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Die Gesellschaft(en) qualitativer Sozialforschung

Zur Reflexion und Kritik makrosoziologischer Prämissen im Forschungsprozess.

 

Frühjahrstagung der DGS-Sektion METHODEN DER QUALITATIVEN SOZIALFORSCHUNG
10./11. März 2017
Universität Bielefeld, Fakultät für Soziologie,
X-B2-103 Raum

OrganisatorInnen: Uwe Krähnke, Thomas Scheffer, Hella von Unger

Grundlagentheoretische Begründungen von Methoden qualitativer Sozialforschung beinhalten in der Regel Vorstellungen vom `großen Ganzen´ des gesellschaftlichen Zusammenhalts. So geht etwa die Konversationsanalyse von kommunikativen Gattungen, die phänomenologische Ethnographie von invarianten universellen Strukturen der Lebenswelt, die Diskursanalyse von Dispositiven und Macht-Wissen-Komplexen oder die Objektive Hermeneutik von latenten Sinnstrukturen aus.

Für die quantitative Sozialforschung ist es zumeist hinreichend, die Gesellschaft - im Sinne eines Containermodells - als eine statistisch auswertbare Gesamtmenge von Erhebungseinheiten (Individuen, Familien, Unternehmen etc.) anzusehen. Während hierbei die Vielfalt des Sozialen aufgrund der Suche nach Verteilungshäufigkeiten und Durchschnittswerten nivelliert wird, arbeiten qualitative Methodologien bevorzugt mit Heterogenitätsunterstellungen. Insistiert wird auf der Indexikalität von Sprache, dem Eigengewicht der Situationen, divergenten Präferenzstrukturen praktischer Vollzüge, individuellen Selbstkonzepten von Personen etc. Das Festhalten am jeweiligen Eigensinn der Untersuchungskontexte macht die Frage nach der gesellschaftlichen Verfasstheit des Sozialen nicht obsolet, sondern verschiebt sie nur: Die qualitative Forschung thematisiert das Gesellschaftliche als eine wie auch immer geartete Verflechtung der Vielfältigkeiten und Kontingenzen im Sozialen.

Die Frühjahrstagung soll dazu dienen, die gesellschaftstheoretischen Bezüge der qualitativen Forschung zu reflektieren, zu kritisieren und einzuordnen. Die Vorträge und die jeweils anschließenden Diskussionen konzentrieren sich auf folgende Leitfragen:

  • Welche basale Gesellschaftsvorstellung geht mit der jeweils gewählten Forschungsmethode einher?
  • Inwiefern konstituieren explizite oder implizite Annahmen, die qualitativ Forschende über gesellschaftliche Zusammenhänge haben, ihr Verständnis von dem zu untersuchenden Fall mit?
  • Wie lassen sich die Gegenstandsangemessenheit der empirischen Forschung einerseits und gesellschaftstheoretische Konzeptualisierungen andererseits zu einer heuristischen Analyseperspektive verbinden?
  • Wie lässt sich der von den Beforschten selbst vorgenommenen "gesellschaftlichen Konstruktion der sozialen Wirklichkeit" auf die Spur kommen?
  • Wie hängen feldimmanente Erfahrungen, Wissensbestände, Handlungen, Habitusmuster und soziale Praktiken mit der rituellverstetigten, politischorganisierten, kulturell, medial oder soziomateriellvermittelten Gesellschaft zusammen?
  • Inwiefern ist die qualitative Sozialforschung für Zeitdiagnosen prädestiniert und welches Wissen kann sie zum Verständnis unsere Gegenwartsgesellschaft beisteuern?

 

 

 

Programm

Freitag, 10. März

13:00 - 15:00 Uhr

Herbert Kalthoff (Mainz): Die theoretische Induzierung qualitativer Forschung.

David Adler (Oldenburg) / David Waldecker (Siegen): Ethnografischer Situationismus und die Kritische Theorie Adornos. Über das Verhältnis von Situation und Gesellschaft.

Pause

15:30 - 17:30 Uhr

Alexander Geimer / Steffen Amling (Hamburg): Subjektivierungsanalysen als Erweiterung der qualitativ-rekonstruktiven Sozialforschung?

Maria Keil (Darmstadt): Pierre Bourdieus Sozialpraxeologie als Forschungsprogramm. Erschließung und Umsetzung für die qualitative Sozialforschung.

 

(Moderation: Ruth Ayaß)

 

Pause

17:45 - 18:45 Uhr

Mitgliederversammlung der Sektion

anschließend gemeinsames Abendessen im Restaurant "Nichtschwimmer"

 

Samstag, 11. März

9:00 - 11:00 Uhr

Thomas Scheffer (Frankfurt/Main): Die Gesellschaftskonstruktionen der drei Methodologien.

Kornelia Sammet / Franz Erhard (Leipzig): Gesellschaftsvergleich in der qualitativen Forschung. Perspektiven, Implikationen und Probleme.

 

Pause

11:20 - 12:20 Uhr

Marius Meinhof (Bielefeld): Ethnografie als kritische Auseinandersetzung mit gesellschaftstheoretischen Begriffen.

 

(Moderation: Sarah Hitzler)

 

12:20 - 13:00 Uhr

Schlussdiskussion

 

 

Die Anmeldung zur Tagung ist per Email möglich über: sektionstagung@uni-bielefeld.de
Es fallen keine Tagungsgebühren an.