Veranstaltungsreihe Wintersemester 2026/2027

Prof.in Dr. Dagmar Herzog (CUNY Graduate Center)
“An all-out war against disabled people”: Die neue Lage in den USA
Prof.in em. Dr. Dagmar Hänsel (Universität Bielefeld)
Rassenhygienische Verbrechen an Sonderschulkindern im Nationalsozialismus in der Geschichtsschreibung und der Erinnerungspolitik
Prof.in Dr. Mai-Anh Boger (Universität Koblenz)
Kommentierung der Arbeitstagung
Anmeldung
Informationen zur Anmeldung für die Arbeitstagung werden zu einem späteren Zeitpunkt bekanntgegeben.
Die gesellschaftliche Situation der Gegenwart ist durch politisch-ideologische, ökonomische und sozial-ökologische Krisenverhältnisse strukturiert, die sich unter anderem als Ausdruck und Bearbeitungsform kapitalistischer Herrschafts- und Widerspruchsverhältnisse verstehen lassen (Toscano 2023). In diesen Verhältnissen, die von Faschisierung gekennzeichnet sind (etwa Candeias 2024; von Redecker 2026), kommt behinderten- und körperpolitischen Dimensionen eine zentrale Bedeutung zu (Herzog 2025). Dabei lassen sich verstärkt Dynamiken beobachten, in denen Körper entlang von Verwertbarkeit, Brauchbarkeit und Leistungsfähigkeit bewertet, hierarchisiert und organisiert werden und hierdurch Behinderungs- und Benachteiligungsverhältnisse im Sinne eines sozialen Werts von normal/abweichend, fähig/unfähig, gesund/krank hergestellt werden (Snyder & Mitchell 2006). Diese Dynamiken artikulieren sich in diskursiven und politischen Verschränkungen teils disparat erscheinender Elemente: in der forcierten Zurückweisung inklusiver Lebens- und Gesellschaftsmodelle, in rassistischen, ableistischen und antifeministischen Angriffen auf Bildung und Bildungsinstitutionen, in Politiken des Sozialabbaus, in der Zerstörung von Lebensgrundlagen, in der Aufrufung biologistisch-rassistischer Vorstellungen von Intelligenz und Körperlichkeit oder darin, dass akademische Orte kritisch-emanzipatorischer Wissensproduktion, wie etwa der Disability Studies, unter dem Vorzeichen budgetärer Sparmaßnahmen strukturell geschwächt werden. In ihrer Verdichtung lassen sich diese Entwicklungen als konstitutive Momente der Faschisierung gesellschaftlicher Verhältnisse befragen und analysieren. Das Theorieangebot der Faschisierung bietet einen Zugang für eben solche Analysen autoritärer Entwicklungen, ohne Faschismus als etablierte Herrschaftsform vorauszusetzen (Demirović 2026).
Die Veranstaltung nimmt diese Prozesse zum Anlass, Behinderung und Körperpolitik in Zeiten der Faschisierung gesellschaftlicher Verhältnisse in unterschiedlichen Konstellationen zum Gegenstand historisierender und gegenwartsbezogener Befragungen zu machen (Herzog 2024). Die (Sonder-)Pädagogik wird in diesem Zusammenhang als ein spezifischer Ort der Auseinandersetzung fokussiert. Ihre Involviertheit in den historischen Faschismus des 20. Jahrhunderts verweist dabei auf die Gewordenheit eines disziplinären, institutionellen und wissenschaftlichen Zusammenhangs, der in signifikanter Weise mit Praktiken der diagnostischen Klassifikation, Differenzierung, Separierung und Disziplinierung von Körpern und Subjekten verbunden ist (Hänsel 2024). Damit verbindet sich ein gegenwartsanalytisches Interesse daran, wie sich Dynamiken und Prozesse der Faschisierung in formal demokratischen pädagogischen Institutionen und Verhältnissen artikulieren und welche Bedeutung der (Sonder-)Pädagogik für die Herstellung und Stabilisierung, aber auch potentiellen Irritation von Behinderungs- und Körperordnungen zukommt.
Die Veranstaltungsreihe soll einen Raum für die gemeinsame Analyse, Kritik und Diskussion dieser Zusammenhänge schaffen. Sie lädt dazu ein, sich in einer historisierenden wie gegenwartsbefragenden Einstellung den Verknüpfungen von Behinderung, Körperpolitik und (Sonder-)Pädagogik in Zeiten der Faschisierung zu widmen.