
Religiöse und weltanschauliche Entwicklung im Erwachsenenalter sind bereits 20 Jahre Thema einer längsschnittlichen Untersuchung an der Universität Bielefeld in Kooperation mit der University of Tennessee at Chattanooga (USA). Gefördert von der John Templeton Foundation (JTF) und der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) führten Forscher*innen in Bielefeld und an der University of Tennessee at Chattanooga diese Untersuchungen bis zum Jahr 2024 durch.
Mit dem Abschluss unseres letzten Projekts hat die Forschung über Faith Development ein neues Niveau erreicht: Denn auf der Grundlage von mehr als 1500 Faith Development Interviews und mehr als 6600 Fragebogenteilnehmenden aus zwei Jahrzehnten – und ein Drittel der FDI-Interviewees wurden mehrfach interviewt – können wir qualitativ und quantitativ zeigen, wie religiös-weltanschauliche Entwicklung sich vollzieht, was diese Entwicklung motiviert und wohin solche Entwicklung führt, besonders hinsichtlich der Vorstellungen von Transzendenz, Reduktion von Vorurteilen und Offenheit für Dialog.
Die Forschungsfrage, auf die dieses Projekt eine Antwort geben kann, ist die Frage, ob, wie, warum und wann im Lebensverlauf Menschen ihre Religion bzw. Weltanschauung ändern. Dabei verstehen wir die Veränderungen als Bewegungen zwischen religiösen Stilen, bzw. Typen (Streib et al., 2020). Während wir mit den Daten unseres 2021 abgeschlossenen Projektes zeigen konnten, dass religiös-weltanschauliche Entwicklung tatsächlich stattfindet, und auch erste Erkenntnisse über mögliche Prädiktoren und Folgewirkungen gewonnen haben (Streib et al., 2023), hat die letzte Projektphase (2022-2024) Erkenntnisse über zwei besonders interessante mögliche Folgen der religiösen Entwicklung zutage gefördert: (a) Veränderungen im Gottesbild – oder etwas weiter gefasst: in der Symbolisierung von Transzendenz – und (b) Veränderungen im Bereich der Vorurteile und Fremdenfeindlichkeit. Wir gehen davon aus, dass religiös-weltanschauliche Entwicklung zu narrativer Identität führt, die eine weise und demütige Antwort auf das Fremde geben kann, die wir ‚Xenosophie‘¹ nennen.
Ergebnisse berichten wir im Abschlussbericht an die DFG (Streib, 2025), einem Zeitschriftenaufsatz (Chen & Streib, under review) und einem Kapitel in einem neuen Buch (Streib & Chen, 2026). Die Ergebnisse lassen sich wie folgt zusammenfassen: Hohe Werte beim Persönlichkeitsmerkmal Offenheit für Erfahrungen, geringe Zustimmung zu religiösen Überzeugungen (truth of texts and teachings) und geringe religiöse Praxis (Häufigkeit des Gebets) erwiesen sich als robuste Prädiktoren für die Entwicklung von Faith. Dass geringere Religiosität Fortschritte in Faith-Development vorhersagt, erscheint paradox, was wir als klaren Hinweis auf einen konzeptionellen Unterschied zwischen Religion und Faith (definiert als „ultimative concern“ im Sinne von P. Tillich) verstehen. Was den Schwerpunkt dieses letzten Projekts betrifft, nämlich die Outcomes von Faith Development, so deuten die Ergebnisse auf kognitive Merkmale (Zunahme der Freude am Denken/need for cognition, der Toleranz gegenüber Ambiguität und der intellektuellen Demut), auf geringe religiös-fundamentalistische Überzeugungen wie ein autoritäres Gottesbild sowie auf den Rückgang von Vorurteilen und Fremdenfeindlichkeit hin.
Religiös-weltanschauliche Entwicklung wurde in unserer Forschung erhoben mithilfe des Faith Development Interviews, das James Fowler in den 1970er Jahren entwickelt hat. Die Interviews wurden nach vollständiger Verschriftlichung nach der neuesten Auflage unseres Manuals ausgewertet. Alle die am Faith Development Interview teilnehmen, wurden gleichzeitig zur Beantwortung eines Fragebogens eingeladen, der außer umfangreichen demographischen Angaben eine Reihe von Skalen enthielt. Dazu gehören Skalen zur Erhebung von Persönlichkeit, religiös-weltanschaulichen Schemata, Zentralität von Religiosität, Ambiguitätsintoleranz, Generativität, psychologisches Wohlbefinden. Unser erweiterter Fragebogen im der letzten Projektphase enthielt auch Skalen für intellektuelle Demut, Gottesbilder, Xenophobie und andere menschenfeindliche Vorurteile. Somit war es möglich, die Frage der religiös-weltanschaulichen Veränderung in den Kontext der Forschung über Weisheit, Gottesbilder und Vorurteilen zu stellen.
Xenosophie beschreibt einen Prozess, der sich nicht gegen die Herausforderung des Fremden abschottet und immunisiert, sondern vielmehr dem Fremden mit Responsivität und Offenheit für das Unerwartete begegnet. Xenosophie ist eine Form der Weisheit, die eine gegenläufige Bewegung gegen das zunehmende Othering in unserer Welt begründet.