziationen und Analogien, um ein Kombinieren, das versucht, unerwartete oder unerwünschte Effekte nicht auszublenden, das versucht, all das, was Spuren von Ambivalenz trägt oder hinterläßt (und sei es die sogenannte Leiche im Keller), nicht einfach zu verwischen, zu verdrängen.

Die Psychoanalyse ist vielleicht die Disziplin, die diese Voraussetzung am nachhaltigsten reflektiert, indem sie sie als Technik in Form der freien Assoziation an zentraler Stelle in die eigene Arbeit, in die Praxis, integriert - und auch von ihr affiziert wird. Neben terminologischen und konzeptuellen Anschlüssen ist es auch dieser Raum, der der - mehr oder minder - freien Assoziation zugestanden wird, der die Arbeitsweise Laurence Rickels in die Nähe psychoanalytischer Technik und Theoriebildung rückt. Den Assoziationsketten wird in den Texten Rickels jedoch, und dies kompliziert das theoretische Beziehungsgeflecht durchaus, auch auf der Ebene der Theorie Raum zugestanden. Der Analytiker, als der Rickels in seinen Texten erscheint, schreibt nicht nur über Assoziationen in vorliegenden Texten, analysiert und vereindeutigt nicht nur, sondern nimmt Assoziationsketten auch selbst - in Form von Wortspielen, scheinbar zufälligen Verknüpfungen, Ausgrabungen und Analogiebildungen - in seinen Text auf, verfolgt sie, und überträgt sie, wenn man so möchte, auf die eigenen Schreibverfahren. Zu- und Einfälle, die nicht notwendig der vermeintlichen Logik einer Argumentation folgen, werden nicht ausgeschlossen, sondern rücken als Herausforderung an das Denken und Schreiben in deren Zentrum, das auf diese Weise permanent verschoben wird, entgleitet - oder verrückt wird.

Das Reden aus einer sprachlich abgesicherten Position des Wissens und die damit verbundene Kompetenzrhetorik, die eine psychoanalytisch orientierte Literaturwissenschaft vielleicht ebenso häufig auszeichnet wie eine Literaturwissenschaft, die immer schon zu wissen meint, was ihren Gegenstand und Gegenstandsbereich ausmacht, werden auf diese Weise in Rickels Texten, die immer auch den eigenen Ort des Sprechens in Frage stellen, zugleich ausgestellt und unterlaufen. Das Nebeneinanderstellen von dem, was, mehr oder minder zufällig, auf dem Weg liegt, eröffnet scheinbar terminologisch abgesicherten und also stillgestellten metaphern und Vergleichen überraschende Lesarten, deren Rückkopplungseffekte an Rickels Arbeiten abzulesen sind - besonders nachdrücklich im Fall von Freuds Technologie-Analogien. Daß ein solches Verfahren, das Effekten der Übertragung nicht ausweicht, durchaus auch phobische Reaktionen hervorrufen kann, ist aus der Theoriediskussion der letzten Jahre bekannt. So erscheint vielleicht auch aus dieser Perspektive der zitierte Satz diskutabel und bedenkenswert: "That's what thinking is: it means juxtaposing what comes your way without being phobic about it".

Neben zahlreichen Essays u.a. zu Goethe, Döblin, Nietzsche und, immer wieder, Freud, und Rezensionen, Kunstkritiken und Interviews u.a. mit Theweleit, Kittler, Serres oder eben Ottinger in artforum, steht im Zentrum der Arbeit von Laurence Rickels eine Trilogie von drei Büchern, deren letzter Teil, Nazi Psychoanalysis, zwar schon teilweise, als zerstückeltes Phantom duch die Computernetze geistert, aber in Buchform, als Ganzes, noch nicht greifbar ist. Aberrations of Mourning, The Case of California und Nazi Psychoanalysis problematisieren aus je verschiedenen Perspektiven den Begriff der Trauer,und dabei im besonderen die manchmal unheimlichen Ab- und Umwege der Trauerarbeit, eben jenen Komplex, den Rickels 'Unmourning' nennt. Aberrations of Mourning, das als deutsche Teilübersetzung unter dem Titel Der unbetrauerbare Tod erschienen ist, verfolgt jene Abwege der Trauer, bei denen das verlorengegangene Objekt nicht ersetzt wird, sondern, untot und unbetrauerbar, als Gespenst weiterlebt, in Texten und Biographien herumspukt und so den Leser wie auch den Analytiker in die Irre führt, verwirrt. Diesseits und jenseits von oedipalen Konstellationen erkundet Rickels mit Lessing, Kafka, Shelley und Keller die Schnittstellen von Literatur, Psychoanalyse und Massenmedien.

Im zweiten Buch, The Case of California, verlagert sich die Perspektive auf Phänomene der Gruppen- oder Massenpsychologie, in deren Zentrum die kalifornische oder aber, und genau diese Unterscheidung verfolgt das Buch, deutsche Erfindung der Adoleszenz rückt, und damit auch die Erfindung von Kalifornien selbst. Der kaum zu bezweifelnde räumliche Abstand zwischen Deutschland und Kalifornien erscheint in Rickels' Fallgeschichte auch und gerade als die - vielleicht zufällige - Kehrseite einer Nähe, die in mehrfachem Sinn als Attraktion, und durchaus auch als monströse Attraktion beschrieben wird. Kalifornien ist, zumal von Deutschland aus betrachtet, nie nur ein empirischer Ort, sondern immer auch und vielleicht allererst ein Phantasma, ein symbolischer Ort, an dem - nicht nur symbolisch - wiederholt Traumfabriken und Todeskulte, Körperkulte und Massenselbstmorde direkt nebeneinander stehen.

Wenn Laurence Rickels Kalifornien als "flipped-out side" von Deutschland beschreibt, ist damit allerdings nicht nur die Erfindung des Teenagers, der unendlichen Adoleszenz, gemeint. Die Distanzierungen und Halluzinationen Amerikas, die sich bei Freud und Adorno finden, treten dabei genauso in das Blickfeld wie das Exil der Psychoanalyse, die Exzesse der kalifornischen Psychotherapie und das - auch empirische - Exil der kritischen Theorie, die mit dem Wechsel von Deutschland nach Kalifornien auch - fast nahtlos - die Perspektive verlagert: vom Nationalsozialismus zur Kulturindustrie. Das Titelbild von The Case of California markiert einige dieser Lesarten: es reproduziert ein hybrides Wesen aus Mickey Mouse, Freud, einem definitiv kalifornischen Oberkörper, das die bekannten Kennzeichen von Frankensteins Monster trägt.

Rickels setzt an den Schnittstellen von Massenpsychologie, Popkultur und Theoriebildung an, und verfolgt die Kollisionen und Überlagerungen auf eine Weise, die weder die affirmativ-exzessive Hingabe Baudrillards noch die kritische Distanzierung von Adorno und Horkheimer einfach nachvollzieht, sondern immer versucht, das Phantasma Kalifornien innerhalb seiner ambivalenten Strukturen zu bestimmen, es ambivalent zu lesen: "at once a mode of close reading and a mood of authenticity - namely ambivalence" heißt es in The Case of California.

Die Arbeiten von Laurence Rickels sind aber nicht allein thematisch von Interesse. Es stellt sich die Frage, ob und auf welche Weise Elemente und Stillagen der Popkultur in die wissenschaftliche Arbeit integriert werden können. Technologie, Massenmedien und also auch Phänomene der Popkultur werden, bei aller kritischen Distanz, in den Arbeiten Rickels' nicht einfach als das Andere des Denkens und Schreibens ausgegrenzt, sondern bestimmen die kritische Tätigkeit bis in die Terminologie und die Argumentation hinein auf eine Weise mit, für die mir - auf dem vorgegebenen Reflexionsniveau und in dieser Radikalität - nur wenig Vergleiche einfallen.
 




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