Universität Bielefeld

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Wintersemester 2005/2006


Texte und Bilder aus "Des Knaben Wunderhorn", der von C. Brentano und A. von Arnim besorgten Sammlung deutscher Volksdichtung, durchziehen fast die gesamte erste Hälfte des kompositorischen Schaffens Gustav Mahlers. Dem Wunderhorn entstammen die Vorlagen seiner frühen Klavierlieder, seine "Gesellenlieder" imitieren dessen Diktion, sein umfangreichster Zyklus von Orchesterliedern speist sich aus seinem Fundus, und die vier ersten Sinfonien greifen musikalisch auf vieles zurück, was Mahler zuvor daraus vertont hatte. Schon die flüchtigste Begegnung mit den kompositorischen Ergebnissen beseitigt aber jeden Verdacht, es gehe Mahler dabei, wie den meisten anderen zeitgenössischen Rezipienten der populären Textsammlung von Brahms bis Strauss, um die Verklärung naiven Volkstums; vielmehr arbeitet seine Komposition an den gedanklich oft sprunghaften und sprachlich ungeschliffenen Texten gerade das Brüchige, ja, das Unheile heraus, das einen Blick auf die Wahrheit freigibt, wo das Heile der gediegenen Dichtung zur Lüge verkam. Das Glück solchen Zerbrechens und die ihm gleichwohl bewohnende Trauer erfahrbar zu machen, ist stets aufs Neue ein lohnendes Ziel einer musikalischen Arbeit, die nicht nur um ihre klanglichen, sondern auch um ihre gedanklichen Ergebnisse besorgt ist.

Einen scharfen Kontrast hierzu bildet das zweite Werk des Arbeitsprogramms. Bizets einzige Sinfonie setzt der Lauterkeit des Ungeschliffenen, wie sie sich dem Wunderhorn entäußert, die des seinen Schliffs entgegen, der seinen Stoff tendenziell ins Nichts einer vollkommenen Transparenz auflöst. Der Preis, den solche Entgegenständlichung fordert, ist die Beherrschung des Instruments, und auch die Konfrontation mit diesem Anspruch ist im Zuge einer Annäherung an das Wesen der Musik eine unerlässliche Erfahrung.


Programm

Gustav Mahler: Wunderhornlieder
Georges Bizet: Symphonie Nr. 1 C-Dur

Ausführende

Julia Husmann, Alt
Hochschulorchester Bielefeld
Leitung: Michael Hoyer