
Die Forschung der Arbeitsgruppe befasst sich eingehend mit der Entstehung, Veränderung und Reproduktion sozialer Ungleichheiten am Arbeitsmarkt. Ein Schwerpunkt bildet dabei die Frage, inwieweit Gerechtigkeitseinstellungen zur Entstehung und Legitimierung von Ungleichheiten am Arbeitsmarkt beitragen sowie deren Persistenz oder Wandel beeinflussen. Gerechtigkeitseinstellungen sind dabei nicht nur Indikatoren für die Legitimität bestehender Ungleichheiten, sondern haben auch individuelle und strukturelle Konsequenzen.
Ein zentraler Ausgangspunkt der Forschung der AG ist die Annahme der Kontextabhängigkeit: In Familie, Freundeskreis, Betrieb oder auf gesellschaftlicher Ebene werden nicht nur Normen und Praktiken vermittelt und Strukturierungsmechanismen wirksam, sondern diese Kontexte bilden zugleich Referenzpunkte, die das individuelle Erleben von Ungleichheit prägen.
Schließlich befinden sich gesellschaftliche Bedingungen stetig im Wandel. Neben demographischen Veränderungen (Alterung der Gesellschaft, Migration), die sich auf die gesellschaftliche Heterogenität auswirken, verändern sich Arbeitsmarkt und sozialpolitische Regulationen. All dies spiegelt sich auch im Arbeitskontext wider. So richtet die Forschung ebenfalls den Blick darauf, wie sich Ungleichheiten sowie Vorstellungen von Gerechtigkeit und Ungerechtigkeit im gesellschaftlichen wie im individuellen Lebensverlauf verändern.
Methodisch ist die Forschung der AG quantitativ-empirisch ausgerichtet und reicht von klassischen Mehrebenen- und Längsschnittanalysen bis zur Entwicklung und Umsetzung von Survey-Experimenten. Neben der Verwendung großer nationaler und internationaler Datenbestände der Sozial- und Wirtschaftswissenschaften (u. a. SOEP, ESS) werden auch eigene Daten erhoben: So greifen wir auf bereits zwei bestehende Wellen der LINOS-Studie zurück (2014/2017) und werden im nächsten Jahr zwei große Befragungsprojekte (LINOS-3 und FAIRGAP) durchführen (siehe Forschungsprojekte)
Gefördert durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG), Laufzeit: 2026 bis 2029
Projektteam: Jule Adriaans, Carsten Sauer, Stefan Liebig (Freie Universität Berlin), Alina Puliaieva
Deutschland steht aufgrund des demografischen Wandels vor einem rapiden Rückgang an qualifizierten Arbeitskräften. Um den Bedarf an qualifizierten Arbeitskräften zu decken, wird die Belegschaft vielfältiger werden müssen, unter anderem hinsichtlich Alter, Geschlecht und Migrationshintergrund. Gleichzeitig wird die Attraktivität des Arbeitsplatzes und die wahrgenommene Gerechtigkeit der Arbeitsbedingungen zunehmend an Bedeutung gewinnen, um qualifizierte Arbeitskräfte im Betrieb zu halten.
In diesem Projekt soll untersucht werden, wie die steigende Vielfalt in der Zusammensetzung der Belegschaft und die Zunahme mobiler Karrierewege die Gerechtigkeitseinstellungen der Arbeitnehmer beeinflussen – insbesondere in Bezug auf die subjektive Bewertung von Vergütung (z.B. fairer Lohn), Entscheidungsprozessen (z.B. Einstellungspraktiken) und zwischenmenschlicher Interaktionen (z.B. Konfliktlösung). Die bisherige Forschung zeigt, dass Gerechtigkeitseinstellungen kontextabhängig sind und sich entlang der subjektiven Erfahrungen in verschiedenen Lebensphasen entwickeln. Da die meisten Studien auf Querschnittsdaten beruhen, ist jedoch wenig darüber bekannt, wie sich Gerechtigkeitsvorstellungen innerhalb von Individuen verändern. Um diese Forschungslücke zu schließen, wird die Panel-Studie „Legitimation of Inequality over the Lifespan“ (kurz: LINOS) um eine dritte Erhebungswelle ergänzt. Die resultierenden Umfragedaten werden mit administrativen Beschäftigtendaten der Bundesagentur für Arbeit verknüpft. Mit diesem Datensatz werden drei Forschungsfragen bearbeitet:
Gefördert durch den European Research Council (ERC), Laufzeit: 2025 bis 2029
Projektteam: Carsten Sauer. Laura Lükemann, Leo Kawohl, Lina Stille
Der geschlechtsspezifische Lohnunterschied bleibt eine zentrale Herausforderung für die Gleichstellungspolitik der EU. Entwicklungen wie der Rückgang der Tarifbindung und die Zunahme individueller Lohnverhandlungen begünstigen tendenziell Männer.
FAIRGAP untersucht im Ländervergleich, wie individuelle, organisatorische und gesellschaftliche Faktoren zusammenwirken und geschlechtsspezifische Ungleichheiten in der Wahrnehmung von Fairness und Entlohnung hervorrufen. Forschungsergebnisse zeigen, dass Fairnessnormen unbewusst zu Ungunsten von Frauen geprägt sein können, mit möglichen Auswirkungen auf Verhandlungsverhalten – und Ergebnisse. Anhand von Surveys und darin enthaltenden experimentellen Elementen in ausgewählten europäischen Ländern verfolgt FAIRGAP die Ursprünge dieser Vorurteile und ihre Auswirkungen auf Verhandlungen und damit verbundene Lohnungleichheiten, um wissenschaftlich fundierte Ansätze für fairere Verhandlungsprozesse und Arbeitsmarktpraktiken zu identifizieren.
Gefördert durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG), Laufzeit: 2017 bis 2027
Projektteam: Dr. Sebastian Sattler, Prof. Dr. Guido Mehlkop, Jasna Friton, Laura Kathage, Nina Hänel, Anton Schulz
Der Einsatz von Substanzen zur geistigen Leistungssteigerung ohne medizinische Indikation (etwa Koffeintabletten, Methylphenidat oder Amphetamine) gewinnt zunehmend an öffentlichem und wissenschaftlichem Interesse. Angesichts wachsenden Leistungsdrucks, der sich unter anderem in der Erwerbsarbeit zeigt, wird vermutet, dass immer mehr Menschen zu leistungssteigernden Mitteln greifen, um Konzentration sowie Gedächtnis und Entscheidungsfähigkeit zu verbessern.
In der Forschung haben sich gegenläufige Perspektiven entwickelt: Während kognitives Enhancement einersetis als Chance für mehr Produktivität und weniger soziale Ungleichheit gesehen wird, warnen kritische Stimmen vor Risiken in Bezug auf unerwünschte Persönlichkeitsveränderungen, mitunter schwerwiegende Nebenwirkungen, die Verletzung von Fairnessvorstellungen, die die Leistungsmotivation untergraben können, sowie die Illegalität der Beschaffung bestimmter Arten von Leistungssteigerungsmitteln. Das ENHANCE-Projekt ist eine für Deutschland weitgehend repräsentative, vierwellige Panelstudie zu diesem Thema. Der Fokus liegt auf substanzbasierten Methoden (verschreibungspflichtige und illegale Substanzen), ergänzt um weitere Formen wie Hirnstimulation und genetische Modifikation.
PIJE - Perceptions of Inequalities and Justice in Europe
Durchgeführt in Kooperation mit dem DIW Berlin, gefördert durch die Leibniz Gemeinschaft, Laufzeit: 2020 bis 2025
Prof. Dr. Carsten Sauer
Professur für Sozialstrukturanalyse sozialer Ungleichheiten