Faculty of Linguistics and Literary Studies

 
 
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2. Die Entwicklung der Groß- und Kleinschreibung

2.1 Allgemeines

Die Entwicklung der Groß- und Kleinschreibung vom Althochdeutschen bis zum Frühneuhochdeutschen kann in zwei Phasen gegliedert werden: Von den ersten schriftlichen Quellen des Althochdeutschen bis ins 17. Jahrhundert lässt sich zunächst eine allmähliche Ausweitung des Gebrauchs von Großbuchstaben und der darin begründeten Entwicklung von Schreibnormen feststellen. Ab der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts kann dann schließlich eine allmähliche Kodifizierung dieser Schreibnormen beobachtet werden, die bis zur Entwicklung umfassender Regelwerke hinreicht. Die zwei Phasen können, wie bereits an den Jahreszahlen deutlich wird, zeitlich nicht klar voneinander abgetrennt werden und überschneiden sich daher.


2.2 Groß- und Kleinschreibung im Althochdeutschen

In althochdeutscher Zeit wurde fast ausnahmslos in Minuskeln (Kleinbuchstaben) geschrieben. Großbuchstaben konnten jedoch z.B. in Form von Schmuckinitialen vorkommen.

Die für diese Zeit typische Schriftart ist die Karolingische Minuskel:
Karl der Große, der im Jahr 800 n.Chr. zum Kaiser gekrönt wurde, war der Herrscher über ein großes Reich (ein "vereintes Europa"), in dem es nicht nur unterschiedliche Sprachen und Dialekte, sondern auch verschiedene Schriften gab. Aus diesem Grund beauftragte der Kaiser den schriftkundigen Mönch Alkuin, eine einheitliche Schrift zu entwerfen, die in seinem ganzen Reich, von der Lombardei bis Britannien, gelten sollte. Die von Alkuin geschaffene, nur aus Kleinbuchstaben bestehende Schrift, die Karolingische Minuskel, löste die unterschiedlichen Nationalschriften ab und vereinheitlichte somit das Schriftsystem (die Nationalschriften wurden, basierend auf römischen Schriftformen, von den verschiedenen Völkern und Stämmen (wie z.B. den Westgoten, Merowinger, Iren, Langobarden, Beneventaner und Angelsachsen) im Laufe der Zeit entwickelt. Sie lassen den gleichen Ursprung erkennen, weichen in den Details jedoch stark voneinander ab).

==> Beispiel 1: Karolingische Minuskel und Nationalschriften

==> Beispiel 2: Gebet Otlohs



2.3 Groß- und Kleinschreibung im Mittelhochdeutschen

Das Mittelhochdeutsche zeichnet sich durch den vermehrten, jedoch noch ungeregelten Gebrauch von Majuskeln aus. Diese wurden besonders im Falle von Eigennamen und zur Kennzeichnung von Satz- und Zeilenanfängen mit gewisser Häufigkeit verwendet. Das bedeutet jedoch nicht, dass ein einmal begonnener Stil eines Schreibers bis zum Textende durchgehalten wurde: Die Groß- und Kleinschreibung von Satz- oder Zeilenanfängen z.B. konnte in einem Text variieren (mal groß, mal klein). Mitunter wurden auch bestimmte Wörter mitten im Satz groß geschrieben.

2.3.1 Die Majuskel als Schmuckinitiale:

Majuskeln kommen am Beginn des Textes mitunter schon in althochdeutscher, häufiger jedoch in mittelhochdeutscher Zeit vor. Ihre Funktion ist überwiegend die der Schmuckinitiale. Diese Zierbuchstaben sind größer als eine Zeile (meist 1,5 - 2 Zeilen), sie können z.T. jedoch auch so hoch wie die ganze Seite sein.

==> Beispiel 3: Schmuckinitialen, Folgeinitialen und Lombarden

2.3.2 Die Majuskel am Beginn eines Satzes, einer Strophe oder eines Verses:

Schon im Althochdeutschen finden sich die Großbuchstaben vereinzelt am Anfang von Texten, Absätzen, Strophen oder Versen; seit dem 13. Jahrhundert treten sie in diesen Fällen vermehrt auf. Fest werden sie hier im 14. und 15. Jahrhundert, am Satzanfang etwa im 2. Viertel des 16. Jahrhunderts. Die Funktion der Majuskel kann z.T. der der Interpunktion nahe kommen: ein Großbuchstabe gibt an, dass ein neuer Vers (oder später: ein neuer Satz) beginnt. Diese Entwicklung ist bereits in spätmittelhochdeutscher Zeit zu beobachten, trifft jedoch vor allen Dingen auf das Frühneuhochdeutsche zu (vgl. Abschnitt 2.4.3).

2.3.4 Die Majuskel als Hervorhebung:

Seit spätmittelhochdeutscher Zeit wird neben den unter 2.3.1 und 2.3.2 genannten Aspekten eine zweite, eine semantische Funktion des Großbuchstaben erkennbar: Die Hervorhebung eines Wortes innerhalb eines Textes (auch im Satzinneren). Dieser Gebrauch beschränkt sich nicht auf eine Wortart, trifft jedoch auf die Substantive in besonderem Maße zu.
Seit dem 13. Jahrhundert (nach vereinzelten früheren Ansätzen) werden zunächst die Eigennamen groß geschrieben, jedoch noch lange nicht konsequent (es dauerte hier etwa bis zum 2. Viertel des 16. Jahrhunderts, bis eine recht konsequente Großschreibung erfolgte).

==> Beispiel 4: Nibelungenlied, Hs A


2.4 Groß- und Kleinschreibung im Frühneuhochdeutschen

2.4.1 Die Substantivgroßschreibung

Die Großschreibung von Substantiven ist eine Besonderheit der deutschen Sprache. In anderen Sprachen werden nur die Satzanfänge und Eigennamen groß geschrieben.
Im Dänischen gab es zunächst auch die Regelung der Substantivgroßschreibung, diese wurde letztendlich jedoch abgeschafft.

Historisch gesehen hat sich die Substantivgroßschreibung im Laufe des 16. Jahrhunderts durchgesetzt. Fest wurde sie allerdings erst im letzten Drittel des 17. Jahrhunderts, wobei es jedoch immer noch Ausnahmen bis ins 18. und 19. Jahrhundert gegeben hat.
Wie bereits in den vorherigen Abschnitten angesprochen, hat sich zunächst die Großschreibung von Eigennamen durchgesetzt. Später wurden nach und nach auch Titel (z.B. Babst, Kayser, Churfursten, usw.), weitere Personenbezeichnungen und Kollektivbegriffe (z.B. Apostel, Mensch, Münch, usw.) mit einem großen Anfangsbuchstaben versehen. Weiterhin wurden Wörter, die etwas Verehrungswürdiges (vor allem aus dem religiösen Bereich) bezeichnen oftmals mit Majuskel am Wortanfang geschrieben (z.B.: Evangelium, Christ, Sacrament, usw.) (vgl. Schmidt 2000, Seite 307). All diese Fälle treffen wiederum auf das Prinzip der Hervorhebung zu. Bei den sog. nomina sacra verwendet man des Öfteren auch mehrere Majuskeln in einem Wort (z.B. AMEN, GOTT, HErr). Dies erfüllte die Funktion der erweiterten Hervorhebung und ggf. auch die der Differenzierung.
Die Entwicklung der Substantivgroßschreibung im Verlaufe der frühneuhochdeutschen Zeit ging relativ schnell vonstatten. Während 1532 nur Eigennamen und Substantive die einen hohen Rang bezeichnen (wie z.B. König, Fürst) groß geschrieben wurden, lässt sich vom Jahre 1540 sagen, dass etwa 80% der Substantive, die keine Eigennamen sind, ebenfalls groß geschrieben wurden.
Es ist also eine Entwicklung von der Majuskel, die am Satz- und / oder Versanfang, bei Eigennamen und z.T. auch im Falle der Gottesnamen steht, hin zu der Großschreibung sämtlicher Substantive zu beobachten.

2.4.2 Die Adjektivgroßschreibung

(vgl. Wegera 1996)

Die Adjektivgroßschreibung ist ein Phänomen, das eng mit dem der Substantivgroßschreibung verknüpft ist. Die große Zeit der Adjektivgroßschreibung beginnt im 16. Jahrhundert (mit rund 14% Großschreibung am Gesamt).
Während im Falle der Substantivgroßschreibung einiges dafür spricht, dass es sich hierbei um eine Hervorhebung des Wortes handelt, könnte die Großschreibung der Adjektive auch an andere Motive gebunden sein. Die Literatur nennt u.a. folgende:
- Ableitung von Eigennamen (z.B. Römisch, Lutherisch, usw.)
- Ableitung von Bezeichnungen hochstehender Persönlichkeiten (z.B. Kaiserlich, Apostolisch, usw.)
- Ableitung von anderen Substantiven
- Adjektive religiösen Inhalts (z.B. Heilig, Geistlich, usw.)
- Respektsbezeichnungen (z.B. Älteste, Weise, usw.)
- durch Satzbetonung bedingte Großschreibung
Neben dem Prinzip der Hervorhebung (welches wohl auf die letzten drei Fälle am ehesten zutreffen dürfte) kann im Falle der Adjektivgroßschreibung auch Folgendes gelten: Die Großschreibung der Adjektive ist primär nicht durch Semantik und Funktion der Adjektive selbst bestimmt, sondern durch deren substantivische Basen, an die sie gebunden sind (dies würde auf die drei ersten der oben genannten Fälle zutreffen). Sie sind somit fremdbestimmt. Das heißt, dass diese Adjektive wohl primär groß geschrieben werden, weil ihre substantivischen Basen ebenfalls groß geschrieben werden, und nicht, um sie als Adjektive hervorzuheben. Es besteht jedoch kein zwingender Zusammenhang zwischen den Substantiven und den daraus abgeleiteten Adjektiven, sondern ein tendenzieller (es muss also nicht jedes Adjektiv, das sich aus einem großgeschriebenen Substantiv ableitet, zwingend auch groß geschrieben werden).

2.4.3 Die Großschreibung von Satzanfängen

Im 15. Jahrhundert wird der Satzbeginn zunehmend, im 16. Jahrhundert recht regelmäßig durch Majuskeln gekennzeichnet (zuvor trat dieser Fall jedoch auch schon vereinzelt auf). In einer Übergangszeit, in der die Interpunktion noch nicht geregelt ist (Satzzeichen gab es nur wenige, sie wurden weiterhin nur sparsam verwendet), erhält die Großschreibung des Satzanfangs die Funktion eines Satzzeichens (d.h., dass ein Satz durch eine nachfolgende Majuskel beendet wird).

2.4.4 Die Kennzeichnung eines Sprecheinsatzes durch Großbuchstaben

Wenn eine Person in einem Text eine Sprecherrolle hat, so wird die Personenbezeichnung in den meisten Fällen groß geschrieben. Auch werden die wörtliche und die indirekte Rede durch einen Großbuchstaben gekennzeichnet.

2.4.5 Großschreibung betonter Substantive

In dem unten stehenden Beispiel aus der Bibel von 1545 zeigt sich die Wirkung des Prinzips, nur betonte Substantive mit großem Anfangsbuchstaben zu schreiben, worin die Funktion der Lesehilfe nachwirkt:

"Dein auge sol sein nicht schonen, Seel vmb seel, Auge vmb auge, Zan vmb zan, Hand vmb hand, Fus vmb fus."

Es wurden in diesem Falle also nicht alle Substantive einheitlich groß geschrieben, sondern nur die betonten, die nach einem Komma stehen.


2.4.6 Beispiele zur Entwicklung der Großschreibung im Frühneuhochdeutschen

==> Fabeln von Heinrich Steinhöwel und Martin Luther

==> Bibelübersezungen Luthers

Im Bereich der Groß- und Kleinschreibung werden 1527 zum erstenmal im "schryfftspiegel" Regeln formuliert: Satzanfänge, Namen der Länder, Städte und Fürsten werden groß geschrieben. In den Regelwerken der folgenden Jahrhunderte wird der Bereich, für den Großschreibung als regelhaft vorgesehen wird, immer mehr ausgeweitet. Das Endprodukt ist das heute geltende Regelsystem.


2.5 Heutige Regelung der Groß- und Kleinschreibung:

Die Großschreibung wird im Deutschen verwendet zur Kennzeichnung von:

  • Überschriften und Werktiteln
  • Satzanfängen (Funktion des syntaktischen Signals: Der Punkt am Satzende entspricht der Großschreibung am Satzanfang)
  • Substantiven und Substantivierungen
  • Eigennamen mit ihren nichtsubstantivischen Bestandteilen
  • bestimmten festen nominalen Wortgruppen mit nichtsubstantivischen Bestandteilen
  • Anredepronomen und Anreden

Die Großschreibung (...) dient dem Schreibenden dazu, den Anfang bestimmter Texteinheiten sowie Wörter bestimmter Gruppen zu kennzeichnen und sie dadurch für den Lesenden hervorzuheben.

(Diese Angaben sind dem Duden entnommen)



2.6 Fragen
und Übungen

  1. Nennen Sie die für die althochdeutsche Zeit typische Schriftart und erklären Sie, worin deren Besonderheit liegt.
  2. Was lässt sich über die Regelhaftigkeit des Majuskelgebrauchs vom Althochdeutschen bis hin zum Frühneuhochdeutschen sagen?
  3. Nennen Sie drei Funktionen, die die Majuskel in mittelhochdeutscher Zeit erfüllen konnte.
  4. Wenn in einem frühneuhochdeutschen Text ein Wort, welches kein Eigenname ist, mitten im Satz groß geschrieben wurde, welche Funktionen kann es erfüllen? Nennen Sie zwei Aspekte.
  5. Erläutern Sie die möglichen Funktionen der Majuskel in mittelhochdeutscher Zeit.
  6. Erläutern Sie im Kurzen die Entwicklung der Substantivgroßschreibung in frühneuhochdeutscher Zeit. Nennen Sie einige Beispiele für Substantivgroßschreibungen.
  7. Erläutern Sie, welche Funktionen die Majuskel im Frühneuhochdeutschen neben der der Substantivhervorhebung erfüllen konnte.

  8. Übung 1: Albrecht von Eyb: Ob einem manne sey zunemen ein eelich weyb oder nit
  9. Übung 2: Kanzleischreiben 1518



2.7 Quellen

  • Bergmann Rolf: Die Entwicklung der Großschreibung im Deutschen von 1500 bis 1700. Heidelberg : Winter, 1998
  • Bergmann, Rolf: Zur Herausbildung der deutschen Substantivgroßschreibung. Ergebnisse des Bamberg-Rostocker Projekts. In: Das Frühneuhochdeutsche als sprachgeschichtliche Epoche: Werner Besch zum 70. Geburtstag / hrsg. von Walter Hoffmann (u.a.), Frankfurt am Main (u.a.) : Lang, 1999, Seite 59-79
  • Hartweg, Frédéric: Frühneuhochdeutsch. Eine Einführung in die deutsche Sprache des Spätmittelalters und der frühen Neuzeit / Frédéric Hartweg; Klaus-Peter Wegera . - Tübingen : Niemeyer , 1989
  • Jakobi-Mirwald, Christine: Buchmalerei. Ihre Terminologie in der Kunstgeschichte. Berlin : Reimer, 1997
  • Kaempfert, Manfred: Motive der Substantiv-Großschreibung. In: Zeitschrift für deutsche Philologie. Nr. 99 (1980) / hrsg. von Werner Besch (u.a.), Berlin : E. Schmidt Verlag, 1980, Seite 72-98
  • Moulin, Claudine: Der Majuskelgebrauch in Luthers deutschen Briefen : (1517 - 1546). Heidelberg : Winter , 1990
  • Schmidt, Wilhelm: Geschichte der deutschen Sprache. Ein Lehrbuch für das germanistische Studium. 8.Aufl., Stuttgart : Hirzel Verlag, 2000
  • Wegera, Klaus-Peter: Zur Geschichte der Adjektivgroßschreibung im Deutschen. Entwicklung und Motive. In: Zeitschrift für deutsche Philologie. Nr. 115 (1996) / hrsg. von Werner Besch und Hartmut Steinecke, Berlin : E. Schmidt Verlag, 1996, Seite 382-392

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