Einleitung
Die Notwendigkeit der Begriffsklärung
S. 373 bis 374


Daß die Fachbegriffe der Literaturwissenschaft so unterschiedlich klar sind, hat mir ihrer ganz verschiedenen Reichweite, ihrem ganz unterschiedlichen Gegenstandsumfang zu tun. Zwar wollen alle diese Begriffe Ordnungen in die Welt der literarischen Erscheinungen hineintragen, sie uns gliedern, sortieren, überschaubar machen, aber es ist nicht dasselbe, ob es sich dabei um einen Korpus bloß von Wörtern und Sätzen handelt, zwischen denen es offen zutage liegende Übereinstimmungen gibt, oder um einen Korpus von ganzen Werken, deren einzige sichere Gemeinsamkeit zunächst vielleicht nur die ist, daß sie dem gleichen Jahrhundert entstammen. Ist in dem einen Fall der Begriff nur der identifizierende Name für eine so oder so zu erkennende Gesetzmäßigkeit (weshalb hier auch oft für dieselbe Erscheinung gleichzeitig deutsche wie fremdsprachliche Ausdrücke zur Verfügung stehen), so ist er in dem anderen Fall so etwas wie das Summenzeichen eines weitläufigen und vielleicht nie ganz abgeschlossenen Erkenntnisprozesses, auf das man zum Zwecke der Verständigung gleichwohl nicht verzichten kann. Es nützt in diesem Falle deshalb auch nichts, wenn man sich bei Unklarheiten nur mit dem Begriff selbst beschäftigt. Der Versuch, ihn 'genauer zu definieren', wie es dann heißt, führt in der Regel nur dazu, daß er sich von diesem Erkenntnisprozeß ablöst und damit seine Signifikanz erst recht verliert. Gesichert werden kann ein solcher Begriff - soweit er sich überhaupt sichern läßt - nur dadurch, daß man die Ursachen der Unklarheit aufdeckt, daß man also in die Geschichte des Begriffes zurückgeht und noch einmal prüft, in welchen Grenzen seine Bedeutung festliegt und von wo an es mit dem Verständnis und Einverständnis schwierig wird. 

Ein Begriff, der in diesem Sinne der Klärung bedarf, ist der des Realismus. Aufgestiegen mit der Literatur des 19. Jahrhunderts, wurde er nach und nach auf so viele andere und zumal so verschiedene Werke übertragen, daß sich heute ein Spezifisches und Gemeinsames an den unter ihm subsumierten Erscheinungen nicht mehr ausmachen läßt. Gleichzeitig wurde allerdings auch allen diesen Werken der Realismus abgesprochen, bis hin zu der Überzeugung, daß es eine realistische Literatur nie gegeben habe und auch nicht geben könne. Man könnte daraus den Schluß ziehen, daß es überhaupt verfehlt sei, an der Idee einer Begriffserklärung noch festzuhalten. Eibl z. B. hat zu bedenken gegeben, ob nicht aufschlußreicher als der wechselnde Sinn des Begriffes seine Verwendung als 'schlagendes' Argument sei, also sein Einsatz zum |S.374:| Zweck der Empfehlung, der Rechtfertigung, des Verbots von Literatur, d.h. sein Einsatz zur Manipulierung des literarischen Marktes.1) Doch gesetzt den Fall, es gäbe diese Funktion und sie wäre auch heute noch von Bedeutung (ob wirklich, bleibe erst einmal dahingestellt) - wäre dies nicht erst recht ein Grund, sich um den Sinn des Begriffes weiter zu bemühen? Wirkungsmöglichkeiten dieser Art kommen schließlich nicht von ungefähr. Sie ergeben sich vielmehr nur für Begriffe, über die besonders wichtige, die Orientierung besonders stark beeinflussende Wertsetzungen stattfinden. Aber auch in sachlicher Hinsicht tut eine Klärung not. Es ist einfach unbefriedigend, daß einerseits jeder Buchhändler ungefähr weiß, was er zu empfehlen hat, wenn er nach einem realistischen Roman gefragt wird, andererseits die Literaturwissenschaft aber immer wieder die Brauchbarkeit dieses Begriffes anzweifelt oder ihn auf die widersprüchlichsten Erscheinungen ausdehnt.  

 
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©Bernd W. Seiler, Januar 1999