Faculty of Linguistics and Literary Studies

 
 
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2.4.5 Beispiele zur Entwicklung der Großschreibung im Frühneuhochdeutschen

Matth. 27, 27 - 30:

 

  • Im Textauszug von 1522 sind lediglich zwei Wörter groß geschrieben: "Da" und "Jhesum". Das Wort "Da" dürfte deshalb mit einer Majuskel versehen worden sein, weil es am Anfang des Abschnitts steht. "Jhesum" (Jesus) ist ein Eigenname.

  • Im Vergleich dazu enthält das zweite Textbeispiel (1545), das nur wenige Jahre später entstanden ist, sehr viele Wörter, die groß geschrieben wurden: Zunächst einmal wieder das "Da" am Anfang des Abschnitts, den Eigenname "Jhesum" und weiterhin auch fast sämtliche Substantive (mit zwei Ausnahmen: "Purpur mantel" wird getrennt geschrieben, hierbei wird nur das erste Wort mit einer Majuskel versehen, das zweite bleibt hingegen klein, obwohl es ein Substantiv ist. Ähnliches gilt für das Zusammengesetzte Wort "Dornenkrone", welches hier noch "dornen Krone" genannt wird. Das Substantiv "Dornen" wird hier entweder nicht als solches angesehen, sondern als Adjektiv im Sinne von "dornenreich" oder (und das ist sicherlich wahrscheinlicher) die Substantivgroßschreibung findet noch keine konsequente Anwendung, insbesondere bei solchen "Problemfällen". Im ähnlichen Fall von "Juden König" (Vers 29) wird das Problem übrigens anders gelöst, nämlich mit der Großschreibung beider Wörter). Eine weitere Änderung im Vergleich mit dem ersten Textauszug ist die, dass nun auch nach jedem Punkt (im ersten Beispiel gibt es nur einen Punkt am Ende des Abschnittes) eine Majuskel folgt, und z.T. auch nach einer Virgel (Vers 29: "/Und beugten die Knie (...)" "(/Gegruesset seiesttu (...)" (= Einleitung der wörtlichen Rede)).
 

  • 1694 wurde das Problem mit den zusammengesetzten Substantiven, die aus zwei Wörtern bestehen recht elegant gelöst: Beide Wörter werden groß geschrieben und mit einem Doppelstrich (=) verbunden ("Purpur=Mantel", "Dornen=Krone", "Juden=König"). In diesem Textabschnitt sind die Verse erstmals in Absätze unterteilt. Zu Beginn eines jeden Absatzes erfolgt die Großschreibung des ersten Wortes (hier immer "Und"). Weiterhin wird der Eigenname "JEsum" nun mit zwei Majuskeln versehen.

  • Das Beispiel von 1736 zeigt, dass die Entwicklung der Substantivgroßschreibung ein Prozess war, der sich nicht sofort durchsetzen konnte. Die Substantive werden hier wieder klein geschrieben, die Großschreibung nach dem Absatz (oder nach einem Punkt), die der Eigennamen (auch hier "JEsum") und die eines am Beginn einer wörtlichen Rede stehenden Wortes bleibt jedoch erhalten.
    Das Wort "Judenkönig" ("der Juden könig") wird hier nun wieder getrennt geschrieben und im Sinne von "der König der Juden" gebraucht. Hierbei verwendet man das Wort "Juden" als Substantiv und entschließt sich (im Gegensatz zur Schreibung aller anderen Substantive) dieses Wort mit einem großen Anfangsbuchstaben zu versehen.

  • Für 1797 gilt im Prinzip dasselbe wie für das Beispiel von 1694.
    Lediglich die aus zwei Wörtern zusammengesetzten Substantive variieren hier.

   

  • Im Beispiel von 1897 wird die Großschreibung von Anfangswörtern eines Absatzes aufgehoben. Weiterhin folgt weder nach einem Punkt, noch nach einem Ausrufezeichen eine Majuskel. Auch im Hinblick auf die Substantivgroßschreibung ist man hier nicht konsequent, da "Haupt" in Vers 30 klein geschrieben wird.

  • Das letzte Beispiel entspricht, im Großen und Ganzen, unserer heutigen Regelung der Groß- und Kleinschreibung.


    Die Reihe dieser Beispiele soll verdeutlichen, dass die Großschreibung ein Produkt einer langjährigen Entwicklung ist, das erst seit verhältnismäßig kurzer Zeit einer eindeutigen Regelung unterliegt. Im Laufe der Jahre haben sich viele Variationsmöglichkeiten ergeben, die je nach Schreiber / Drucker Anwendung fanden. Insbesondere gilt dies für die Substantivgroßschreibung.