Teil 2
Lesmona-Rückblick
S. 22 bis 27


Was war es nun, was sich aus der Einsicht, daß die Briefe bearbeitet waren, in der Hauptsache ergab? Das eine war, daß die Briefe eine nachträgliche und bewußte Abrechnung mit ihrem Mann, Gustav Pauli, enthielten. Und das andere war, daß sich Magdas Trennung von Percy doch anders und um einiges dramatischer abgespielt hat, als man es diesen Briefen entnimmt. Im Grunde hat das eine mit dem anderen sogar zu tun; denn ihre Mitschuld an dieser Trennung abzumildern war fast notwendig, nachdem auf ihren späteren Mann durch diese Briefe ein so negatives Licht fiel.

Doch um zunächst zu rekapitulieren: In Sommer in Lesmona wird uns die Geschichte so erzählt, daß Magda nach ihrer Abreise aus London im Frühjahr 1895 nur noch durch ihren Freund Max von Percy hört, und zwar zuletzt wenige Wochen vor ihrer Hochzeit, als dieser ihr einen schriftlichen Heiratsantrag von ihm überbringt. Da sie ihm daraufhin Magda_kleinabschreibt, hat sie ihn damals den Briefen zufolge nicht mehr gesehen, und ebenso späterhin nicht, wie sie 1952 Thomas Mann mitteilt, sondern nur noch durch Verwandte von seinem weiteren Weg gehört. So hätte es auch sein können, wenn - ja, wenn eben Percy nicht damals schon von London nach Hamburg umgezogen gewesen wäre und folglich ganz in ihrer Nähe war. Und da sich nun gleichzeitig noch herausstellte, daß die Briefe des letzten halben Jahres zeitliche Zuordnungsfehler enthielten, kann es nicht anders sein, als daß er ihr damals nach Bremen nicht nur geschrieben hat, sondern hier auch aufgetaucht ist - denn daß sie Bertha diesen Ortswechsel verheimlicht hat, wird ja wohl niemand glauben. Auch ihre Bemerkung Thomas Mann gegenüber, Percy habe sie durch seine Leidenschaft 'immer wieder mitgerissen' und sie an ihrem Verlöbnis zweifeln lassen, ist, so wie sich die Sache in Sommer in Lesmona darstellt, eigentlich unverständlich, da man nicht sieht, bei welchen Gelegenheiten dies der Fall gewesen sein könnte. Warum sie vor uns, den Lesern, diesen Ortswechsel verborgen hat, ist allerdings nicht schwer zu erklären. Sie befürchtete offenbar, daß man ihre Entscheidung dann noch weniger verstehen, ihrem Kummer gar ein zorniges 'Selbst schuld!' nachrufen würde, und dies ihren eigenen Schuldgefühlen noch hinzuzutun, war ihr zu viel. Mit anderen Worten: es ist Ausdruck eines schlechten Gewissens, so wie ja das ganze Lesmona-Buch Percy gegenüber Ausdruck eines schlechten Gewissens ist.

Doch noch eine andere Überlegung war mit der Entdeckung, daß Percy zur Zeit ihrer Hochzeit und dann noch einmal von 1903 bis 05 in Hamburg gewesen ist, verbunden, nämlich die, ob sie sich dann nicht doch noch einmal wiedergesehen haben. Denn konnte es wirklich sein, da sie ja damals schon aus Dresden nach Bremen zurückgekehrt war und die ganze Verwandtschaft hier an Percys Hamburger Geschäftsgründung Anteil nahm, daß ihr dies entgangen war und sie nur über seinen Bruder noch von ihm hörte? Ich wurde sehr skeptisch, als mir dieser Zusammenhang klar war, doch da ich nichts anderes wußte, ging es nicht an, ihr Wort in Zweifel zu ziehen. Inzwischen hat sich aber herausgestellt, daß sie ihn in der Tat damals noch einmal getroffen hat, und da ich dazu in der zweiten Auflage meines Buches einen Nachtrag gemacht habe und die Lesmona-Geschichte damit gewissermaßen ihren Abschluß findet, will ich als erstes hier darüber berichten.

Dabei wirkt auch hier wieder schon die Spur, auf der ich mein Wissen erlangte, so absichtlich gelegt, daß ich ein weiteres Mal geneigt bin, an Bestimmung zu glauben. Magda Pauli, die ja eine sehr gerade Natur war, scheint es in einem höheren Sinne nachgerade darauf Pauli_klein angelegt zu haben, daß man bei ernstem Willen der Wahrheit doch auf den Grund kommen konnte. Bei einem Besuch im Deutschen Literaturarchiv in Marbach im Januar dieses Jahres, der eigentlich einem ganz anderen Gegenstand gegolten hatte, stieß ich überraschend auf eine größere Zahl von Briefen von ihr und Gustav Pauli an Alfred Heymel, ihren Freund aus den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg, als um sie und ihren Mann hier in Bremen der Kreis der 'Goldenen Wolke' versammelt war. Heymel, zwei Jahre jünger als sie und nach kurzem Einsatz im Ersten Weltkrieg 1914 an Tuberkulose verstorben, hatte damals seinen gesamten Nachlaß Rudolf Alexander Schröder vermacht und der ihn seinerseits 1962 wieder dem Literaturarchiv in Marbach überlassen. Wäre dieser Fund, immerhin sechzig Briefe der Eheleute Pauli an Heymel und 40 Durchschriften von dessen maschinegeschriebenen Antworten an sie, schon an und für sich eine Sensation gewesen, so war es nun einer dieser Briefe ganz besonders. Es ist ein Brief von ihr an Heymel, in dem sie diesen an den Beginn ihrer Freundschaft in Bremen erinnert und an einen Dienst, den er ihr damals geleistet habe. "Ach Alfi", so schreibt sie dem nach Amerika abgereisten Heymel im November 1908 nach,

es war doch nett all die Jahre durch, und ich werde Dich immer lieb behalten. Ich habe Dich erkannt von dem Tag in Hamburg an, vor vielen Jahren, als ich nach Dir das Hotelzimmer bezog. Du hattest geahnt, daß ich dort etwas Liebe fühlen müßte, und ich fand Choco, Blumen, Obst, einen Brief von Dir. Ich habe Dir nie gesagt, was das in jener Stunde für mich bedeutet hat, denn ich kam von dem schwersten Gang meines Lebens, gänzlich zerbrochen, in das Zimmer. Als ich da Deine Sachen fand, wurde mir ganz froh und glücklich zu Mut. - Seitdem ist nun so eine stille Freundschaft in mir, und die möchte ich niemals verlieren.

Was war es, was sie damals - nämlich im Herbst 1903 - nach Hamburg führte und welcher 'schwerste Gang ihres Lebens' machte es erforderlich, daß sie dafür, obwohl nur aus Bremen anreisend, dort ein Hotelzimmer reserviert bekam? Man könnte an den Abschied von einem engen Freund, an einen Besuch an einem Kranken- oder Sterbebett denken - doch Ereignisse dieser Art gab es zu dieser Zeit für sie in Hamburg nicht, und auch ihre Schuldgefühle würden dazu nicht passen. Nein, alle Indizien weisen darauf hin, daß dieser Gang Percy gegolten hat, der damals gerade, im August 1903, mit seiner Frau Agnes dorthin gezogen war. Nach seinem Wiederauftauchen in ihrer Nähe war es naturgemäß ihre Sache, den ersten Schritt zur Wiederannäherung zu tun. Schließlich war sie es gewesen, die sich von ihm abgewandt hatte, und ihr als etablierter Ehefrau und Mutter konnte es auch nicht mißdeutet werden, wenn sie ihn und seine junge Frau, auf die sie natürlich auch neugierig war, einmal in ihrem neuen Heim besuchte. Oder sollte sie warten, bis daß er ihr bei irgendeiner Bremer Familienfeier unverhofft gegenübertrat? Daß er nur zwei Jahre in Hamburg sein würde, konnte sie schließlich nicht wissen, er gehörte bis auf weiteres nun dazu.

Warum aber ist sie nach dem Besuch 'ganz zerbrochen' und versteht die kleinen Aufmerksamkeiten Heymels wie einen himmlischen Fingerzeig? Zum einen hat sie Percy wohl doch nicht so glücklich wiedergefunden, wie sie es sich zu ihrer Entlastung gewünscht hätte, und fand auch vielleicht seine Agnes nicht ganz zu ihm passend. Zum anderen und mehr noch aber muß ihr klar geworden sein (auch wenn Percy sie sicherlich fühlen ließ, daß er nichts mehr für sie empfand), wie falsch ihre Entscheidung damals war. Er war jetzt 29, ein Mann wie für sie gemacht, und sie saß mit dem ältlichen Gustav Pauli da, der immer abseits stand und in ihrem Freundeskreis als 'Vertreter der Würde' schon beinahe verspottet wurde.1) Da war es ihr, wenn sie schon den Mann nicht bekommen hatte, der zu ihr paßte, ein Trost, wenigstens gute Freunde zu haben, und dies ist es, woran Heymels Liebesgaben sie erinnern. 
 

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©Bernd W. Seiler, Januar 2015