Kunst am ZiF

Artist in Residence

Aufenthalt: 5. März - 31. Mai 2019

Ausstellung: 5. März - 31. Mai 2019
Titel: "61 Ausstellungen"
Künstler: Tilo Schulz (Berlin, GER)

Performance: 23. Mai, 18:30 Uhr mit Laetitia Mazzotti und Tilo Schulz

Herr Schulz, was hat es mit den 61 Ausstellungen auf sich?

Ich habe eine Arbeit mitgebracht, sie heißt 'im Flug. flüchtig (Partitur)' und besteht aus 18 Platten, die auf der einen Seite Malerei zeigen und auf der anderen Seite Text. Diese Arbeit verändert sich täglich, indem ich die Platten neu staple, stelle, anlehne, umkippe, zusammenführe, auseinanderziehe und damit auch im Foyer immer wieder neue Räume schaffe, Wege verstelle, Wege öffne. So entsteht jeden Tag, den ich hier arbeite, ein ganz neuer Raumeindruck, eine neue Ausstellung. Außerdem arbeite ich an einem neuen Zeichnungsblock.

Was erwarten Sie von Ihrer Zeit am ZiF?

Erst einmal ist es ganz wunderbar, mit der eigenen Arbeit experimentieren zu können. Diese Möglichkeit hat man als Künstler fast nie: Die Arbeit entsteht im Atelier und geht dann in eine Ausstellung, oder sie entsteht vor Ort in einem Museum, einem Kunstverein, und da ist man dann als Künstler auch nur selten vor Ort. Hier kann ich jeden Tag mit der Arbeit leben und umgehen, und schon jetzt, nach anderthalb Wochen, verstehe ich meine Arbeit besser. Das ist ein großes Privileg.
In den Gesprächen mit den Forschern am ZiF hat sich schon gezeigt, dass es viele inhaltliche Überschneidungen gibt. Die aktuelle Forschungsgruppe fragt nach der kulturellen Produktivität von Schuld, und ich habe viel zu existentiellen Fragen gearbeitet: Aufbrechen und Verschließen, Zeigen und Verbergen, Erinnern und Vergessen. Und auch das Thema 'Reinheit', das gerade in der Forschungsgruppe diskutiert wird, bietet Anknüpfungspunkte: Das Material, das ich für diese Platten verwende, ist für Toilettenverkleidungen entwickelt worden, Bakterien können da nicht eindringen, sie können sich maximal auf der Oberfläche aufhalten. Das ist eine ganz andere Verbindung als bei einer Leinwand, wo die Farbe in das Material eindringt. Und wir werden sicher noch Anknüpfungspunkte finden, die nicht so offen zutage liegen.

Was treibt Sie als Künstler an?

Erkenntnis. Jedes Kunstwerk, das ich mache, ist immer auch ein Versuch, ein Ausprobieren und ein Schritt zur Erkenntnis. Ich hatte nie den Anspruch, das perfekte Bild, die perfekte Skulptur zu schaffen, sondern sehe meine Arbeit immer als Schritt auf einem Weg. Kunst ist für mich ein andauerndes Studium. Oder ein Gespräch: Man spricht so lange, bis man sich annähert und sich versteht.
Es gibt eine lange Zeit, in der sich die Teile eines Kunstwerks miteinander bewegen. Und dann gibt es den Moment, den ich als 'Scharfstellen' beschreibe, in dem auf einmal alles ineinandergreift. Das kann Sekunden dauern oder 15 Jahre. Und dann weiß man als Künstler: jetzt ist es fertig – und es ist gut so.


Foto: Trixi Valentin

Mein Freund, ich muss Dir schreiben. Ein Rütteln hat mich befallen. Ich kann Dir nicht sagen, wer mich gepackt oder was mich berührt hat. Ich ging aus dem Haus und mein klarer Blick begann zu schwanken, ruckhaft, unsanft. Später ging ich in das Haus und das Rütteln blieb an mir, an meinen Schultern, Waden und Wimpern. Wie Schleier schlugen sie immer wieder vor mich, die flatterhaften Wimpern, und drängten sich in den Blick. Die Waden wurden weich, haderten mit jedem Schritt und Stand. Mir ist die Welt seitdem ungleich. Die Sicherheit meines Stehens ist dahin und das Sehen mir abhandengekommen. Vielleicht nicht das Sehen an sich, aber das Bild meinen Augen gegenüber. Im Spiegel sind die Augen noch zu sehen, mit den Wimpern, auch die Falten im Gesicht. Doch in der Welt ist nichts mehr, wie es war. Verrückte Fenster, raumschreitende Zeit, Türen dem Boden entflohen. Ich bewege mich Tag für Tag durch Räume, die an mir ziehen, mich scheuchen, stoßen. Mein Körper ist an Armen, Rippen und Schenkeln übersät von Flecken. Eingeschossenes Blut im Gewebe, umliegend, um den Stoß gelegt. Meinen Augen fehlt die Schärfe nicht. Es sind den Augen gegenüber gelegte, gestellte, hastig hingerückte Straßen, Wände, Dinge. Wie ich Dir sagte, ich ging aus dem Haus und das Rütteln ließ mich neben mir laufen; noch immer auf der Straße, nur ein klein wenig verschoben. Vielleicht einen Schritt zur Seite gedrängt, nach links oder oben, vielleicht weniger, vielleicht nur den Hauch eines Gedankens. Genug, um mir die Welt zu nehmen, die ich kannte. Doch ist es mein Schatten, der mich begleitet, der sich ins Bild schiebt. In mein Bild von der Straße, den Wänden, den Dingen. Mein Schatten im Bild und auf der Wand. Der Spiegel ist erblindet, das Licht geblieben, auf der Wand, mein Schatten ebenso. Mein Freund, ich trete aus dem Haus, ich gehe auf die Straße und mir bleibt Tag für Tag weniger. Das Vergangene zeigt sich nicht und das Kommende bleibt im Verborgenen. Was ist das für eine Welt, in der ich nichts greifen kann, nichts mitschleifen auf meinem Weg in das Kommende, in das, was wir vorangestellt haben, Du und ich, auf unserem Weg, den wir zu beschreiten uns vorgenommen, besser vorgestellt haben, geschaffen, um ein Ziel zu zeigen, ein Gleichnis, ein anderes Jetzt? Ich wiederhole mich. Es geht mir um das Rütteln, das an meinen Schultern hängt, in meine Waden zwickt. Davon muss ich Dir schreiben. Ich will Worte finden, wo die Bilder einer Welt entrüttelt sind, die wir als die unsrige annahmen. Angenommen von wem? Von welchem Stand aus? Mit ausgestreckten Armen, frei und willig oder wider Willen, unserem Willen, den uns niemand nehmen konnte, aber jetzt zu nehmen scheint. Das Reißen an der Schulter. Oder ist es ein Wachrütteln, aus dem Schlaf des Täglichen, aus dem festgehakten Blick unserer Mütter und Väter, gar Töchter und Söhne? Ich trete aus dem Haus auf die Straße und sehne mich nach einem Arm, einer Führung, einer Bande, die mich geleitet oder gleiten lässt, neben der Straße und weit genug entfernt von den Wänden des Hauses, aus dem ich getreten bin, aus dem ich treten wollte, freien Willens. Doch all diese Stützen, Gerüste, Ständer sind nicht mehr. Was bleibt mir noch? Yussef Kamaal rufen mir zu: »Du schaffst Dir deinen eigenen Orientierungspunkt oder Bezugsrahmen.« Das eine ein konzentrierter Ort, auf die Welt zu schauen; das andere ein Geflecht, die Welt einzufangen. Sie jedoch sind Meister im Laufenlassen, im Zusammensetzen, spontan und gekonnt. Sie könnten die Welt in ihre Teile zerlegen und neu zusammensetzen, lässig. Mein Freund, Du kennst mich, ich bin unfähig dazu. Die Flüchtigkeit des Bildes ist in mein Leben eingebrochen und entzieht mir Straße um Straße die Welt. Pragmatisch treibt sie das große Löschen voran, bis nichts mehr zu wiederholen ist, wieder zu holen, aus einer anderen Zeit, einem anderen Ort vor und hinter uns. Wir werden ohne Vergangenheit sein und ohne Zukunft, Du und ich und die vielen, die waren und nicht mehr sind. Es wird sie nicht geben und bald nicht gegeben haben; nicht im Hier und Jetzt und nicht woanders. Halten möchte ich die Töne, Bilder und Dinge der Welt, möchte sie umringen, vertauen und an mich binden, sie einschreiben in meine Haut, unter die Haut, dort, wo alles in Bewegung ist, zerfällt und neu beginnt, geschoben wird durch Kanäle immer vom Herzen weg und zum Herzen hin. Wenn mir die Welt unter die Haut geht, habe ich eine Chance, kann ich ankommen gegen das Rütteln, auskommen mit der Unschärfe der Dinge und der Flüchtigkeit der Bilder; kann ich nicht mich, aber alles andere arrangieren.

Weitere Informationen:

https://www.tiloschulz.com/

Bilder aus der Ausstellung
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Mit dem Artist in Residence-Programm will das ZiF den Austausch von Wissenschaftlern und Künstlern befördern und hofft auf gegenseitige produktive Irritation.