Fakultät für Soziologie
 
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Startseite des Niklas Luhmann-Archivs

Internetpräsenz des von der Nordrhein-Westfälischen Akademie der Wissenschaft und der Künste geförderten Langzeitprojekts (2015-2030)

Niklas Luhmann – Theorie als Passion
Wissenschaftliche Erschließung und Edition des Nachlasses

der Fakultät für Soziologie in Verbindung mit dem Archiv und der Bibliothek der Universität Bielefeld sowie dem Cologne Center for eHumanities (CCeH)

 

 

Der wissenschaftliche Nachlass Niklas Luhmanns

Niklas Luhmann (1927-1998), der von 1968 bis 1993 an der Universität Bielefeld forschte und lehrte, ist neben Max Weber der berühmteste und wirkmächtigste deutsche Soziologe des 20. Jahrhunderts. Seine in über dreißig Jahren kontinuierlich entwickelte Sozial- und Gesellschaftstheorie ist international herausragend und allenfalls mit den sozialwissenschaftlichen Theorien von Jürgen Habermas, Pierre Bourdieu oder Michel Foucault vergleichbar, unterscheidet sich von diesen aber durch ihre besondere Theorie- und Begriffsarchitektur, ihren Universalitätsanspruch sowie ihre interdisziplinäre Anschlussfähigkeit. Luhmanns funktionalistisch orientierte Systemtheorie stellt den konsequentesten Versuch dar, auf der Basis der philosophischen Tradition einerseits und der Rezeption der unterschiedlichsten Konzepte der modernen Wissenschaften andererseits die Grenzen der Soziologie so zu erweitern, dass eine angemessene Beschreibung der modernen Gesellschaft möglich wird. Dokumentiert findet sich dieses Forschungsprogramm in einer singulären Publikationsleistung von annähernd 600 Veröffentlichungen, darunter über 40 Monographien, zu fast allen Bereichen der modernen Gesellschaft.

Der umfangreiche wissenschaftliche Nachlass Luhmanns, den die Universität Bielefeld mit Unterstützung der Alfried Krupp von Bohlen und Halbach-Stiftung und des Stifterverbandes für die Deutsche Wissenschaft im Jahr 2011 erwerben konnte, lässt den Autor und sein Theoriegebäude diesseits seiner publizierten Werke sichtbar werden und wird in seinem Informationsgehalt in der neueren Ideengeschichte allenfalls durch den Nachlass Edmund Husserls übertroffen. Dieser Erkenntniswert gilt insbesondere für das Zentrum der Luhmannschen Theoriearbeit, den ca. 90.000 Notizzettel umfassenden Zettelkasten. Diese zwischen 1951 und 1996 entstandenen Aufzeichnungen dokumentieren die Theorieentwicklung Luhmanns auf eine einzigartige Weise, so dass man die Sammlung als seine intellektuelle Autobiographie verstehen kann. Darüber hinaus verfügt der Zettelkasten über eine spezifische Ordnungsstruktur, die ihn nicht nur zu der für Luhmann unverzichtbaren Theorieentwicklungs- und Publikationsmaschine werden ließ, sondern auch wissenschaftsgeschichtlich interessant macht. Daneben umfasst der Nachlass annähernd 200 nichtpublizierte Manuskripte von teils erheblichem Umfang. Insbesondere die früh entstandenen Texte aus den 1950er und 1960er Jahren zu staats- und verwaltungswissenschaftlichen Themen sowie zu einer phänomenologischen Soziologie lassen die intellektuellen Wurzeln der Luhmannschen Theorie, die im veröffentlichten Werk häufig eher verdeckt worden sind, deutlich werden. Herausragend sind darüber hinaus die vier umfangreichen Fassungen der Gesellschaftstheorie, die Luhmann zwischen 1965 und 1990 erstellt hat und die die Entwicklung des Luhmannschen Denk- und Begriffskosmos bis zur dann tatsächlich veröffentlichten Version von 1997 auf exemplarische Weise nachzeichnen. Ähnliches gilt auch für die im Nachlass vorhandenen umfangreichen Vorlesungsskripte zu diversen Themen, die Luhmann nicht nur als Didaktiker sichtbar werden lassen, sondern auch seine Form der ersten Annäherung an neue Forschungsfelder veranschaulichen. Daneben findet sich im Nachlass Luhmanns Bibliothek sowie sein Schriftwechsel.

 

Das Forschungsprojekt

Das Ziel des Projekts ist die Sicherung, Erschließung, werkgenetische Erforschung und kritische Edition des wissenschaftlichen Nachlasses Niklas Luhmanns. Zu diesem Zweck werden die bewahrenswerte Teile des Nachlass (Manuskripte, Zettelkasten, Korrespondenz, Bibliothek etc.) zunächst archivarisch gesichert und in den Teilen, die wissenschaftlich erschlossen werden sollen, digitalisiert sowie für die weitere Bearbeitung bereitgestellt. Die daran anschließende kritische Edition will den Luhmannschen Nachlass als geistesgeschichtliches Dokument der wissenschaftlichen Forschung sowie der interessierten Öffentlichkeit zugänglich machen.

Die Nachlassedition versteht sich als soziologische Forschung über die Struktur und Genese einer der letzten „grand theories“ der Soziologie. Sie bildet dadurch zugleich die Grundlage für die Entwicklung einer wissenschaftsbasierten infrastrukturellen Dienstleistung, auf welche die interdisziplinäre und zunehmend internationale Forschung zur und mit der Theorie Luhmanns zukünftig zurückgreifen kann. Zu diesem Zweck wird ein allgemein und frei zugängliches Informationsportal aufgebaut, auf dem eine benutzerfreundliche Präsentation aller wissenschaftlich relevanten Bestandteile des Luhmannschen Nachlasses erfolgt. Darüber hinaus bietet das Portal durch die Präsentation von Audio- und Videodokumenten sowie eine umfassende Bibliographie weitergehende Informationen zum Werk und seinem Autor.

Hinsichtlich der Komplementarität zwischen einem weitgehend netzwerkförmig organisierten Materialbestand und seiner Implementation als technisches Hypertext-System stellt der wissenschaftliche Nachlass Niklas Luhmanns einen außergewöhnlich gut geeigneten Beispielfall für die entsprechende Aufbereitung komplexer Informationsfelder dar. Dies gilt insbesondere für den Zettelkasten, der transkribiert, wissenschaftlich erschlossen, in eine editierte, benutzerfreundliche Datenbank überführt und mit den übrigen Texten aus dem Nachlass, die in einer werkgeschichtlichen Edition erschlossen und publiziert werden, vernetzt wird. Darüber hinaus erfolgt im Rahmen des Projekts eine mehrbändige Printpublikation der nachgelassenen Schriften mit den Schwerpunkten Gesellschaftstheorie, phänomenologische Soziologie, Staatslehre und Verwaltung/Organisation, Soziologie der Erziehung sowie den Vorlesungen.

 

 



 

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