Wigalois und Ruel
 
 
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Apl. Prof. Dr. Ulrich Seelbach: Für Studierende

Fakultät für Linguistik und Literaturwissenschaft

Wigalois und Ruel

Eine Episode aus Wirnts von Grafenberg ‚Wigalois’
in Verse gesetzt von Daniel Benedikt und Hendrike Ernst
Osnabrück, 2003)

Wigalois, der wackre Held.
Ritt stolzen Muts durch Wald und Feld.
Erst sah er nichts, dann aber doch:
Ein großer Fels mit einem Loch!

Ein hässlich Weib entstieg dem Loch:
In Wigalois die Angst aufkroch!
Krallen trug sie, scharf wie Klingen,
Die Brüste schlaff zu Boden hingen.
Sie schien sich permanent zu bücken:
Ein Buckel krümmte ihr den Rücken.
Und schwarz behaart war ihr Gesicht –
Nein, das war Enite nicht.
Ruel lautete ihr Name;
Sie war Monster und nicht Dame.

Mit teuflisch weibischem Geschick
Packt’ sie den Ritter beim Genick.
Damit der Held sich nicht mehr rührt,
ward er zum Päckchen eingeschnürt.

Leis’ dachte Wigalois bei sich:
„Nein, diese Frau gefällt mir nicht.
Die Person ist mir ein Graus,
Andre sehen besser aus!“

Der Held, sein Unglück zu verdauen,
gedachte vieler schöner Frauen.
Geknickt, entmannt lag er darnieder
Und rief „Larie!“ immer wieder.
Larie, muss man wissen,
War seine Braut. Er tat sie missen.

Warum war Ruel bös’, fragt ihr?
Ich sag’: Sie konnte nichts dafür.
Das Leben spielte hart mir ihr,
Und was geschah, erfährt man hier:

Sie hatt’ einst einen guten Gatten,
den fressen nun die Wasserratten.
Denn wer nahm ihr den Brautmann weg?
Herr  Flojir war’s, ein eitler Geck.
Der metzelte ihn bis auf’s Blut,
Sank sterbend mit ihm in die Flut.

Aus Wut möcht’ Ruel Ritter töten.
Beklommen tut das Pferdchen flöten:
Für Ruel klingt das wie der Drache:
Sie flieht und lässt es mit der Rache.

Herr Wigalois schöpft frischen Mut
Und zieht von hinnen. Alles gut.