Teil 5
Die Verundeutlichung des Realismusbegriffs
S. 386 bis 390


Daß der Wahrheitsanspruch der realistischen Literatur die Tendenz hatte, auf eine besondere, d.h. nicht-abbildliche Wahrheit zuzulaufen, sieht man deutlich auch an der Sonderstellung, die der Naturalismus innerhalb der Realismusentwicklung einnimmt. Sein Wahrheitsbegriff hatte ja einen teils sozialkundlichen, teils naturwissenschaftlichen Hintergrund, und so hat diese Literaturströmung, obwohl sie sich zunächst selbst als realistisch bezeichnete, bald ihren eigenen, besonderen Namen erhalten. Daß wir auch unmittelbar die naturalistischen Werke oft als nicht-realistisch empfinden, hat allerdings noch einen anderen Grund: die Unterschreitung der 'mittleren Distanz'. Die Idee der Genauigkeit führt hier ja immer wieder - man denke an Holz und Schlaf- zu so übergenauen Momentaufnahmen, daß uns mehr die Machart auffällt als das Dargestellte selbst und eben damit der Eindruck des Realistischen nicht aufkommt. Insgesamt hat deshalb der Naturalismus den Realismusbegriff eher in einem bestimmten Sinne begrenzt, als ihn in Richtung auf sein eigenes Programm hin zu verschieben. 

Über welche Stationen sich der Realismusbegriff an die nach dem Naturalismus entstehende nicht-wahrscheinliche Literatur angenähert hat, kann hier im einzelnen nicht verfolgt werden. Wir wollen uns lediglich die beiden Linien verdeutlichen, auf denen die Annäherung stattfindet. Es ist zum einen die impressionistische Linie, bei der ein subjektiv-existentieller Wahrheitswert am Ende als realistisch bestimmt wird, und es ist zum anderen eine marxistische Linie, bei der es eine exemplarisch-gesellschaftliche Wahrheit ist. Die beiden Linien verlaufen nicht immer getrennt, sie vermischen sich in jüngerer Zeit sogar, geben aber doch dem Realismusbegriff einen jeweils anderen Sinn. Gemeinsam ist ihnen allerdings, daß sie beide von der traditionellen Wahrscheinlichkeitsforderung abrücken.  

Die Literatur des Impressionismus hat selbst für sich den Realismusbegriff noch nicht in Anspruch genommen. Er etablierte sich zu dieser Zeit gerade als Epochenbegriff und konnte deshalb von ihr als literarischer Gegenströmung nicht gebraucht werden. Am Begriff der Wirklichkeit wird die entsprechende Umdeutung aber sofort vollzogen. Die Dichtung habe, heißt es wieder und wieder, das "hinter den Dingen liegende zu erobern", das an ihnen Sichtbare sei nicht ihr Wesen, die "Wirklichkeitswerte sind die unwirklichsten".44) Wie dabei der Realismusbegriff immer verlockend zur Disposition steht, sieht man bei Musil. Zum vermeintlich "krassen Realismus" des "Törleß" merkt er an, dies sei "gar kein realistisches Buch", vielmehr bewege es sich "vom Realismus zur Wahrheit." Einer anderen Wahrheit natürlich als der realistischen, denn die sei nur eine der "getreuen Schilderung der Oberfläche" gewesen, die neu zu gewinnende aber eine der 'Tiefe'.45) Daß sich Genaueres über die neue Wahrheit nicht sagen läßt, gehört zu ihrer Qualität. Hier ebenso wie bei Kafka oder Broch und zuvor schon bei Hebbel ist es ja nur die Kunst, die diese Wahrheit erschließen kann. Scharf sieht Musil aber den Grund für den höheren Wahrheitsanspruch: wegen des modernen berichtenden Zugriffs auf die Welt wird die Wahrheit der Oberfläche als Kunstwahrheit nicht mehr |S.387:| benötigt.46) Einen ersten Beleg dafür, wie der neue Anspruch dann auch den Realismusbegriff an sich zieht, gibt es bei Kafka. Die Wahrheit sei "eine Angelegenheit des Herzens", lautet eine (allerdings nicht urkundliche) Äußerung von ihm, "wirkliche Realität ist immer unrealistisch".47) Hier folgt der Begriff Realität schon der neuen hintergründigen Bedeutung, das Wort unrealistisch jedoch noch der alten vordergründigen.  

Auf der marxistischen Linie ist es vor allem Brecht, der den Realismusbegriff von seinem abbildlichen Sinn wegführt. Daß er sich hier an exemplarisch-lehrhafte Konstruktionen anschließt, brauchen wir nicht zu erläutern. Wie wir gesehen haben, gibt es eine Tendenz dieser Art schon bei Engels, und auch im Sozialistischen Realismus findet sie sich wieder. Brechts besondere Position besteht nur darin, daß er den Wahrscheinlichkeitsgestus, der sonst in dieser Richtung aus Gründen der 'Volkstümlichkeit' soweit wie möglich aufrecht erhalten werden soll, zugunsten eines höheren Wahrheitsanspruches aufkündigt. Diese höhere Wahrheit ist aber natürlich nicht die der impressionistischen Richtung. Sie ist nichts Ungewisses, sondern findet sich in außenweltlichen, gesellschaftlichen Gesetzmäßigkeiten. Warum kann sie dann aber nur mehr durch ein nicht-wahrscheinliches, nicht-abbildliches Darstellungsverfahren erfaßt werden? Als Grund nennt Brecht die Undurchschaubarkeit der modernen Welt. Die "eigentliche Realität" sei "in die Funktionale gerutscht" und werde in der einfachen Abbildung nicht mehr sichtbar. Das dafür angeführte und immer wieder zitierte Beispiel ist allerdings merkwürdig: "Eine Photographie der Kruppwerke oder der AEG ergibt beinahe nichts über diese Institute."48) Hat denn, um auf dieser Vergleichsebene zu bleiben, ein Kupferstich der Borsigwerke oder des Berliner Schlosses seinerzeit mehr über diese Institute ergeben? War früher die Wahrheit, wie Brecht sie versteht, direkter zu haben? Offenbar liegt auch bei ihm in erster Linie eine Erhöhung des Anspruches an die Erkenntnisleistung der Kunst vor, diktiert von der Einsicht, daß es für das herkömmlich realistische Abbild der Welt kaum mehr der Kunst bedarf. 

Erst recht gilt diese Vermutung gegen Adorno, der den Realismusbegriff am weitesten ins Nicht-Abbildliche umgedeutet hat. Sein berühmtes Diktum, der Roman könne nur dann seinem realistischen Erbe treu bleiben, wenn er auf einen Realismus verzichte, der, "indem er die Fassade reproduziert, nur dieser bei ihrem Täuschungsgeschäfte hilft", spricht den Realismus von der Wahrscheinlichkeitstradition nicht nur frei, sondern verwirft sogar jedes Festhalten an ihr als Täuschung.49) Nach Adorno steht das äußere Bild der modernen Gesellschaft in einem so gegensätzlichen Verhältnis zu ihrem eigentlichen Wesen, daß schon nur das Berühren ihrer Oberfläche den Zugang zur Wahrheit versperrt. Da dies am Ende des 19. Jahrhunderts noch nicht so war, ist allerdings der Weg in diesen Zustand nicht zu begreifen. Warum bleiben die heutigen 'oberflächlichen' Erschließungsformen, also Reportage, Dokumentation, Bericht usw., die Adorno als Nachfolgeformen des traditionellen Realismus durchaus erkennt, so hoffnungslos hinter dessen Wahrnehmungstiefe zurück, daß diese Tiefe nur noch auf einem radikal anderen Wege wiederzugewinnen ist? Geht es nicht auch hier nur wieder, wie bei Musil, um die Frage |S.388:| der noch möglichen Funktion von Kunst in einer erschlossenen Welt und nicht um Einholung der spezifischen Erkenntnisleistungen der realistischen Literatur? Wie immer, die Wahrheitsdimension wird in Adornos Realismusbegriff in den Rang eines geradezu menschheitsrettenden Erkenntnisaktes hochgetrieben, so daß alles, was im 19. Jahrhundert unter der Wahrheit des Realismus verstanden worden ist, daneben bedeutungslos erscheint.50) 

In welchem Maße der allein auf dem Wahrheitsargument beruhende Realismusbegriff heute verbreitet ist, brauchen wir nicht auszuführen, ebenso nicht die vielfältigen Vermischungen, die es dabei zwischen dem existentiellen und dem gesellschaftsanalytischen Wahrheitswert gibt. Im Grunde kann heute für jeden Text, der irgendeine 'Wahrheit' enthält oder zu enthalten scheint, der Realismusbegriff in Anspruch genommen werden.51) Möglich geworden ist das allerdings auch deshalb, weil auf der anderen Seite das Merkmal der Wahrscheinlichkeit selbst dort nicht beachtet wurde, wo es wenigstens als historisches Merkmal hätte erkannt werden müssen: in der wissenschaftlichen Realismusdiskussion. Wir beziehen uns damit vor allem auf die Realismusforschung der 60er Jahre, die den 'Kunstcharakter' der realistischen Dichtung entdeckte und daraus den Schluß zog, ihre Realitätsnähe sei nichts als eine Illusion.52) Indessen war, was sich in dieser Auffassung dokumentierte, nur das undurchschaute Illusionsproblem selbst. Die 'mittlere Distanz', von der wir gesprochen haben, muß natürlich auch eine der Rezeption sein. Jedes zu dichte Herangehen an den Text, jedes Beobachten seiner Gemachtheit gefährdet den wahrscheinlichen Eindruck, und so verwundert es nicht, daß die Realismusforschung auf diesem Wege zu dem Ergebnis kam, die Realität sei in der Dichtung getilgt, das Wesentliche auch am Realismus sei das Kunstmoment. Der Begriff selbst wurde damit als wissenschaftlicher Begriff uninteressant und der aktuellen Literaturdiskussion zur beliebigen Verwendung überlassen. Erst in den letzten Jahren hat sich daran etwas geändert, gibt es auch in der Fachliteratur zum Realismus die Hinwendung zur Wahrscheinlichkeitsfrage.53)  

Das Auffälligwerden der Kunstqualität des Realismus war freilich nicht nur die Folge einer willkürlichen wissenschaftlichen Distanzunterschreitung, sondern auch die Folge eines größer gewordenen historischen Abstands. Manche der Kunstmittel, die einmal zur Wahrscheinlichkeit des Ganzen ihren Teil beigetragen hatten, traten nun als konventionell, als musterhaft hervor, und da man sie nicht nach den historischen, sondern nach den zeitgemäßen Wahrscheinlichkeitsnormen beurteilte, schienen sie nichts als eine sich selber vor führende künstlerische Struktur zu sein. In einer anderen Richtung hat man aus diesem Alterungsprozeß den Schluß gezogen - schon Brechts Einwände gegen Lukàcs laufen darauf hinaus -, daß es ohne formale Erneuerung eine Fortschreibung der realistischen Tradition nicht geben könne. Doch ist der Sprachavantgardismus, der sich heute unter Berufung auf diese Einsicht als realistisch versteht, natürlich ebenso oder erst recht in Gefahr, daß die von ihm gewählten Mittel für sich selber auffällig werden und einen wahrscheinlichen Eindruck nicht aufkommen lassen. Wenn man sieht, wie viele der Darstellungsmittel des 19. Jahrhunderts heute noch in der Unterhaltungsliteratur, |S.389:| in Autobiographien, in Alltagserzählungen verwendet werden und problemlos funktionieren, so wird man den Erneuerungsbedarf auf diesem Gebiet jedenfalls eher für gering halten.  

Wo steht der Realismusbegriff heute? Hat seine Übertragung auf alle möglichen Varianten nicht-wahrscheinlicher Texte dazu geführt, daß er sich als typologischer Begriff von seiner historischen Bedeutung getrennt hat? Im großen und ganzen doch wohl noch nicht. Wenn heute ein Leser einem anderen einen Roman als realistisch empfiehlt, so dürfte dies immer noch meinen, daß es sich zum einen um eine wahrscheinliche Geschichte handelt, die auch wahrscheinlich, also nach heutigen Begriffen 'normal' erzählt ist, und daß diese Geschichte zum anderen wesentlich ist, daß sie also Wahrheit hat, vielleicht auch eine kritische Tendenz, beides aber aufgehoben in einer gewissen Abgerundetheit und Gefälligkeit. Daß dieser Bedeutungskern noch nicht verlorengegangen ist, hat seinen Grund vor allem darin, daß zu verschiedene, zu gegensätzliche Richtungen sich um das Erbe der alten Realismusqualität streiten. Zwar ist der Begriff, insofern er für die Gegenwartsliteratur in seiner alten Bedeutung immer weniger anwendbar erscheint, für neue Bedeutungen grundsätzlich offen. Die verschiedenen und immer wieder neuen Ausrichtungen aber, die er dabei erfährt, haben die Stabilisierung in einem bestimmten neuen Sinn bislang verhindert. So bleibt der alte immer noch der nächstliegende. Man sieht das an den definitorischen Zusätzen, die alle neuen Realismusbegriffe brauchen. Ob der 'Brechtsche Realismus' oder der 'magische Realismus' Jüngers, ob der psychologische, der fotografische, der phantastische Realismus, ob Sprachrealismus oder Neorealismus - immer bleibt da ein 'eigentlicher' Realismus als Bezugsgröße sichtbar und kann durch einen verstärkenden Zusatz wie 'schlicht realistisch' oder 'ganz realistisch' auch jederzeit wieder aufgerufen werden. 

Was bedeutet es aber überhaupt, daß so viele jüngere Kunstströmungen diesen Begriff an sich zu ziehen versucht haben und dies vielleicht auch weiterhin versuchen werden? Warum nicht ähnliche Ansprüche auf den Begriff der Romantik oder des Expressionismus? Wenn Eibl recht hätte, daß die Verfügung über den Realismusbegriff heute wesentlich über den Erfolg der fiktionalen Literatur entscheidet, so könnte man nur folgern, daß es dann um ihren Erfolg mehr oder minder geschehen wäre. Denn was immer 'realistisch' im engeren Sinne mag bedeuten sollen oder können, in der Öffentlichkeit gesprochen, könnte es doch nur bedeuten, daß die Literatur von unseren gewöhnlichen Erfahrungen handeln will oder soll. Doch welche Literatur kann das noch? Wo sind die fiktionalen Alternativen zu den authentischen Lebensgeschichten unserer Zeit, zu Biographien, Schicksalsberichten, Erinnerungen, Tagebüchern? Die Vorherrschaft der Realismusidee - sie würde, gäbe es sie wirklich, nichts anderes bedeuten können als eine allmähliche Abwendung unserer Gesellschaft von der fiktionalen Literatur überhaupt. Aber Realismus ist eben doch nicht der einzige und heute nicht einmal mehr der wichtigste literarische Leitbegriff. Auch Träume und Phantasien, Wünsche und Utopien beanspruchen ihren Platz im Reich der Literatur, auch Spott und Polemik, Witz und Spiel. Wenn nicht alles täuscht, so wird für neue literarische Werke |S.390:| weit öfter mit Wörtern wie abenteuerlich, phantastisch, zauberhaft, verträumt, boshaft, witzig usw. geworben als mit dem Realismusbegriff, wird also weit öfter das Unwahrscheinliche an ihnen betont als das Wahrscheinliche.  

Und die Literatur, die den Realismusbegriff noch für sich in Anspruch nimmt, ihn aber nicht ausfüllt? Das Urteil über sie wird sich von dem Begriff auf die Dauer nicht irreführen lassen. Begriffe ändern nie etwas am Urteil über die Erscheinungen, immer nur ändern die Erscheinungen den Sinn der Begriffe. Wenn wir uns daran gewöhnt haben, bei Volksdemokratie nicht an eine Demokratie zu denken, so könnten wir uns auch daran gewöhnen, bei dem Begriff 'Neuer Realismus' nicht an Realismus zu denken. Vielleicht bedeutet Realismus also einmal eine sprachlich fremde, schwer zu ergründende, von aller herkömmlichen Erfahrung abgelöste literarische Novität. Doch ist es nicht sehr wahrscheinlich, daß es dazu kommt. Da die realistische Literatur eine nur begrenzte historische Möglichkeit war und immer mehr nur noch gewesen ist, wird sich der Begriff wohl auch in diesem begrenzten historischen Sinn befestigen.  

 
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©Bernd W. Seiler, Januar 1999