
Am 06.11.2025 war Christina Morina zu Gast bei HAB gelesen der Herzog August Bibliothek in Wolfenbüttel. Dort stellte sie ihr Buch "Tausend Aufbrüche. Die Deutschen und ihre Demokratie seit den 1980er Jahren" vor. Die Lesung ist nun bei der Herzog August Bibliothek als Podcast erschienen.

Die 3. Bielefelder Debatte zum Thema „Zukunft des NS-Gedenkens. Geschichte als gesellschaftliche Selbstverständigung“ vom Januar 2023 ist nun als Buch erschienen, mit einer Einleitung von Christina Morina und einem Kommentar von Stefanie Middendorf. Die Veranstaltung beschäftigte sich mit dem Spannungsverhältnis zwischen Vergangenheitsbefragung und Gegenwartsbezug bzw. selbstkritischem Aufklärungsanspruch und kollektiven Identitätsbedürfnissen.
In diesen Tagen jährte sich die Befreiung von Auschwitz zum 81. Mal. Dieser lange Zeitraum verweist darauf, dass Nationalsozialismus, Zweiter Weltkrieg und Holocaust nach und nach nicht zur Zeitgeschichte im engeren Sinne gehören – bald gibt es keine Zeitzeugen*innen mehr. Dieser Umstand prägt die gegenwärtige geschichtskulturelle und -politische Unruhe. Forderungen nach einer zeitgemäß(er) ausgerichteten „Erinnerungskultur“ tendieren dazu, historische Ereignisse aus ihrem ursprünglichen Zusammenhang herauszulösen und deren Betrachtung weniger als Möglichkeit gesellschaftlicher Selbstverständigung zu begreifen, sondern als Gelegenheit, sie jeweils aktuellen politischen und sozialen Bedürfnissen anzupassen bzw. sogar unterzuordnen.
Das Buch dokumentiert zwei Gespräche:
Erstes Gespräch: Zeithistorische Perspektiven auf den Umgang der Deutschen mit dem Nationalsozialismus seit 1945 (Ulrike Jureit & Bill Niven im Gespräch mit Christina Morina)
Was ist überhaupt unter „Gedenken“ beziehungsweise „Erinnerung“ zu verstehen – in einer Zeit in der „eigentlich jedes Reden über Vergangenheit als Erinnern missverstanden wird“ (Jureit)? Diese Frage war Ausgangspunkt des ersten Gesprächs zwischen der Hamburger Historikerin Ulrike Jureit und ihrem britischen Fachkollegen Bill Niven. Sie widmen sich dem Umgang der Deutschen mit dem Nationalsozialismus seit 1945 in zeithistorischer Perspektive und reflektieren darüber, wie sich nationalsozialistische und koloniale Verbrechen sinnvoll miteinander in Bezug setzen lassen – sowohl historisch als auch gedenkkulturell und gegenwartsorientiert. Jureit und Niven sprechen außerdem über die Motive, Ziele und Selbstverständnisse, mit denen sie sich jeweils in öffentliche Debatten über den Umgang mit der NS-Vergangenheit einbringen.
Zweites Gespräch: Gegenwart und Zukunft des öffentlichen Erinnerns an den Nationalsozialismus (Natan Sznaider & Ahmad Mansour im Gespräch mit Anna Strommenger)
Im zweiten Gespräch richten der in Deutschland geborene israelische Soziologe Natan Sznaider und der in Israel geborene deutsch-arabische Psychologe Ahmad Mansour den Blick auf Gegenwart und Zukunft. Deutschland betrachten sie dabei als einen klar national umrissenen Geschichts- und Gedenkraum – „die Shoah war eine deutsche Angelegenheit“ (Sznaider) –, und zugleich wird diese Vergangenheit heute stark transnational verhandelt, in vielfältigen inner- und außerwissenschaftlichen Räumen. Sie problematisieren die folglich sehr diversen Erwartungen an und Vereinnahmungen von „Erinnerungskultur“ in pädagogischen, kulturellen und politischen Kontexten. Damit geht es stets auch um deren Funktionalität und Wirkung, die nicht zuletzt von der (biografischen, weltanschaulichen) Position der beteiligten Akteure abhängen und entsprechende Konsequenzen haben. Wie fasst man dann die daraus je spezifisch ableitbare „Verantwortung für Vergangenheit und Gegenwart“ (Mansour)?
Schließlich mündet das Gespräch in der Frage nach dem Zusammenhang von historischem Wissen, Wertvorstellungen und demokratischem Bewusstsein. Was können Holocaust-Bildung und Gedenkstättenarbeit zur Bekämpfung von Antisemitismus und Rassismus konkret beitragen? Inwieweit ist man sich deren Grenzen und Überforderungen bewusst? Am Ende steht die Ermutigung, in einer von Einwanderung geprägten Gesellschaft historisch-politische Bildung und republikanische Staatsbürgerschaft – Geschichte, Verantwortung und Zugehörigkeit – stärker zusammenzudenken, weit über Museen, Gedenkstätten und Bildungsprogramme hinaus.
An diese Fragen schließt Stefanie Middendorf (Berlin) mit in ihrem Kommentar an. Sie zeigt die Grenzen der Gegenwartsverfügbarkeit von Geschichte auf, die den Sinn und Zweck historischer Urteils- und Sinnbildung unterlaufen könne. Gerade vor dem Hintergrund besonders folgenreicher Ereignisse wie des Massakers vom 7. Oktober und des Kriegs im Gaza-Streifen warnt Middendorf vor einer tagespolitischen Vereinnahmung von Geschichte. Allzu oft ginge es dabei darum, gegenwärtige Gewissheiten statt ein kritisch-differenziertes Geschichtsbewusstsein zu fundieren.
Das Buch ist verfügbar bei Vandenhoeck&Ruprecht.
Es gibt zur aktuellen Lage in Deutschland (und global) extrem viel Gesprächs-, Deutungs- und Einordnungsbedarf – im Fach, in den Unis und weit darüber hinaus. Ziel der Diskussionsrunde ist es, den Ausgang der Bundestagswahl 2025 gegenwärtig und historisch einzuordnen und über die Aufgaben der (zeit-)historischen Forschung für die Zukunft nachzudenken – die Haltung und Inhalte, die es jetzt braucht. Wir blicken dafür auch zurück auf die Fragen und Thesen des Buches Zur rechten Zeit, das die vier Historiker*innen in Reaktion auf den Einzug der AfD in den Bundestag 2017 gemeinsam verfasst und 2019 publiziert haben.
Fragen und Kommentare können in einer Q&A eingebracht werden.
Anmeldungen unter: https://uni-bielefeld.zoom.us/meeting/register/Bbj-YO-DRa-BJMuLhxVQ4Q#/registration
Demokratie braucht Öffentlichkeit, aber nicht jede Öffentlichkeit fördert die Demokratie. Dass der Strukturwandel – oder vielmehr Strukturbruch – der Öffentlichkeit(en) seit dem Beginn des digitalen Zeitalters eine ernstzunehmende Herausforderung für die „klassische“ liberale Demokratie darstellt, ist inzwischen eine der meist diskutierten Zeitdiagnosen – quer durch die Geistes- und Sozialwissenschaften. Aus der Perspektive der zeithistorischen Forschung kommt hinzu, dass die Art und Weise, in der wissenschaftliche Erkenntnisse mittels neuer, eigensinniger Medien, Foren und Technologien kommuniziert, rezipiert und debattiert werden, diesen einerseits eine enorm vergrößerte potentielle Reichweite verschafft. Andererseits bergen die Schnelligkeit und Unmittelbarkeit, mit der Wissenschaft und Öffentlichkeit im Austausch stehen, und die Dringlichkeit, mit der tagespolitische Ereignisse nach wissenschaftlich fundierten Analysen und Antworten verlangen – und von Expertinnen und Experten angeboten werden –, vielerlei Fallstricke.
Am 16.05.2024 widmete sich die 4. Bielefelder Debatte zur Zeitgeschichte der gegenwärtigen Erosion und möglichen Neuformierung des „strukturell gekoppelten“ (T. Mergel) Verhältnisses zwischen Medien und Politik, und im weiteren Sinne dem historischen, gegenwärtigen und zukünftigen Zusammenhang von (digitaler) Öffentlichkeit und Demokratie. Sie problematisierte aus historischer, rechtswissenschaftlicher, soziologischer und demokratietheoretischer Perspektive die dabei wirksamen Verflechtungsmechanismen sowie den Wissensstand zur Stabilisierung und Destabilisierung von demokratischen Ordnungen und erörterte die Rolle von Öffentlichkeit(en) in diesen Prozessen.
Das Programm sowie die Aufzeichnung der Veranstaltung finden Sie hier.
Even though the Holocaust was a mass crime encompassing at least sixteen countries across Europe, comparative studies on the conditions of survival and rescue are scarce. In light of the extremely different survival rates among local Jewish communities the lack of analyses that systematically explore the significance of surrounding societies as well as notions of community and citizenship in these countries is particularly striking. At the same time, the growing relevance of an understanding of the Holocaust as a regionally, nationally and transnationally unfolding social process along with the notable rise in micro-level studies of specific communities make a concerted effort to bring together and analytically link these various contexts in a more systematic way as relevant as attainable.
From December 3-4, 2024, the workshop brought together research projects that focus on the Holocaust – or, rather particular aspects of it – in a comparative perspective, each addressing at least two countries. We discussed mainly current works-in-progress, conceptual and methodological challenges as well as arguments, narratives and limitations stemming from such comparative approaches.
You can find the event program and further information on the research project here.
Am Montag, 25.11.2024, 18 bis 20 Uhr, fand ein Zoom-Gespräch mit Benny Morris, em. Professor an der Ben-Gurion University, Negev/Israel, statt. Er sprach über sein 2023 auf Deutsch erschienenes Buch „1948. Der erste arabisch-israelische Krieg“, über Fragen der Methodik und Quellenbasis in Bezug auf diese Geschichte und reflektierte auch über das Verhältnis von Geschichte, Geschichtsschreibung und Gegenwart.
Das Recording der Veranstaltung finden Sie hier
Most of the world was watching closely as the 2024 U.S. presidential election unfolded. Its outcome was and is believed to be of fundamental importance not only for the U.S. internally, but for the future of the entire globe and of democracy itself. On Monday, Nov. 4, 2024, a panel of historians of and from the US and Germany discussed questions that now - with a second Trump-presidency on the horizon - are more relevant than ever. The conversation zoomed out of the events of the days and put them into a historical and transatlantic perspective. Jeremy Varon (The New School), Martin Lutz (Bielefeld University) and Christina Morina (The New School/Bielefeld) took a step back to reflect more broadly on how this present moment fits into the history of democracy in the U.S. and worldwide. Which historical, social and cultural developments have contributed most decidedly to the shape and dynamics of this election cycle? In which ways are these developments interrelated transnationally? And how can insights from US and German history help to deepen our understanding of the specific stakes of these elections and their (still contingent) ramifications?
You can find the recording of the event here.