Anmerkungen
S. 390 bis 392


1) Karl Eibl: Das Realismus-Argument. Zur literaturpolitischen Funktion eines fragwürdigen Begriffs. Poetica 15 (1983), S. 314-328.

2) Die ersten Literaturhistoriker, die den Realismusbegriff uneingeschränkt als Epochenbegriff gebrauchen, sind Adolf Stern (Geschichte der neueren Literatur, Leipzig 1885) und Adolf Bartels (Geschichte der deutschen Literatur, Leipzig 1902). Aber auch als Stilbegriff scheint sich der Begriff erst um diese Zeit endgültig durchzusetzen. Im Brockhaus findet er sich von der 13. Auflage an (1882ff.), in Meyers Konversationslexikon noch nicht einmal in der 6. Auflage von 1905ff. Hier wie auch in früheren Brockhaus-Auflagen findet sich nur erst der philosophische Realismusbegriff.
 
3) Stern, Geschichte der neueren Literatur. Bd. 7 ('Realismus und Pessimismus'), S. 6.
 
4) Für Plastiken oder in der darstellenden Kunst, wo wir den Realismusbegriff heute ebenfalls gebrauchen, spielt er im 19. Jahrhundert noch keine Rolle. Daß in unserer Zeit sogar auch von realistischer Architektur gesprochen wird, kann hingegen wohl nicht als allgemein üblich bezeichnet werden. Jedenfalls ist es ungerechtfertigt und irreführend, auch noch einen solchen Wortgebrauch in der Auseinandersetzung mit dem Realismusproblem zu berücksichtigen. Vgl. Walther Ch. Zimmerli: Das vergessene Problem der Neuzeit. Realismus als nicht nur ästhetisches Konzept. Jahrbuch für internationale Germanistik 16/1 (1984), S. 18-79, hier S. 19.
 
5) Bartels nimmt als Dauer der realistischen Periode die Zeit "vom Ende der zwanziger bis etwa zu den achtziger Jahren" an. (Adolf Bartels: Geschichte der deutschen Literatur. Leipzig 1902. Bd. 2, S. 378).
 
6) In seinem Aufsatz Über naive und sentimentalische Dichtung (1795) stellt Schiller den 'Realisten' und den 'Idealisten' noch als menschliche Typen einander gegenüber; als dichterische Alternative stellt sich diese Typologie nur insofern dar, als Schiller in ihr sein Verhältnis zu Goethe reflektiert. Deutlicher im Sinne eines Darstellungsmodus gefaßt wird der Realismusbegriff dann schon im Briefwechsel zwischen Schiller und Goethe (vgl. vor allem Schillers Briefe vom 14. 9. 1797 und vom 27. 4. 1798). In jedem Falle ergeben sich aber Bedeutungen wie für den späteren Naturalismus-Begriff.
 
7) Für den Begriff 'Poetischer Realismus' (um 1860) vgl. Otto Ludwig: Gesammelte Schriften. Hrsg. von A. Stern. Leipzig 1891. Bd. 5, S. 458. Schon Ludwig nennt hier das reine Nachahmungsverfahren aber 'Naturalismus'. Bereits 1850 bildet den Gegensatz von Idealismus und Naturalismus Hermann Hettner in seiner Abhandlung über die 'Romantische Schule' (in: Literaturgeschichte zwischen Revolution und Reaktion. Hrsg. von B. Hüppauf. Frankfurt a.M. 1972, S. 116). Es verwundert nicht, daß die Literaturströmung, die wir Naturalismus nennen, diesen Negativ-Begriff zunächst nicht gebraucht hat, sondern sich 'realistisch' nannte. Im Grunde hat der Naturalismusbegriff also denselben Aufwertungsprozeß durchlaufen wie zuvor der Realismusbegriff.
 
8) Prinzipiell zur Wahrscheinlichkeitsfrage geäußert haben sich im wesentlichen nur Spielhagen (Beiträge zur Theorie und Technik des Romans, 1883; Neue Beiträge zur Theorie und Technik der Epik und Dramatik 7/1898) und Freytag (Die Technik des Dramas, 1863).
 
9) Paul A. Pfizer: Briefwechsel zweier Deutschen (1831). Deutsche Literaturdenkmale des 18. und 19. Jahrhunderts. Berlin 1911, S. 93.
 
10) Theodor Fontane: Lindau, Der Zug nach dem Westen (Rez. 1886). In: Theodor Fontane. Der Dichter über sein Werk. Hrsg. von R. Brinkmann. München 1977. Bd. 2, S. 687.
 
11) Goethe: Die Wahlverwandtschaften (1809). 2. Teil, 13. Kapitel.
 
12) Friedrich Spielhagen: Die Wahlverwandtschaften und Effi Briest. Das Magazin für Literatur 65 (1896), Sp. 409-426, hier Sp. 420f. Zuvor hatte es schon im "Berliner Tageblatt" eine Auseinandersetzung um die Wahrscheinlichkeit der Unglücksszene gegeben.
 
13) Uwe Johnson: Begleitumstände. Frankfurter Vorlesungen. Frankfurt/M. 1980, S. 15 f. Johnson hat die Kritik Spielhagens sicherlich nicht gekannt.
 
14) Vgl. Goethes Brief an Schiller vom 5. 9. 1798, wo er gegen Schillers "Bürgschaft" einwendet, es könne nicht jemand am Vormittag beinahe ertrinken und am Nachmittag beinahe verdursten, schon die "Resorption der Haut" lasse das nicht zu.
 
15) Willibald Alexis: Gesammelte Novellen. Bd. 1. Berlin 1830, S. XVIIf.
 
16) Adolf Stahr: Der politische Roman (1842). In: Hartmut Steinecke: Romantheorie und Romankritik in Deutschland. Bd. 2 (Quellen). Stuttgart 1976, S. 165.
 
17) Es ist aufschlußreich, daß eine spätere Ausgabe von Immermanns Epigonen (1836), die von Harry Maync (Leipzig und Wien 1906), die lokalen Anspielungen des Romans durch Fußnoten verdeutlicht. Sogar von Immermann verhüllte Personennamen werden dem späteren Leser so zur Kenntnis gebracht. Ganz selbstverständlich geht der Herausgeber also davon aus, daß die dem Roman anhaftende Undeutlichkeit nicht mehr zeitgemäß ist. Ein Teil dieser Fußnoten bringt allerdings auch nur ein, was den früheren Lesern bekannt war und durch den Zeitabstand dunkel geworden ist.
 
18) Karl Rosenkranz: Goethes Sozialromane (1847). In: Literaturgeschichte zwischen Revolution und Reaktion, S. 161.
 
19) Berthold Auerbach: An J.E. Braun (1843). In: Steinecke Bd. 2, S. 201.
 
20) Heinrich Keiter und Tony Kellen: Der Roman. Theorie und Technik (1876). Essen 4/1912, S. 241.
 
21) Vgl. dazu Bernd W. Seiler: Die leidigen Tatsachen. Von den Grenzen der Wahrscheinlichkeit in der deutschen Literatur seit dem 18. Jahrhundert. Stuttgart 1983, S. 186ff.
 
22) Vgl. z. B. Fontanes Brief an Emil Schiff vom 15. 2. 1888. In: Der Dichter über sein Werk. Bd. 2, S. 372.
 
23) Joseph Peter Stern: Über literarischen Realismus. München 1983, S. 126ff.
 
24) Theodor Fontane: Kielland, Arbeiter (Rez. 1882). In: Th. F. Schriften zur Literatur. Hrsg. v. H.-H. Reuter. Berlin 1960, S. 112.
 
25) Vgl. Pfizer, Briefwechsel zweier Deutschen, S. 92.
 
26) Klaus-Detlef Müller: Poetischer Realismus. Königstein 1981, Einleitung.
 
27) Eines der seltenen Beispiele für die Idee, die Dichtung könne das Gute fördern, findet sich in Gottfried Kellers Aufsatz über Gotthelf (1849). Keller erhofft sich, daß das Allgemein-Menschliche in der Poesie zum Gedanken der Gleichheit werde beitragen können. Die Menschen aus den unteren Ständen würden dann nicht mehr um jeden Preis 'vornehm' werden wollen, d.h. ihr bescheidenes Dasein nicht mehr als wertlos ansehen.
 
28) Vgl. Steinecke Bd. 1, S. 48f.
 
29) Theodor Fontane, vgl. Anmerkung 24.
 
30) Vgl. u.a. Hermann Kinder: Poesie als Synthese. Frankfurt/M. 1973; Georg Kurscheidt: Engagement und Arrangement. Bonn 1980.
 
31) Friedrich Theodor Vischer: Aesthetik (1857). In: Steinecke Bd. 2, S. 260.
 
32) Otto Ludwig: Studien (um 1860). Gesammelte Schriften. Hrsg. von A. Stern. Leipzig 1891. Bd. 6,S. 19.
 
33) Karl Gutzkow: Der Roman und die Arbeit (1855). Werke in 12 Teilen. Hrsg. v. R. Gensel. Berlin/Leipzig 1912.
 
34) Ludwig, Studien S. 75.
 
35) Julian Schmidt: Der neueste englische Roman und das Princip des Realismus (1856). In: Manifeste und Dokumente zur deutschen Literatur. Hrsg. v. M. Bucher und W. Hahl. Stuttgart 1976. Bd. 2, S. 94. Ähnlich Moritz Carriere: Ästhetik (1859), ebenda S. 131.
 
36) Hegel, Ästhetik (1828/29). Hrsg. v. F. Bassenge. Frankfurt/M. 1965, S. 358.
 
37) Wolfgang Menzel: Walter Scott und sein Jahrhundert (1827). In: Steinecke Bd. 2, S. 60.
 
38) Hermann Kurz: Schillers Heimathjahre (1843). In: Steinecke Bd. 2, S. 168.
 
39) Friedrich Hebbel: Vorwort zu 'Maria Magdalena' (1844). Sämtliche Werke. Hrsg. v. R.M. Werner. Berlin 1903. Bd. 11, S. S9f.
 
40) Friedrich Engels: An M. Harkness (1888). Marx/Engels/Lenin: Über Kultur, Ästhetik, Literatur. Hrsg. v. H. Koch, Leipzig 1971, S. 435f.
 
41) Gottfried Keller an P. Heyse (27. 7. 1881). In: Gottfried Keller. Dichter über ihre Dichtungen. Hrsg. v. K. Jeziorkowski, München 1969, S. 382.
 
42) Friedrich Hebbel: Tagebücher (1. 5. 1863). Werke. Hrsg. v. G. Fricke u. a. München 1966, Bd. 5, S. 378.
 
43) Fontane, vgl. Anmerkung 10.
 
44) Karl von Levetzow: Der neue Rhythmus (1899). In: Literarische Manifeste der Jahrhundertwende. Hrsg. v. E. Ruprecht und D. Bänsch. Stuttgart 1970, S. 40f.
 
45) Robert Musil: Vorwort zum 'Nachlaß zu Lebzeiten' (1935). Gesammelte Werke II. Hrsg. v. A. Frisé. Reinbek 1978, S. 964 und 969f.
 
46) Musil, Die Krisis des Romans (1931). Werke II, S. 1408-1412.
 
47) Gustav Janouch: Gespräche mit Kafka. Frankfurt/M. 1968, S. 206. Ob Janouchs Aufzeichnungen, die erstmals 1951 erschienen, den Wortlaut der drei Jahrzehnte zurückliegenden Gespräche wortgetreu wiedergeben, ist natürlich zweifelhaft.
 
48) Bertolt Brecht: Der Dreigroschenprozeß (1931). Gesammelte Werke in 20 Bänden. Frankfurt a.M. 1967, Bd. 18, S. 161.
 
49) Theodor W. Adorno: Standort des Erzählers im zeitgenössischen Roman (1954). Noten zur Literatur I. Frankfurt a.M. 1958, S. 64.
 
50) Zu Adornos Wahrheitsbegriff in der 'Ästhetischen Theorie' (1970) vgl. Käte Hamburger: Wahrheit und ästhetische Wahrheit. Stuttgart 1979, S. 75-90.
 
51) Beispiele dafür in: Realismus - welcher? Sechzehn Autoren auf der Suche nach einem literarischen Begriff. Hrsg. v. P. Laemmle. München 1976.
 
52) Rene Wellek: Der Realismusbegriff. In: Begriffsbestimmung des literarischen Realismus. Hrsg. von R. Brinkmann. Darmstadt 1969, S. 400-433, hier S. 433.
 
53) Wichtige Erkenntnisse zur Referenzillusion und zum Wahrscheinlichkeitsproblem finden sich bei Rosmarie Zeller: Realismusprobleme in semiotischer Sicht. Jahrbuch für internationale Germanistik 12,1 (1980), S. 84-101.
 
 
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©Bernd W. Seiler, Januar 1999