Faculty of Linguistics and Literary Studies

 
 
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1.3 Beispiele zur Entwicklung der Interpunktion anhand der Bibelübersetzungen Luthers

Matth. 27, 27 - 30:

  In den Textstellen von 1522 und 1545 kommen nur zwei Satzzeichen vor: Virgel (/) und Punkt (auf der Grundlinie).Während im Text von 1522der Punkt nur am Ende einmal auftaucht und die Virgel hier das vorherrschende Satzzeichen darstellt, ist er im Text von 1545 mit einer gewissen Regelmäßigkeit vorhanden.
Im ersten Fall muss der Abschnitt als ein kompletter Satz gelesen werden, in dem die Virgel mit dem natürlichen Sprechrhythmus übereinstimmt (also dem rhythmisch-intonatorischen Prinzip unterliegt). Im zweiten Fall nimmt der Punkt schon die Funktion der Kennzeichnung von Gesamtsätzen ein. Die Virgel erfüllt hier jedoch immer noch die Aufgabe, den Text für den mündlichen Vortrag zu gliedern.
   
 
 


 

 

In der Textstelle von
1694 wird in Vers 29
erstmals der Doppelpunkt
vor der wörtlichen Rede eingeführt, aber noch
ohne Anführungszeichen.

 
Die Ausgabe von 1797 ersetzt die Virgel konsequent durch das Komma und führt erstmalig das Semikolon (Vers 28 und 29) ein. Bis zu diesem Zeitpunkt weisen die Textstellen bis auf die Einführung von Absätzen und neuen Satzzeichen eine ähnliche, ja fast die gleiche Gliederung auf.


  Erst im 19. und 20. Jahrhundert ist eine gravierende Änderung festzustellen: die Unterteilungen durch das Komma (oder früher durch die Virgel) werden mehr und mehr reduziert. Die Interpunktion folgt im Laufe der Zeit immer mehr der Regel: "Sind gleichrangige Teilsätze, Wortgruppen oder Wörter durch "und", "oder", "beziehungsweise" (...) verbunden, so setzt man kein Komma." (Duden, § 72)

Im Text von 1956 sind (neben dem abschließenden Punkt) nur im Vers 29 Interpunktionszeichen zu finden, da hier eine wörtliche Rede steht. Dies hat zur Folge, dass der Text in Hinsicht auf die Gliederung eines mündlichen Vortrags weniger strukturiert ist, als es zuvor der Fall war. Anhand dieses Beispiels wird somit deutlich, dass im Laufe der Zeit die Funktion der Interpunktionszeichen (insbesondere des Kommas) immer weniger darin bestand, den Text analog zum natürlichen Sprechrhythmus zu gliedern, also Lesehilfe zu sein, sondern dass sie mehr und mehr der Grammatikalisierung unterlag. Das rhetorische Prinzip wird verdrängt und die syntaktische Interpunktion beginnt sich durchzusetzen.
Ein nicht unwesentlicher Grund für diese Wandlung ist sicherlich der Wechsel von einer Hörkultur zu einer Lesekultur.
   
 

Ein weiteres Beispiel: Matth. 37 - 38a

1545: [37-38a] DEnn werden jm die Gerechten antworten / vnd sagen / HErr / Wenn haben wir dich hungerig gesehen / vnd haben dich gespeiset? Oder durstig / vnd haben dich getrenckt? Wenn haben wir dich einen Gast gesehen / vnd beherberget?

1956: [37] Dann werden ihm die Gerechten antworten und sagen: Herr, wann haben wir dich hungrig gesehen und haben dich gespeist? oder durstig und haben dich getränkt? [38] Wann haben wir dich als einen Fremdling gesehen und beherbergt?