Aber die Witwe Pittelkow!
Neues von Theodor Fontanes unehelichen Kindern
DIE ZEIT Nr. 46/1998, S. 52-53


Die Familie hatte sich bemüht, alle Spuren zu beseitigen, aber heraus kam es doch. "Denke Dir", Titelso lautete ein lange unterdrückter Brief Theodor Fontanes vom 1. März 1849 an seinen Freund Bernhard von Lepel, "Enthüllungen No II; zum zweiten Male unglückseliger Vater eines illegitimen Sprößlings". Und: "Meine Kinder fressen mir die Haare vom Kopf, eh die Welt weiß, daß ich überhaupt welche habe."

Mit der Veröffentlichung 1960 wußte es also die Welt, und die Vermutungen gingen auch sofort in eine bestimmte Richtung. Da die Hiobsbotschaft Fontane als ‘Aktenstück aus Dresden’ erreicht hatte, nahm man an, daß dann nur beide Kinder aus ein und derselben Verbindung stammen konnten. Zu Dresden hatte er seit 1843, dem Ende seines Volontariats in der Salomonis-Apotheke, eigentlich keine Verbindung mehr - sollte dann nicht allein ein solches dort schon bestehendes Verhältnis zu einem weiteren Kind daselbst geführt haben? Die gefällige Hypothese nahm bald und immer öfter das Ansehen einer Tatsache an, und Günter Grass in seinem Weiten Feld lieferte dazu dann eine ganze Geschichte. Demnach hätte der 23jährige Fontane in Dresden mit einer 18jährigen Gärtnerstocher angebändelt, eine Tochter mit ihr gezeugt, die Verbindung deshalb aufrecht erhalten, 1849 eine zweite Tochter gehabt und erst mit seiner Heirat 1850 das Verhältnis beendet.

So weit, so unterhaltlich - doch wirklich "vorzüglich erfunden", wie es in einer neueren Biographie anerkennend heißt? Tatsächlich weisen gleich mehrere Aussagen Fontanes auf etwas ganz anderes hin. Zunächst: das Schreiben ist ein "Aktenstück" mit einer Zahlungsaufforderung, und es trifft ihn völlig überraschend. Es stammt mithin nicht von der Frau selbst, von deren Schwangerschaft er keine Ahnung hatte, sondern kann nur das Schreiben eines Vormunds sein, der wie üblich den Vater zu ermitteln und ihn zu Zahlungen anzuhalten hatte.

Ist dann aber eine schon jahrelang bestehende feste Verbindung auch nur halbwegs wahrscheinlich? Und wer schreibt "Enthüllungen No II", wenn, wie unterstellt, ‘Enthüllung No I’ fünf oder sechs Jahre zurückliegt? Und warum schließlich bedenkt Fontane mit keinem Wort die Verpflichtung zu einer Heirat, sondern spottet bloß über eine "unglaubliche Leistungsfähigkeit, da wo sie füglicherweise zu entbehren wäre"? Das alles deutet eher auf kurzzeitige, vielleicht sogar nur bezahlte Kontakte hin, und da seit ‘Enthüllung No I’ noch nicht allzu viel Zeit vergangen sein dürfte, muß es sich um Kinder verschiedener Frauen gehandelt haben.

Wie jedoch der Dresdner Frau auf die Spur kommen? Da Fontanes Name, wie lange feststeht, in den Kirchenbüchern nicht erscheint, läßt sich nur so vorgehen, daß man alle zu Beginn des Jahres 1849 in Dresden geborenenen unehelichen Kinder überprüft und dann abwägt, für welche er als Vater überhaupt infrage kommt. Erstens nur für die, bei denen ein "Vater unbekannt" hinter dem Namen steht; denn für alle mit benannten Vätern - und damit die meisten - scheidet er für eine amtliche Inanspruchnahme aus. Und zweitens für eins von diesen ganz bestimmt, da er ohne einen solchen Eintrag auch wiederum amtlich nicht kontaktiert worden wäre.

Das Ergebnis stellt sich dann aber noch als bei weitem deutlicher dar, als vorauszusehen. Nur fünf der zwanzig Frauen, die Anfang 1849 ein Kind mit ‘Vater unbekannt’ in Dresden geboren haben (die Kirchenbücher sind vollständig erhalten), sind überhaupt Dresdnerinnen, während alle anderen aus der weiteren Umgebung stammen, von wo her sie nur für die Entbindung in die Stadt gekommen sind. Zugleich ist es für sie wie für die Mehrzahl der Dresdnerinnen aber auch jeweils das erste Kind, d.h. es handelt sich um die sprichwörtlichen Verführungs- oder Mißbrauchsfälle, bei denen der Vatersname vermutlich mit einer Abfindungszahlung unterdrückt wurde. Damit aber kommen diese Frauen für Fontane gleich zweifach nicht infrage. Zum einen sieht man nicht, wie er in ihre Heimatorte jemals gekommen sein soll, und zum anderen nicht, wie er ohne eine längere Werbung mit ihnen hätte intim werden können. Für die einzige Frau aber, für die beides nicht gilt, ergeben sich zugleich so viele weitere passende Indizien, daß sie auch ohne diesen Vergleich gut für eine Bekanntschaft infrage kommt.

Es ist die am 10. April 1812 in Dresden geborene Augusta Emilia Adelheid Freygang, Tochter eines Schankwirts, zweimal verheiratet und schon mit 36 Jahren, als sie von dem acht Jahre jüngeren Fontane - vermutlich - das Kind, eine Tochter, empfängt, zum zweiten Mal Witwe. Nach den Einträgen der Kreuzkirche bekam sie im ganzen zehn Kinder, davon nachgewiesen fünf uneheliche und ihr letztes noch im Alter von 39 Jahren, so daß sie also sicherlich nicht unattraktiv gewesen ist. Fischergasse Gestorben erst nach 1875 (danach ist das Standesamt zuständig, dessen Daten geschützt sind), war und blieb sie aber auch gesund, hat also trotz dieser Kinderzahl nicht schlecht gelebt. Und: Sie wohnte in unmittelbarer Nähe der Salomonis-Apotheke, in einer der kurzen Gassen, die vom Neumarkt hinunter zur Elbe führen. Dort, in der Kleinen Fischergasse, hatte ihr Vater seine Schankwirtschaft, und für das Milieu genügt zu sagen, daß die Gasse, die heutige Brühlsche Gasse, damals ein fester Begriff für das Dresdner Dirnenviertel war.

Warum dann aber noch das Augenmerk auf die Salomonis- Apotheke? Da die Frau seinen Namen für das Kirchenbuch nicht angeben konnte, ist die Frage, wie sie ihn in Berlin überhaupt hat ausfindig machen lassen können. Hier aber ist das Nächstliegende, Stadtplan an seine Zeit in dieser Apotheke zu denken, die von der Kleinen Fischergasse keine zwei Minuten entfernt lag. Und nicht nur das. Schon vielen Lesern seines Erinnerungsbuches Von Zwanzig bis Dreißig ist aufgefallen, wie knapp und geradezu verlegen er über jene Zeit dort sich äußert. An seinen Freund Wolfsohn aber schreibt er 1848, daß er wie in "Dresdner Tagen" auch in Berlin wieder einmal erbärmlich untergebracht sei, nämlich in einer "Schandkneipe" wohne, wo er sein Zimmer noch mit zwei anderen teilen müsse. So könnte es auch in Dresden ein solches Zimmer und mithin auch eins in den Gassen zur Elbe hin gewesen sein, und wo nicht, ist seine Bekanntschaft mit diesen Gassen jedenfalls nur zu wahrscheinlich.

Die dort aufgewachsene Auguste Freygang bringt ihr erstes Kind mit zwanzig zur Welt, und Vater ist ein Schlossergeselle, Friedrich Leopold Klein, aus dem nahen Freital. Sie heiratet ihn im Jahr darauf auch und bringt dabei eine zweite Tochter (die erste war bald gestorben) in die Kirche zum Taufen mit. Das eigentlich Auffällige aber: die Taufe erfolgt erst mehrere Wochen nach der Geburt, das Kind wird als ihr erstes eingetragen und die Doppelzeremonie findet wenig feierlich an einem Dienstag statt. Das erweckt den Verdacht, daß es sich um eine Hochzeit per Abfindung gehandelt hat, also schon dieses Kind nicht von dem Ehemann war. Denn auch bei den nachfolgenden Kindern gibt es Unregelmäßigkeiten. Das nächste wird vier Jahre später geboren, ist der Angabe nach aber bereits ihr viertes. Von den Kindern zwei und drei und dann - bis 1842 - noch von einem fünften gibt es nirgendwo eine Spur. So dürften es auch wiederum uneheliche gewesen sein, die, um Peinlichkeiten bei der Namensbestimmung zu vermeiden, gar nicht angemeldet wurden. Als ihr Mann im Februar 1843 mit nur 37 Jahren stirbt, ist sie jedenfalls eine Witwe mit fünf Kindern, vier Töchtern und einem Sohn, und diese Zahl wird auch durch die nachfolgenden Eintragungen bestätigt.

Ein gutes Jahr danach bekommt sie wiederum ein Kind von einem Schlossergesellen, und weitere anderthalb Jahre später ein weiteres von einem Eisenbahnarbeiter. Diesen heiratet sie bald darauf auch, doch stirbt er bereits ein dreiviertel Jahr später. Danach bringt sie noch zwei weitere Kinder zur Welt: Anfang 1849 die vermutliche Tochter Fontanes und zwei Jahre danach einen Sohn, wiederum von einem Schlosser.

So werden es im ganzen zehn Kinder, gezeugt von fünf oder mehr verschiedenen Männern - und so scheint über ihren Lebenswandel alles gesagt. Aber es wäre doch falsch, in ihr einfach eine Prostituierte zu sehen. Dann hätte sie es vermieden, so regelmäßig schwanger zu werden, oder sie hätte die Kinder nicht ausgetragen. So jedoch scheint sie von diesen auch mit gelebt zu haben, und ebenso hat sie sie einzusetzen versucht, sich wieder zu verheiraten. Und keineswegs auch ist sie sozial deklassiert. Für alle Kinder hat sie ordentliche Taufpaten, einmal sogar einen ‘Gutsbesitzer’, und immer auch weiß sie, an wen sie sich zwecks Zahlung zu halten hat. Und umgekehrt hat auch Fontane ja die ihm zugeschriebene Vaterschaft sofort akzeptiert, muß sein Verhältnis zu ihr also für durchaus unverwechselbar gehalten haben.

Was aber könnte ihn damals nach Dresden geführt haben? Der Tag der Geburt, der 16. Januar 1849, gibt einen Hinweis. Die gewöhnlichen 270 Tage für eine Schwangerschaft zurückgerechnet, Apotheke müßte er um den 21. April herum mit jener Frau zusammen gewesen sein - und am 23. April 1848 war Ostern. Ein Osterbesuch in Dresden - das ließ sich mit seinem Berliner Apothekendienst wohl vereinbaren. Und einen Anlaß dazu könnte er auch gehabt haben, nämlich daß sein Freund Wolfsohn einen Monat zuvor nach Dresden umgezogen war. Ein Aufenthalt von nur wenigen Tagen also vermutlich dort - man versteht, warum er zehn Monate später aus allen Wolken fällt. "Wozu gibt es auch zwei Feiertage?" seufzt Botho in Irrungen Wirrungen einmal wegen der weit weniger zeitpünktlich ausgelösten Sorgen in seinem Verhältnis zu Lene, "es wär uns beiden besser gewesen, der Ostermontag wäre diesmal ausgefallen". Fontane mit seinem Dresdner Malheur könnte - und mit mehr Recht - gut vor ihm auf diesen Seufzer verfallen sein.

Das alles könnte zum Beweis aber vielleicht immer noch nicht genügen, gäbe es in seinem Romanwerk nicht eine Figur, die dieser Witwe Auguste Klein, geborener Freygang, in erstaunlicher Weise entspricht. Es ist in Stine die Witwe Pauline Pittelkow, geborene Rehbein, ebenfalls mit 30 Jahren Witwe geworden, von Männerbekanntschaften lebend und Mutter von zwei unehelichen Töchtern.

Es ist hier kein Platz, alle Ähnlichkeiten aufzuführen, die sich zwischen den beiden zeigen. Es beginnt schon bei den Namen, setzt sich fort mit dem gleichen Alter, dem frühen Tod der Mutter, dem gleichen Altersabstand zwischen dem ältesten und dem jüngsten Kind (beides Mädchen), der Heirat eines "kreuzbraven Mannes" nach einer Verführungsgeschichte plus Abfindung, und schließlich der Erkrankung und dem Tod des Mannes nach sieben Ehejahren, während es bei der Dresdner Witwe neun Ehejahre waren und der Mann gerade zu der Zeit starb, als Fontane dort Volontär war. Aber auch, daß weder über die Familie Rehbein noch über den Ehemann Pittelkow auch nur ein einziges erklärendes Wort verlautet, ist bemerkenswert, insofern es anzeigt, daß hier für Fontane etwas sehr selbstverständlich war. In einer Vorfassung des Romans aber, mit noch ganz anderem Handlungseinsatz, ist es ein junger Mann auf Zimmersuche, der der Witwe das erste Mal gegenübertritt, "einer jungen Frau von 30, blond, voll und mit merkwürdig leuchtenden hellblauen Augen".

Und nur so, nur vor einem solchen Erlebnishintergrund, ist schließlich auch erklärbar, warum Fontane die Witwe Pittelkow stets so außerordentlich geschätzt hat. Wieder und wieder betont er, daß sie, obwohl nur Nebenfigur, ihm die bei weitem wichtigste Gestalt des Romans sei, ja daß er diesen überhaupt nur um ihretwillen geschrieben habe:

Will dir unter den Puppen allen
Grade Stine nicht recht gefallen,
Wisse, ich finde sie selbst nur soso, -
Aber die Witwe Pittelkow!
heißt es in einem Widmungsgedicht. Wenn ihm für sie aber, wie anzunehmen, die Witwe Klein, geborene Freygang vor Augen stand, dann ist auch klar, daß er sie schon zu seiner Dresdner Zeit dort kennengelernt haben muß. Das Wiedersehen zu Ostern 1848 mag dem inzwischen 28jährigen nur wie die Wiederbegegnung mit einer früheren heimlichen Liebe vorgekommen sein, und da sie damals gerade zum zweiten Male Witwe geworden war - und auch wohl eine ‘hübsche Witwe’, wie die Pittelkow immer wieder genannt wird -, war sie nunmehr auch für ihn nicht unerreichbar.

Was ist aus dem Kind geworden? Es starb früh, schon am 27. Juni 1849 ist sein Tod in der Kreuzkirche verzeichnet. Sofern Fontane dies überhaupt so bald erfahren hat, folgte finanziell daraus für ihn aber jedenfalls nichts. Er hatte eine einmalige Abfindung geleistet, und eben solches gilt gewiß auch für das andere, das erste Kind. Es dürfte nicht lange vorher in Berlin geboren worden sein, doch ist er auch hier als Vater nicht verzeichnet. In seinem Werk jedoch existiert eine Spur von diesem Kind vielleicht dennoch, im Stechlin, doch ist das eine andere Geschichte. Für sein gleich doppeltes Mißgeschick im Jahre 1848 aber ist ganz im Ernst auf das Revolutionsjahr zu verweisen. "Keine Revolution ohne allgemeine Kopulation", lautet ein sarkastischer Spruch aus Peter Weissens Marat - Preußen während der Märzkämpfe wird da keine Ausnahme gemacht haben.

Die Rührgeschichte um ein Dresdner Langzeit-Verhältnis jedoch ist ad acta zu legen, weder Fontanes Brief noch die Kirchenbucheinträge bieten für sie auch nur den geringsten Anhaltspunkt. Was aber den ‘Anstand’ betrifft - gibt es wirklich noch jemand, der das Sitzenlassen einer jungen Frau mit zwei Kindern weniger anstößig findet als einen solchen Osterbesuch bei einer ansprechenden Witwe? Fontane hat Heuchelei immer gehaßt - wir sollten ihm die Ehre antun, auch für ihn selbst der Wahrheit ins Auge zu sehen.

Der vollständige Aufsatz erschien unter dem Titel "Theodor Fontanes uneheliche Kinder und ihre Spuren in seinem Werk" in Wirkendes Wort 48/1998, S. 215-233. (Volltext)

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©Bernd W. Seiler, November 1998