Hypertextforschung (exemplarisch)

Der klassische Begriff des Hypertextes ist der des World Wide Web Consortium (W3Org): Hypertexte sind digital miteinander vernetzte, digitalisierte Texte oder Textelemente; sie unterscheiden sich, so heißt es, von den Texten auf dem Papier insoweit, daß sie nicht mehr aus linear verknüpften, soll wohl heißen: nicht mehr strikt aufeinander folgenden Texten oder Textelementen bestehen. Eben das, das Ende der Linearität des geschriebenen Textes, sei es, was das Besondere des Hypertextes ausmache. Textwissenschaftlich noch indifferenter kommt die Britannica-Erläuterung daher: zusammenhängende Informationseinheiten seien eines leichteren Zugangs wegen elektronisch miteinander miteinander verknüpft.

Geht es also um Textelemente oder um Informationseinheiten, um Texte oder Informationen, um Daten, um Dokumente usw.? Eine durchaus aktuelle Übersicht der hypertext terms des World Wide Web Consortiums zeigt nicht zufällig gewisse semiologische Schwächen - was angesichts der Geschichte, der Evolution des Hypertexts, nicht weiter verwundern mag: Begriffe der Bedeutung (Meaning), des Datums, der Datenbasis, des Inhalts, der Information, der Informationseinheit, der Repräsentation, des Symbols, des Texts, des Themas (Topic) usf. sind implizit informationtechnisch definiert; der Hypertext sei eben text which is not constrained to be linear.

Die in dieser Hinsicht durchaus aktuelle Geschichte des Hypercard-Projekts von Apple kontrastiert die text- und sprachtheoretischen Probleme so eines technologiefaszinierten Verständnisses des Hypertexts: stellt man sich dem Hypercard-Konzept folgend die informationellen Einheiten gedankenexperimentell als in einem Raum aufgehängte Karteikarten mit geschriebenen Texten und deren Verknüpfungen wie eine Menge von  Fäden zwischen ihnen vor - dann  ist man unmittelbar mit dem Problem konfrontiert,  links zwischen nodes und nodes selbst textwissenschaftlich zu kennzeichnen. Der abstrakte Rekurs aufs Nichlineare, aufs Assozative der Verweise und Verweisstrukturen hilft da dann wenig.

Den Desingnern von Eastgate war es von Anfang an gegenwärtig, daß literal und ästhetisch anspruchsvolle Hypertext- und Hypermediaprojekte wie Hyperfictions ohne eine begründete text- (und kunst-)wissenschaftliche Theoriebildung nicht zu verwirklichen sind. Prominente Hypermedia-DesignerInnen von heute arbeiten auf eine Integration technologischen, ästhetischen und theoretischen Könnens und Wissens hin: es ist das Projekt des Schreibens und Lesens im Netz, das zu neuen, am ehesten hypertexttheoretisch bedeutsamen Erkenntnissen führt.

Inwieweit die weitere Entwicklung von Tools des Hypertext-, Hypermedia- und Web-Designs (von HTML, xml, Web Scripting PHP) von solchen heuristischen Projekten profitieren wird, ist schwer einzuschätzen. Die Konjunktur  der Informationswissenschaften hat in den letzten mehr als zehn Jahren nicht unbedingt dazu beigetragen, die Relevanz der Textwissenschaften anzuerkennen. (Eher hat es computerlinguistisch motivierte Anpassungsversuche in umgekehrter Richtung gegeben.) Die Ästhetik des Hypertextes scheint nach wie vor kein Projekt zu sein, das etwa allzu viele Informatiker begeistern kann - von Ausnahmen wie etwa der entwicklungsorientierten Forschung der Kulturinformatik oder der Literaturdidaktik abgesehen.
 
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