Teil 2
Die Entstehung des Realismusbegriffs
S. 374 bis 376


Am deutlichsten zeigt sich die innere Unfestigkeit des Realismusbegriffs daran, daß wir heute gemeinhin zwischen einem typologischen Realismusbegriff - Realismus als Stil- oder Darstellungsmerkmal - und einem literaturgeschichtlichen Realismusbegriff - Realismus als Epoche - unterscheiden. Der Zusammenhang des einen mit dem anderen wird dabei allerdings wohl schon gar nicht mehr immer erkannt. Als sich um 1890 der Realismusbegriff als Epochenbegriff in der deutschen Literaturgeschichtsschreibung einzubürgern begann2) , geschah es ja aus keinem anderen Grund als dem, daß nach allgemeiner Überzeugung in den zurückliegenden Jahrzehnten das Darstellungsprinzip Realismus zum "herrschenden Prinzip in der Dichtung" geworden war.3) Der Epochenbegriff leitete sich also unmittelbar aus dem typologischen Begriff ab. Auseinander entwickelten sich die Begriffe erst dadurch, daß der Realismusanspruch fortlebte, die Darstellungsform des 'eigentlichen' Realismus aber als ein historischer Sonderfall hinter ihm zurückblieb. Gleichwohl ist der typologische Sinn auch in dem Epochennamen wirksam geblieben. Anders als Namen wie Barock, Klassik oder Romantik, aber auch noch Impressionismus oder Expressionismus, die sich eher zufällig eingestellt haben und infolge ihrer relativen Offenheit zu kulturgeschichtlichen Gesamtbegriffen geworden sind, also fallweise auch die Musik, die Architektur, ja sogar Mode und Lebensgefühl mit zu umfassen geeignet waren, blieb der Realismusbegriff eng auf die abbildungsfähigen Künste beschränkt, d.h. praktisch auf die Literatur und die Malerei. 4) Und selbst diese kennzeichnet er nicht in der Gesamtheit ihres epochalen Erscheinungsbildes, sondern nur zu den Teilen, die für realistisch zu halten sind. Zwar haben wir uns inzwischen daran gewöhnt, daß auch z.B. von der 'Märchendichtung des Realismus' gesprochen wird, sind uns aber des inneren Widerspruchs einer solchen Formulierung noch bewußt. 

Der typologische Begriffshintergrund wird auch noch aus einem anderen |S.375:| Blickwinkel deutlich: der unverhältnismäßig langen Dauer der Realismus-Epoche. Hält man sich bei der Periodisierung zunächst ganz an den Zeitraum, in dem die Realismus-Forderung eine Rolle spielt, so ergibt sich für diese Epoche eine Dauer von mehr als einem halben Jahrhundert.5) Aufgekommen in den 30er Jahren mit dem jungdeutschen Zeitroman, hielt sich die Realismus-Idee bis in die Zeit um 1890, also bis in den Naturalismus hinein, der sich ja selbst auch noch wieder als 'Realismus' oder 'Konsequenten Realismus' definierte. Aber auch, wenn man Naturalismus sowie Junges Deutschland und Biedermeier nicht zu ihm rechnet, bleiben es drei bis vier Jahrzehnte. Schon im späten 18. Jahrhundert jedoch messen wir in kürzeren Perioden - Empfndsamkeit, Sturm und Drang, Klassik -, und im 19. Jahrhundert registrieren wir - außerhalb der realistischen Phase - einen literarischen Normenwandel schon beinahe von Jahrzehnt zu Jahrzehnt. Demnach müßte die literarische Entwicklung im Realismus - trotz eines starken gesellschaftlichen Wandels in dieser Zeit - über zwei Generationen hin stehengeblieben sein. Davon kann aber keine Rede sein, sondern es hat sich das Erscheinungsbild der realistischen Literatur natürlich auch schon im 19. Jahrhundert erheblich verändert. 

Wie konnte dann aber der Eindruck einer epochenspezifischen Darstellungsweise überhaupt aufkommen? Der Grund ist, daß die Realismusidee zunächst einmal ein Programm, ein Anspruch war und daß sich dieser Anspruch über den ganzen realistischen Zeitraum hin gleichblieb. Im Prinzip sind es immer dieselben beiden Forderungen, die in der Programmatik des Realismus zusammenkommen. Die eine lautet auf Wirklichkeitsnähe, Lebensechtheit, Erfahrungstreue, Widerspiegelung der Alltagswelt usw., mit anderen Worten: sie besteht auf der Wiedergabe der wirklichen Erscheinungen oder doch jedenfalls darauf, daß die Darstellung diesen Erscheinungen nicht widerspricht. Die andere lautet auf Beispielhaftigkeit, Abrundung, Steigerung, Verdichtung, d.h. sie verlangt eine Art poetischen Mehrwert, der das gewöhnliche Bild der Erscheinungen gerade übersteigt und uns ihren höheren Sinn, ihr eigentliches Wesen enthüllt. Geht das eine zu Lasten des anderen, sind also entweder nur die Erscheinungen erfaßt und das Wesen ist nicht getroffen oder zeigt sich zwar etwas vom Wesen, aber die Erscheinungen stimmen nicht, so ist der Bereich des Realismus verlassen. Das gilt auch begrifflich. Die zu überhöhte, zu verwesentlichte Darstellung heißt idealistisch, die zu sehr den Erscheinungen verpflichtete naturalistisch. Dieser zweite Begriff steht allerdings erst von der Jahrhundertmitte an zur Verfügung, so daß sich auch erst hier der Realismusbegriff als positiver Begriff in dem Sinne konsolidieren kann, wie er für die Epoche als ganze gebraucht wird. In der Tradition von Schillers Aufsatz "Über naive und sentimentalische Dichtung" bedeutete Realismus ja zunächst noch etwas einseitig Negatives, das Gegenextrem zum Idealismus, und das Vermittelnde zwischen diesen beiden Polen ist generell die Poesie.6) Daher wird auch noch lange die aufwertende Bezeichnung 'poetischer Realismus' gebraucht, als Absicherung eben gegen den Verdacht, gemeint sei eine bloße Nachahmungskonzeption.7) Die Definiertheit des realistischen Typus ist aber von der erst allmählichen Stabilisierung |S.376:| des Begriffes unabhängig, d. h. sie bildet gerade die Grundlage dafür, daß der Begriff in diese seine neue Bedeutung hineinwachsen kann. 

Die Konstanz in den Forderungen gewährleistet allerdings noch nicht, daß diese Forderungen auch immer auf die gleiche Weise ausgefüllt werden. Denn woran bemißt sich, ob Erscheinung und Wesen gleichermaßen erfaßt sind? Die Entscheidung darüber trifft natürlich der Leser, bzw. es trifft sie die Gemeinschaft der Lesenden, soweit das Realismus-Urteil als öffentliches Urteil gedacht wird. Das aber bedeutet, das dieses Urteil abhängig ist vom jeweiligen Wissen, von den jeweiligen Erkenntnissen. Nicht also auf die richtige Wiedergabe der Wirklichkeit schlechthin kommt es an (von welcher Erkenntnisposition immer sie für möglich gehalten werden mag), sondern nur darauf, daß die Wirklichkeit richtig getroffen zu sein scheint. Mit anderen Worten: realistisch wird eine Darstellung genannt, die einerseits für wahrscheinlich und andererseits für wesentlich gehalten wird; Wahrscheinlichkeit und Wesentlichkeit sind die beiden Kategorien, aus denen sich der Realismusbegriff zusammensetzt. Damit aber ist auch klar, daß die Ansprüche an die realistische Literatur nicht über das ganze 19. Jahrhundert hinweg dieselben geblieben sein können. Abgesehen von den individuellen Wissensunterschieden, die es natürlich auch gibt, die uns hier aber nicht interessieren, hat sich zumal das öffentliche Wissen, haben sich zumal die öffentlichen Erkenntnisse in dieser Zeit so erweitert, daß die allgemeinen Auffassungen vom Wahrscheinlichen und vom Wesentlichen davon nicht unberührt geblieben sein können. Sehen wir uns also genauer an, was mit diesen Auffassungen geschehen ist. 

 
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©Bernd W. Seiler, Januar 1999