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  • Zentrum für Prävention und Intervention im Kindes- und Jugendalter (ZPI)

    Campus der Universität Bielefeld
    © Universität Bielefeld

Die Suszeptibilität von Jugendlichen für Antisemitismus im Gangsta Rap und Möglichkeiten der Prävention

Projektlaufzeit:

  • ab 01.05.2020

Projektleitung:

Projektmitarbeit:

Forschungsteam IPSOS Public Affairs:

  • Lea van Nek
  • Carolin Bolz
  • Katja Kiefer
  • Rouven Freudenthal

Gefördert durch:

  • Antisemitismusbeauftragte des Landes Nordrhein-Westfalen, Sabine Leutheusser-Schnarrenberger

    Staatskanzlei NRW

Die Hiphop-Kultur ist derzeit die größte und wichtigste Jugendkultur. Im Gangsta-Rap lässt sich seit längerer Zeit beobachten, dass auch ein hypermaskuliner Körperkult, autoritäre Machtfantasien sowie Heroisierungs- und Martialitätsvorstellungen zentrale Motive der Selbstinszenierung der meist männlichen Künstler bilden. Diese vermitteln in ihren Liedern, Musikvideos und Stellungnahmen in sozialen Netzwerken seit einigen Jahren auch sexistische und antifeministische Rollenbilder, autoritäre Moral- und Gesellschaftsvorstellungen sowie verschwörungsideologische und antisemitische Interpretationen globaler Herrschaftsverhältnisse. Während in der Forschung weitgehend Einigkeit herrscht, dass die Texte der Künstler unbestreitbar Ideologien der Ungleichheit transportieren, liegen aktuell keine belastbaren Daten über die Wirkung und den Einfluss der Ideologien auf die Wahrnehmung und das Denken von Jugendlichen vor.

Das Forschungsprojekt ist gefördert durch die Antisemitismusbeauftragte des Landes Nordrhein-Westfalen. Das Vorhaben, das zusammen mit dem Forschungsinstitut Ipsos Public Affairs durchgeführt wurde, wird hier erste Daten liefern und den Zusammenhang des Konsums von Gangsta-Rap und der Empfänglichkeit von Antisemitismus und Ideologien der Ungleichheit mit quantitativen und qualitativen Methoden untersuchen. Darüber hinaus werden auf Grundlage der Ergebnisse Empfehlungen für den Umgang mit Gangsta-Rap im Kontext schulischer sowie außerschulischer Bildung gegeben.

Digitaler Fachtag

Die Suszeptibilität von Jugendlichen für Antisemitismus im Gangsta-Rap und Möglichkeiten der Prävention

am 10. Juni 2021

von 10.00 bis 13.00 Uhr


Forschungsleitende Fragen

Rap ist die derzeit größte und bedeutsamste Jugendkultur in Deutschland. In den letzten 20 Jahren hat sich der deutschsprachige Gangsta-Rap zum ökonomisch erfolgreichsten und reichweitenstärksten Rap-Genre herausgebildet (vgl. Seeliger 2021: 34). Heute erreichen die Vertreter*innen des Gangsta-Rap sowohl über ihre Musik als auch über ihre Social-Media-Präsenz Millionen von Jugendlichen und junge Erwachsene. Im April 2018 lösten antisemitische Textzeilen der beiden Gangsta-Rapper Kollegah und Farid Bang eine breite Mediendebatte über antisemitische Inhalte im deutschsprachigen Rap aus (vgl. Baier 2019ff.). Bereits seit über zehn Jahren zeigt sich, dass antisemitische Motive und Narrative sowohl offen als auch subtil in die meist hypermaskuline und misogyne Selbstinszenierung von bekannten, hauptsächlich männlichen Vertretern des Gangsta-Rap eingebunden sind (vgl. Grimm/Baier 2020).

Mit Blick auf die Bedeutsamkeit von jugendkulturellen Inhalten, Ästhetiken und Handlungspraxen  im Allgemeinen (vgl. Pfaff 2006: 9ff.) und die im Gangsta-Rap vermittelten Identitätsangebote im Speziellen, stellen sich Fragen zum Wirkungspotential von deutschsprachigen Gangsta-Rap:

  • Wie nehmen Jugendliche die Inhalte des Gangsta-Rap wahr und wie beurteilen sie das Verhältnis von genrespezifischer Inszenierung und den von Gangsta-Rapper*innen erhobenen Anspruch auf Authentizität?
  • Inwiefern erkennen Jugendliche antisemitische Inhalte und auf welche Weise korrespondieren die im Gangsta-Rap vermittelten antisemitischen Motive mit den Einstellungsmustern der jugendlichen Hörer*innenschaft?
  • Gibt es einen Zusammenhang zwischen Gangsta-Rap-Konsum und antisemitischen Einstellungsmustern von Jugendlichen? Welche Unterschiede und/oder Parallelen zeigen sich beim Verhältnis von Gangsta-Rap-Konsum und misogynen und/oder rassistischen Einstellungen?

Die Ergebnisse aus dem Forschungsprojekt „Die Suszeptibilität von Jugendlichen für Antisemitismus im Gangsta-Rap und Möglichkeiten der Prävention“ geben (erste) Antworten auf diese Fragen.


Forschungsdesign

In Kooperation mit dem IPSOS-Forschungsinstitut wurden im Zeitraum von Mai bis November 2020 insgesamt drei konsekutive Studien zum Gangsta-Rap-Konsum von Jugendlichen und jungen Erwachsenen aus Nordrhein-Westfalen durchgeführt:

  1. eine qualitative Vorstudie durch die Universität Bielefeld
  2. eine qualitative Studie durch das Ipsos Forschungsinstitut
  3. die quantitative Hauptstudie durch das Ipsos Forschungsinstitut

Im Rahmen einer (1) qualitativen Pilotstudie wurden im Mai bis August 2020 zunächst sechs Jugendliche im Alter von 10 bis 22 Jahren in Einzel-Interviews zu ihren Hör- und Konsumgewohnheiten im Bereich Rap befragt. Auf Basis der Einzel-Interviews wurde ein Leitfaden für Gruppen-Interviews entwickelt. Anschließend wurden in einer (2) qualitativen Studie im August und September 2020 insgesamt acht Online-Einzelinterviews sowie sechs Online-Gruppendiskussionen mit jeweils sechs Teilnehmenden durchgeführt.

Schließlich wurden in einer (3) quantitativen Hauptstudie insgesamt 500 in NRW lebende Jugendliche und junge Erwachsene im Alter von 12 bis 24 Jahren mittels eines Online-Fragebogen zu ihrem Gangsta-Rap-Konsum befragt. Neben der Genre-Orientierung, Hip-Hop- und Gangsta-Rap-Präferenzen sowie (online-)Hörgewohnheiten wurden auch Text-, Bild- und Videointerpretationen erfragt. Außerdem wurden soziodemografische Merkmale, der Bildungsgrad, Angaben zum familiären Wohlstand, Formen der Mediennutzung und Medienkompetenz erhoben. Darüber hinaus wurden Einstellungen zu Chauvinismus & Hypermaskulinität, Gewalt und Ungleichheit erhoben.


Forschungsergebnisse

Gangsta-Rap-Lieder handeln häufig von Gewalt und Delinquenz, thematisieren jedoch auch immer wieder Aspekte sozialer Randständigkeit und Prekarisierung. Gangsta-Rapper beschreiben darin ihre sozioökonomische Aufstiegsaspirationen, die sie mit Hilfe von musikalischen und kriminellen Erfolg zu realisieren versuchen. In den Einzel- und Gruppeninterviews erklärten die befragten Jugendliche, dass sie sich mit den Aufstiegsaspirationen und der Prekarisierungskritik identifizieren können. Sie schätzen die Geschichten von Gangsta-Rapper die sich aus sozioökonomisch schwierigen Verhältnissen und/oder der kriminellen Vergangenheiten hochgearbeitet haben. Sie nehmen die Aufstiegserzählungen im Gangsta-Rap wahr und bewerten sie positiv. Häufig werden sympathisch wirkende Gangsta-Rapper als Personen angesehen, die uneigennützig auf Missstände in der Welt aufmerksam machen. Dies zeigt sich exemplarisch in der Aussage eines männlichen Befragten, in der er beschreibt, was ihm am Gangsta-Rap gefällt:

„Viele berichten über ihr Leben, wie es früher war, wie sie es geschafft haben. Sie inspirieren Leute, bringen Dinge auf den Punkt, die in den Medien nicht gezeigt werden, über Dinge, wo die Gesellschaft schweigt, zum Beispiel über Flüchtlingspolitik haben sie auch gesungen“

(männlicher Befragter, 16 Jahre, Einzelinterview)

Bei den Interviewten besteht wenig Wissen über das Thema Antisemitismus. Sie identifizieren Juden und Jüdinnen als Religionsgruppe und verfügen über ein Grundwissen über die Judenverfolgung unter dem Nationalsozialismus, die sie als schockierend erachten und ablehnen. Mit Juden und Jüdinnen assoziierte Klischees oder Verschwörungserzählungen kennen sie nur sehr selten und sie sind auch nicht in der Lage, entsprechende antisemitisch konnotierte Codes (z.B. „Rothschild“ oder „Bilderberger“) im Rap zu erkennen. Gleiches gilt für israelbezogenen Antisemitismus. Ein befragter Jugendlicher (17 Jahre) antwortete auf die Frage, ob er mit dem im Song Contraband von Fard&Snaga erwähnten Begriff „Bilderberger“ etwas anfangen könnte, dass er nur das sogenannte „Bilderberger-Treffen“ kenne, aber nicht genau sagen könne, was es sei.

„Ich kenne nur das Bilderberger-Treffen. Ich kenne es, aber ich kann nicht genau sagen, was es jetzt ist.“

(Einzelinterview, männlicher Befragter, 17 Jahre)

 

Bei der Auseinandersetzung mit spezifischen Verschwörungserzählungen wird deutlich, dass besonders unplausible Erzählungen (wie die der flachen Erde) abgelehnt werden; teilweise wird hier aber auch eingeräumt, dass man seine Überzeugungen zugunsten der Verschwörungserzählungen kritisch hinterfragen muss. Bei etwas plausibler wirkenden politischen, komplexen Verschwörungserzählungen zeigt sich wenig Gespür für deren Wahrheitsgehalt – stattdessen wird zugrundeliegenden Annahmen der Unterteilung der Welt in machtlos und mächtig unkritisch zugestimmt. Beispielsweise beurteilte eine Befragte Aussagen mit verschwörungsideologischen Bezügen des Rappers Sido, die in dem gezeigten Interview zwischen Ali Bumaye und Sido getätigt wurden, folgendermaßen:

„Er [Sido] vermittelt einen vertrauenswürdigen Eindruck. Er wirkt ehrlich. [...] Mächtige Menschen meinen Infos zu haben, die sie verbreiten, die nicht stimmen. Rapper sprechen es in ihren Texten an, wichtige Themen. Sie verpacken es wahrheitsgetreuer. Die Mächtigen beschönigen es, die Rapper legen Fakten dar, dass es real ist, das ist Tatsache.“

(weibliche Befragte, 18 Jahre, Einzelinterview)

Um zu definieren, bei welchen Befragten es sich um Hörer*innen von Gangsta-Rap handelt, wurde auf eine indirekte Bestimmung und auf die Selbstauskunft zurückgegriffen. Zunächst wurden die Teilnehmer*innen gebeten, aus einer Liste von Musikrichtungen diejenigen auszuwählen, die sie gerne hören. Die Musikrichtungen wurden randomisiert präsentiert (aus einer Liste von 78 Rap-per*innen, von denen 55 dem Genre des Gangsta-Rap zuzuordnen sind, 9 werden zumindest mit Gangsta-Rap assoziiert, 14 waren nicht zuzuordnen). Die Befragten wurden schließlich als Gangsta-Rap-Hörer*innen definiert, wenn sie angaben, mindestens zwei der dem Gangsta-Rap zuzuordnenden Rapper*innen zu hören und/oder wenn sie angaben, (sehr) gerne Gangsta-Rap zu hören. Auf diese Weise wurden insgesamt 190 Jugendliche und junge Erwachsene als Gangsta-Rap-Hörer*innen definiert. Befragte, die nicht unter die Definition von Gangsta-Rap-Hörer*innen fallen, wurden als Nicht-Hörer*innen (im weiten Sinne) definiert (n=310).

Die Erhebung in der Zielgruppe der 12- bis 24-Jährigen (n=500) mittels Fragebogen ergibt, dass Gangsta-Rap – entgegen der weitläufigen Auffassung – nicht primär von prekarisierten Jugendlichen konsumiert wird. Das Sozialprofil (bemessen an einem Indikator für den familiären Wohlstand) der Gangsta-Rap-Hörer*innen ist ressourcenstärker als das der Nicht-Hörer*innen.

Abbildung 1: Verteilung von Familienwohlstand bei Gangsta-Rap-Hörer*innen

Gangsta-Rap-Hörer*innen sind im Schnitt häufiger männlich. Knapp drei von fünf (58,9%) Gangsta-Rap-Hörer*innen sind männlich, nur rund zwei von fünf (41,1%) sind weiblich.

Abbildung 2: Geschlechterverteilung bei Gangsta-Rap-Hörer*innen

Gangsta-Rapper werden von jungen Menschen als gesellschaftskritisch wahrgenommen; ein bedeutender Teil der Jugendlichen wertschätzt ihre sozialkritischen Äußerungen. So gibt ein Viertel der Befragten (26,7%) an, Gangsta-Rapper würden unbequeme Wahrheiten aussprechen. Jede*r Dritte (36,6%) glaubt, dass Gangsta-Rapper auf wichtige politische Themen aufmerksam machen. 43,6 Prozent der Jugendlichen nimmt Gangsta-Rap als Musikgenre wahr, in dem Menschen mit viel Geld und Macht kritisiert werden.

Abbildung 3: Wahrnehmung von politischen Inhalten im Gangsta-Rap

Antisemitismus-Skalen

In den qualitativen Gruppendiskussionen und Einzelinterviews zeigte sich, dass die meisten Befragten keine Abneigung gegenüber Personen jüdischen Glaubens haben und auch nur selten Beispiele für klassische antisemitische Vorurteile nennen. Nur vereinzelt berichteten Befragte davon, zumindest schon einmal von Verschwörungsmythen über Jüdinnen und Juden gehört zu haben.

In Bezug auf den israelbezogenen Antisemitismus waren die Reaktionen der Jugendlichen innerhalb der Gruppen- und Einzelinterviews durch Unwissen geprägt. Die allermeisten Befragten konnten weder den Begriff „Tel Aviv“ dem Staat Israel zuordnen, noch waren sie in der Lage, die Flagge oder die Landesform Israels zu erkennen. Israelbezogene antisemitische Einstellungen wurden während der qualitativen Befragung also nicht deutlich. Diese Ergebnisse verändern sich wiederum in der quantitativen Befragung, wahrscheinlich wie in den Aussagen zu Rassismus abermals durch die Anonymität der Befragung bedingt.

Bezüglich des klassischen Antisemitismus gibt eine Minderheit derjenigen Befragten (9,3%), die sich selbst einer Religionsgemeinschaft zuordnen, an, dass in ihrer Religion davor gewarnt wird, Menschen jüdischen Glaubens zu vertrauen. Etwa ebenso viele Teilnehmer*innen (10,2%) stimmen der Aussage zu, dass Jüdinnen und Juden mehr als andere mit üblen Tricks arbeiten, um das zu erreichen, was sie wollen. Fast jede*r Zehnte (9,0%) glaubt außerdem, dass Jüdinnen und Juden etwas Besonderes an sich haben und nicht so recht zu ihnen bzw. zur Gesellschaft im Allgemeinen passen. 7,8 Prozent sind der Ansicht, dass Menschen jüdischen Glaubens durch ihr Verhalten an ihrer Verfolgung mitschuldig sind (Abbildung 2). Der hohe Anteil der „weiß nicht“-Antworten fällt hier ebenso auf wie Aussagen, die in besonderer Weise antisemitischen Verschwörungsmythen zuzuschreiben sind. So meinen 12,4 Prozent der Befragten, dass der jüdische Einfluss auch heute noch zu groß sei. Rund jede*r Sechste (16,5%) ist überdies der Überzeugung, dass die internationale Finanzwelt von Jüdinnen und Juden beherrscht wird.

Um mögliche Korrelationen von Gangsta-Rap-Konsum und antisemitischen Einstellungen zu ermitteln, wurde zunächst die Zustimmung der Gangsta-Rap-Hörer*innen zu klassischem, sekundärem und israelbezogenen Antisemitismus erhoben. Es wurde eine Indexvariable Antisemitismus aus den Items gebildet, auf deren Grundlage die Befragten in drei Gruppen geteilt wurden: sehr antisemitisch (26,5%), etwas antisemitisch (37%) sowie nicht antisemitisch 36,5%).

Abbildung 2: Klassischer bzw. religiöser Antisemitismus. Frage: Nun kommen wir zu weiteren Aussagen, die man manchmal hört. Bitte gib auch hier an, inwiefern du ihnen zustimmst(1). Basis: erste Aussage: Befragte die einer Religion angehören, mit Ausnahme von jüdischen Befragten n=364; alle anderen Aussagen n=500.

1 Die Items sind teilweise aus Krieg et al. 2019 übernommen und teilweise daran angelehnt.

Sekundärer Antisemitismus äußert sich darin, dass jede*r Zweite (50,4%) sich darüber ärgert, dass den Deutschen heute noch die NS-Verbrechen an Jüdinnen und Juden vorgehalten werden (Abbildung 3). Auf der anderen Seite ist fast die Hälfte (45,8%) trotzdem der Überzeugung, dass Deutschland vor dem Hintergrund der Geschichte des Nationalsozialismus auch heute noch eine besondere Verantwortung gegenüber dem jüdischen Volk hat.

Abbildung 3: Sekundärer Antisemitismus. Frage: Bitte gib auch zu diesen Aussagen, die man manchmal hört, an, inwiefern du ihnen zustimmst(2). Basis: n=500 (alle Befragten).

2 Die Aussagen wurden aus Hagemann et al. 2015 übernommen.

Bezüglich des israelbezogenen Antisemitismus ist erkennbar, dass sich die Jugendlichen – wie bereits die qualitative Befragung gezeigt hat – kaum Kenntnisse über das Land Israel besitzen. Zwar geben mehr als vier von zehn Befragten (41,2%) an, dass ihre Meinung über Israel gut sei (bezogen auf die Frage: „Was denkst du ganz allgemein über den Staat Israel“3), etwa ebenso viele (40%) wählten hier „Weiß nicht“ bzw. machten keine Angabe. Dementsprechend gibt auch mehr als ein Drittel der Befragten bei den Statements zum israelbezogenen Antisemitismus an, die Aussagen nicht beurteilen zu können. Unter den Jugendlichen und jungen Erwachsenen, die sich eine Meinung bilden konnten, sind wiederum häufig antisemitische Einstellungen zu finden.

Rund jede*r Sechste (17,4%) gibt an, dass ihm/ihr Jüdinnen und Juden aufgrund der israelischen Politik immer unsympathischer werden. Mehr als jede*r Vierte (27,8%) stimmt der Aussage zu: ‚Was der Staat Israel heute mit den Palästinensern macht, ist im Prinzip nichts anderes als das, was die Nazis im Dritten Reich mit den Juden gemacht haben.’“ Dass im Nahen Osten Frieden herrschen würde, wenn es den Staat Israel nicht mehr geben würde, glaubt hingegen nur jede*r Achte (12,4%) (Abbildung 4).


3 Die Aussage ist an Hagemann et al. 2015 angelehnt.

Abbildung 4: Israelbezogener Antisemitismus. Frage: Man hört verschiedene Aussagen zum Staat Israel. Bitte gib an, Inwiefern du den folgenden zustimmst(4). Basis: n=500.

4 Die Aussagen „Durch die israelische Politik werden mir die Juden immer unsympathischer.“ Und „Was der Staat Israel heute mit den Palästinensern macht, ist im Prinzip nichts anderes als das, was die Nazis im Dritten Reich mit den Juden gemacht haben“ sind aus Heyer 2005 übernommen.

Antisemitismus-Determinanten

Um zu analysieren, ob und inwiefern Gangsta-Rap-Hörer*innen antisemitische Haltungen teilen, wurde zunächst die Indexvariable Antisemitismus aus insgesamt elf Statements zum klassischen, sekundären und israelbezogenen Antisemitismus erstellt (Box 1).

Box 1: Aussagen zur Bildung der Index-Variable "Klassischer Antisemitismus". Die Befragten konnten bei jeder der elf Aussagen zwischen den folgenden Antwortmöglichkeiten auswählen: 1: stimme voll und ganz zu, 2: stimme eher zu, 3: stimme eher nicht zu, 4: stimme überhaupt nicht zu.

Entsprechend der Kodierung der einzelnen Aussagen wurde die Indexvariable Antisemitismus auf einer Skala von 1 bis 4 kodiert, wobei 1 für „extrem antisemitische Einstellungen“ und 4 für „überhaupt keine antisemitischen Einstellungen“ steht. So ergibt sich ein Mittelwert pro Person, der die Ausprägung der antisemitischen Einstellungen abbilden soll. Um die interne Konsistenz dieser einzelnen Items zu messen, wurde Cronbachs Alpha ermittelt. Das Ergebnis zeigt, dass die Items eine sehr hohe interne Konsistenz aufweisen (Cronbachs Alpha = 0,902) und daher davon ausgegangen werden kann, dass sie das gleiche Konzept messen. Da jedoch nur diejenigen Befragten in dieser Konsistenz-Analyse berücksichtigt werden, die bei keinem der elf Items „weiß nicht“ oder „keine Angabe“ ausgewählt haben, basiert diese Reliabilitätsanalyse auf 151 Fällen. Für die Bildung der Indexvariable Antisemitismus wurden alle Befragten berücksichtigt, die bei mindestens fünf der Statements valide Werte – also nicht „weiß nicht“ oder „keine Angabe“ – ausgewählt haben. Daher sind insgesamt 430 Befragte bei der Regressions-Analyse berücksichtigt. Eine weitere lineare Regressionsanalyse wurde durchgeführt, um den Zusammenhang zwischen dem Hören von Gangsta-Rap und antisemitischen Einstellungen zu testen. Dabei wurde die Indexvariable Antisemitismus als abhängige Variable und das Hören von Gangsta-Rap als unabhängige Variable eingesetzt. Dies wurde gemacht, um zu prüfen, ob ein nachweisbarer Zusammenhang zwischen Hörgewohnheiten und antisemitischen Ressentiments aufgezeigt werden kann

Basierend auf der Indexvariable Antisemitismus wurden die Befragten in drei Gruppen unterteilt. Unter Gruppe 1 fallen dabei Befragte mit einem Antisemitismus-Score zwischen 1 und 2,9, die damit als sehr antisemitisch eingestuft werden. Gruppe 2 machen Befragte mit einem Score zwischen 2,9001 und 3,5 aus, die damit als etwas antisemitisch angesehen werden. Befragte mit einem Score zwischen 3,5001 und 4 bilden Gruppe 3 und werden als nicht antisemitisch eingestuft (Abbildung 9).

Abbildung 9: Verteilung Antisemitismusgruppen. Darstellung in Prozent. Basis: Befragte, die bei 5 der 11 Antisemitismus Statements nicht „weiß nicht“ oder „keine Angabe“ gewählt haben (n = 430).

Indexvariable Antisemitismus

Die Ergebnisse einer linearen Regressionsanalyse zeigen, dass es einen direkten Zusammenhang zwischen dem Konsum von Gangsta-Rap und antisemitischen Einstellungen gibt. Gangsta-Rap-Hörer*innen neigen im Durchschnitt häufiger dazu, antisemitischen Einstellungen zu vertreten. Auch wenn dem Model weitere Variablen zugefügt werden, um ihren Einfluss zu kontrollieren, bleibt der Effekt zwischen Gangsta-Rap-Konsum und antisemitischen Einstellungen signifikant

Aus den vorliegenden Daten können keine Schlüsse bezüglich des Kausalverhältnisses zwischen Gangsta-Rap-Konsum und antisemitischen Einstellungen gezogen werden. Es ist nicht eindeutig, ob das Hören von Gangsta-Rap zu antisemitischen Einstellungen führt, ob Menschen, die generell eher antisemitisch eingestellt sind, lieber Gangsta-Rap hören, oder ob sich diese zwei Faktoren gegenseitig bedingen.

Die Ergebnisse der Studie zeigen, dass es einen direkten Zusammenhang zwischen dem Konsum von Gangsta-Rap und antisemitischen Einstellungen gibt: Gangsta-Rap-Hörer*innen neigen im Durchschnitt häufiger dazu, antisemitische Einstellungen zu vertreten. So geben 81,4 Prozent der sehr antisemitischen Gruppe an, sehr gerne oder gerne Gangsta-Rap zu hören, während nur knapp ein Drittel (31,3 %) der etwas antisemitischen Gruppe und knapp die Hälfte (48,9%) der nicht antisemitischen Gruppe (sehr) gerne Gangsta-Rap hört.

Abbildung 5: Gangsta-Rap-Konsum nach Antisemitismusgruppen | Frage: Würdest du sagen, dass du gerne sogenannten „Gangsta-Rap“ hörst? (Darstellung in Prozent)

Mit Blick auf antisemitische Einstellungen der Gangsta-Rap-Hörer*innen zeigen sich Unterschiede entlang der Variablen Alter, Geschlecht und Bildungsweg. So ist die Gruppe der sehr antisemitisch eingestellten Gangsta-Rap-Hörer*innen tendenziell jünger als die der nicht antisemitisch eingestellten Gangsta-Rap-Hörer*innen. So sind 79,7 Prozent der sehr antisemitischen Gruppe zwischen 12 und 18 Jahren alt, während im Vergleich dazu 70,1 Prozent der etwas antisemitischen und 72,3 Prozent der nicht antisemitischen Gruppe dieser Alterskategorie zuzuordnen sind.

Zudem sind antisemitische Gangsta-Rap-Hörer*innen häufiger männlich. 76,3 Prozent der sehr antisemitischen Gruppe sind männlich, aber nur 48,9 Prozent der nicht antisemitischen Gruppe.

Abbildung 6: Gangsta-Rap-Hörer*innen, Geschlechterverteilung der Antisemitismusgruppen

In Bezug auf die Variable Bildung zeigt sich, dass sehr antisemitisch eingestellte Hörer*innen häufiger einen nicht-gymnasialen Bildungsweg verfolgen oder verfolgt haben. Der Effekt ist schwach (,152), kann aber als Tendenz interpretiert werden.

Nicht nur bei antisemitischen, sondern auch bei misoygnen/chauvinistischen Einstellungen lässt sich ein Zusammenhang mit dem Hören von Gangsta-Rap erkennen: Gangsta-Rap-Hörer*innen sind im Schnitt chauvinistischer eingestellt als Nicht-Hörer*innen. Dieser Effekt bleibt signifikant, wenn weitere Variablen zur Kontrolle herangezogen werden (siehe Tabelle). Neben dem Hören von Gangsta-Rap sind auch einige weitere Kontrollvariablen signifikant. Männlich zu sein hat mit -,352 den stärksten Effekt in diesem Modell und ist damit noch größer als der Effekt des Gangsta-Rap-Hörens. Außerdem sind Befragte, die einen gymnasialen Bildungsweg haben, im Schnitt weniger frauenfeindlich eingestellt. Die Merkmale Wohnortsgröße und Familienwohlstand sind erneut nicht signifikant. Wird Model 2b betrachtet, bei dem auch die Kontrollvariablen berücksichtigt werden, erklärt das Modell 14,4 Prozent der Variation in der unabhängigen Variable.

Auch hier muss wieder berücksichtigt werden, dass die Ergebnisse zwar einen direkten Zusammenhang zwischen dem Hören von Gangsta-Rap und chauvinistischen Einstellungen zeigen, aber die Art des kausalen Zusammenhangs nicht erklärt werden kann.

Tabelle: Lineare Regressionsmodelle "Chauvinistische Einstellungen"

Auch der Zusammen Zusammenhang zwischen dem Hören von Gangsta-Rap und ausländerfeindlichen bzw. rassistischen Einstellungen wurde untersucht. Die einzelnen Statements, die das Konzept Rassismus/ Xenophobie messen, weisen eine hohe interne Konsistenz auf (Cronbachs Alpha = 0,916). Eine Regressionsanalyse ergab jedoch, dass es basierend auf den erhobenen Daten keinerlei Zusammenhang zwischen dem Konsum von Gangsta-Rap und rassistischen Einstellungen gibt. Diese Ergebnisse bleiben auch bestehen, wenn die Antworten zu islamfeindlichen Aussagen aus der Analyse ausgeschlossen werden.

Trotz der messbaren Bedeutung des Bildungsgrades und des familiären Wohlstands ist der artikulierte Antisemitismus nicht nur das Problem einer isolierbaren, prekarisierten Gruppe unter den Jugendlichen. Die Wahrscheinlichkeit für antisemitische Haltungen bleibt in allen gesellschaftlichen Gruppen hoch. Zwar konnten Anspielungen auf antisemitische und/oder israelfeindliche Verschwörungserzählungen in den präsentierten Musikvideos und Liedern selten dechiffriert werden, allerdings wird gesellschaftskritischen Aussagen von Gangsta-Rapper*innen ein hohes Maß an Authentizität und Plausibilität zugeschrieben. Zudem zeigt sich, dass die Befragten manichäische Gesellschaftsvorstellungen vertreten. Jene Weltdeutungsmuster, welche die soziale Umwelt entlang dichotomer Kategorien (wie etwa gut/böse, oben/unten, Freund/Feind) einteilen, können als Scharnier zur Ressentimentbildung fungieren.

Literatur

  • Adorno, T. W. (1964). Bekämpfung des Antisemitismus heute. In: Das Argument, 6(29), 88-104.

  • Baier, Jakob (2019): Die Echo-Debatte: Antisemitismus im Rap. In Samuel Salzborn (Hrsg.): Antisemitismus seit 9/11. Ereignisse, Debatten, Kontroversen. Baden Baden: Nomos. 108 - 131.

  • Pfaff, Nicolle (2006): Jugendkultur und Politisierung. Eine multimethodische Studie zur Entwicklung politischer Orientierungen im Jugendalter. Wiesbaden: Springer VS.

  • Salzborn, S., Kurth, A. (2019). Antisemitismus in der Schule. Erkenntnisstand und Handlungsperspektiven. Wissenschaftliches Gutachten. Zugriff am 09.12.2020 unter https://tu-berlin.de/fileadmin/i65/Dokumente/Antisemitismus-Schule.pdf

  • Schneider H., Beusch H., Borsalino G., Gonska H.-H., Ostermiller J. (2020). Kriminalität, Recht und Justiz in den Texten des deutschsprachigen Gangster-Raps. Genre mit strafrechtlichem Gefährdungspotential? in: NK Neue Kriminalpolitik, Seite 57 – 74, NK, Jahrgang 32 (2020), Heft 1.

  • Seeliger, Martin (2021): Soziologie des Gangsta-Rap. Popkultur als Ausdruck sozialer Konflikte. Weinheim: Beltz.

  • Süß, Heidi (2021): Eine Szene im Wandel? Rap-Männlichkeiten zwischen Tradition und Transformation. Frankfurt am Main: Campus Verlag.

  • Uslucan, Haci-Halil (2012): Familiale Einflussfaktoren auf delinquentes Verhalten Jugendlicher. Aus Politik und Zeitgeschichte (APuZ), 49 – 50, S. 22 – 27.

Die folgenden Präventionsempfehlungen werden im weiteren Projektverlauf mit Akteuren der Zivilgesellschaft und dem Bildungssektor diskutiert und weiterentwickelt.

Antisemitismus wird von Diskriminierung und Vorurteilen häufig dadurch abgegrenzt, dass Antisemitismus eine Weltanschauung beinhaltet und dadurch stärker strukturiert und dauerhaft auftritt. Als dauerhafte Struktur sowohl als individuelles Dispositionssystem der Menschen als auch als Merkmal einer gesellschaftlichen Doxa oder, in einer anderen Theoriesprache, eines Dispositivs. Hinzu tritt die historische Dauer und relative Stabilität des Antisemitismus, die ihn sogar schon vor dem Christentum zu einem typischen Muster der Ausgrenzung, Verfolgung und Ermordung werden ließ. Nur wenige Minoritäten haben ein ähnliches ‚Verfolgungsmuster‘, das mit annährend langer Dauer stabil geblieben ist und dabei auch noch im Zeitalter des Faschismus im 20. Jahrhundert so exponiert werden konnte.

Es ist bemerkenswert, dass in Deutschland im Jahr 2020 Präventionsmaßnahmen gegen Antisemitismus gefordert werden müssen. Es muss darum initial gefragt werden, ob bisherige Maßnahmen vielleicht gar nicht zur Verhinderung beitragen konnten. Dienten bisherige Versuche der Prävention vielleicht sogar als Steigbügel für Antisemitismus, weil damit nahegelegt wird, dass antisemitische Ressentiments eine Grundlage haben? Vor über 50 Jahren wurde deswegen postuliert: „Es wird sozusagen gerade aus dem öffentlichen Tabu über den Antisemitismus ein Argument für den Antisemitismus gemacht, denn, wenn man nichts gegen die Juden sagen darf, dann läuft die assoziative Logik weiter in der Weise: daß an dem, was man gegen sie sagen könnte, auch schon etwas daran sei.“ (Adorno 1964, 94) Heute existiert zweifellos bereits ein neues Muster, das von Antisemiten verwendet wird. Dieses lebt von der Deutung, dass Juden selbst darüber wachen, wer wen als Antisemiten definieren darf. Sogar die Einrichtung von Antisemitismusbeauftragten in jedem deutschen Bundesland könnte in diesem Sinne für die einen als Beruhigung und für die anderen als Bestätigung jenes „Gerüchtes über die Juden“ (Adorno) gelten.

Es muss davon ausgegangen werden, dass sinnvolle Präventionsmaßnahmen auf mehreren Ebenen ansetzen und nicht nur Formen der Wissensvermittlung, sondern vor allem einen Zugang zu dem Innenleben der Menschen mit antisemitischen Ressentiments beinhalten müssen. Dass heute immer noch wenig Erfahrungen mit Prävention vorliegen (überraschenderweise nicht einmal in internationaler Hinsicht), ist dafür ein beunruhigendes Zeichen. Reflektierte Praxis wird überlagert von Ad-hoc-Maßnahmen. Die meisten theoretischen Modelle zur Erklärung von Antisemitismus sind alt. Zudem legen sie einen Wirkmechanismus nahe, nach dem Ansätze der Bildungsarbeit wahrscheinlich kaum Effekte auf die Verringerung von antisemitischen Tendenzen haben werden.

Für die weitere Diskussion ist leitend, dass konkrete Handlungsmaßnahmen in den Blick genommen werden müssen. Gleichzeitig muss es möglich werden, Koalitionen herzustellen und Bereiche der Prävention zu erschließen, die weit über die Aufgabe der Wissensvermittlung hinausgehen. In diesem Sinne sind die folgenden sechs Empfehlungen mit einem engen und einem weiteren Radius zu verstehen.

Empfehlung 1_Die Sensibilität gegenüber Interpreten, Inhalten und Selbstpräsentationen im Gangsta-Rap muss erhöht werden

Warum ist das wichtig? Die Offenheit gegenüber antisemitischen Ressentiments trennt einige Interpreten von ihren Hörer*innen. Dies hat auch etwas damit zu tun, dass sich das musikalische Milieu in einer besonderen Situation befindet. Gerade Kontextfaktoren, in die viele Musiker eingebettet sind, befördern Strukturen der Ausgrenzung, Radikalisierung, Misogynie und des Antisemitismus. Hier spielt der oft so bezeichnete „Rücken“ eine besondere Rolle, weil in Schutz- und Clanstrukturen im Hintergrund der Rapper*innen antisemitische Ressentiments deutlich intensiver artikuliert werden und dort als Vergesellschaftungsmedium dienen. Hier lässt sich von einer Schwelle sprechen, die temporär noch als Schutz dient, weil in der musikalischen Szene selbst mehr antisemitische Ressentiments existieren als von den meisten Hörer*innen wahrgenommen wird. Über die Halbwertszeit einer solchen Schutzschwelle lässt sich aber wenig sagen, wenn immer mehr Akzeptanz antisemitischer Inhalte deren Osmose in das Feld der kulturellen Produktion zulässt.

Was ist zu tun? Die Musikindustrie in Form der Musikerveranstalter, der Promoter und Labels, auch die Radiosender und Streamingdienste müssen in die Diskussion einbezogen und für die menschenfeindlichen Inhalte der Künstler sensibilisiert und für deren Verbreitung verantwortlich gemacht werden. Vor allem, wenn es sich um strafrechtsrelevante Inhalte handelt (vgl. Schneider et al. 2020). Hier geht es sowohl darum ein Bewusstsein für die Problematik zu schaffen, die allzu lange mit dem Hinweis beiseitegeschoben wurde, dass es sich beim Rap um eine Kunstform handelt. Zudem geht es darum, die Konsequenzen für Image und Umsatz aufzuzeigen, die drohen können. Denn es handelt sich um eine Industrie, die sich bis heute weigert, das absolute Minimum dafür zu tun, um die Dissemination menschenfeindlicher Inhalte zu begrenzen. Der politische Druck kann nicht gegen die Künstler aufgebaut werden, die eine Auseinandersetzung mit ihren Kritiker*innen nur gewinnen können. Vielmehr gilt es politischen Druck auf jenes Umfeld aufzubauen, dass an der Produktion, Vermarktung und Vertrieb verdient.

Empfehlung 2_Präventionsmaßnahmen müssen für unterschiedliche Settings und unterschiedliche Zielgruppen erarbeitet werden

Warum ist das wichtig? Albert Scherr und Barbara Schäuble (2006) haben früh darauf hingewiesen, dass eine Vereinheitlichung unterschiedlicher Phänomene des Antisemitismus schon unter Jugendlichen in die Irre führt. Sie sprechen bewusst von unterscheidbaren Antisemitismen und meinen damit die Auffächerung der Ausdrucksformen von Antisemitismus, differente Muster der Aggression und Gewalt sowie unterschiedliche Ätiologien und Möglichkeiten der Intervention. Diese Unterschiede machen Praxisperspektiven vielfältig. Sie betreffen unterschiedliche Altersgruppen, kulturelle und ethnische Hintergründe, wissenden und unwissenden Antisemitismus. Scherr und Schäuble differenzieren beispielsweise „Antisemitismus als Ideologie“ (als explizites und mit dem Anspruch auf innere Konsistenz verbundenes Gedankengebäude), die „Verwendung einzelner antisemitischer Topoi und Stereotype“ (antisemitische Fragmente), „antisemitisch bewertbare Aussagen, die auf verbreitete Stereotype rekurrieren oder jugendkulturelle bzw. subkulturelle Rhetoriken, in denen antisemitische Aussagen nicht oder nicht primär eine Haltung gegenüber Juden zum Ausdruck bringen“ sowie einen Antisemitismus „im Sinne einer Kenntnis tradierter Stereotype und Vorurteile“, die „durch familiale Tradierungen, schulischen Unterricht über Judentum und Antisemitismus sowie mediale Darstellungen erworben“ werden (Scherr/Schäuble 2006, 12f.).

Was ist zu tun? Aussagen über die richtige, also nachhaltig wirkungsvolle Prävention von Antisemitismus, lassen sich bis heute nur begrenzt machen. Es gibt kaum vergleichbare Forschung zu den Wirkungen von Bildungsprogrammen. Hinzu kommt, dass die Prävention von Antisemitismus sowohl am Wissen als auch den Emotionen der Teilnehmenden ansetzen muss. Auch wenn dies 75 Jahren nach Ende des Zweiten Weltkrieges trivial erscheinen mag, ist das Ziel eine Vernetzung von Expert*innen im Feld der freien Jugendarbeit, der schulischen Arbeit, der Kultusministerien, Gedenkstätten, jüdischer, muslimischer und christlicher Verbände und weiterer Stakeholder im Feld. Bildungsmaterialien müssen für unterschiedliche Zielgruppen, für in unterschiedlicher Hinsicht diverse Zielgruppen und für differente Kontexte erarbeitet werden. Teamer*innen, Lehrer*innen und Sozialarbeiter*innen müssen für die Thematik sensibilisiert und Wissen- und Sozialkompetenzen müssen geschult werden, die einen qualifizierten Umgang mit Antisemitismus ermöglichen. Dazu gehört auch die Reflexion der eigenen Rolle und die Ausbildung einer Haltung zum Antisemitismus, die diesen nicht als das Problem der Juden und Jüdinnen zu begreifen, sondern als gesellschaftliche Problem dessen Adressierung primär der nicht-jüdischen Mehrheitsgesellschaft obliegt.

Empfehlung 3_ Wirkungen müssen beobachtet, die Jugendlichen und ihre Peergroups müssen einbezogen werden

Warum ist das wichtig? Der Psychologe und Migrationsforscher Haci Halil Uslucan macht darauf aufmerksam, dass Präventions- und Interventionsmaßnahmen nicht immer die gewünschten Wirkungen zeigen (2012, 16f.). Uslucan macht das an Programmen deutlich, die gewalttätige Jugendliche adressieren. Es ist, so Uslucan, „vorab zu klären, ob diese von ihrer Intention lobenswerten Maßnahmen auch immer die erwünschten Effekte zeitigen. Denn in bestimmten Konstellationen können Interventionen sogar Gewalt steigern. Insbesondere bei sogenannten high-risk youths, Jugendliche mit einem hohen Gefährdungspotenzial, können Gruppentrainingsmaßnahmen eher kontraproduktive Effekte entfalten, wenn diese Jugendlichen in einem postpubertären Alter sind. Zurückgeführt wird dieser Effekt auf negative Verstärker, die von der Peergroup ausgehen: Der Einfluss Gleichaltriger war dabei etwa neun Mal stärker als beispielsweise der von Erwachsenen.“ Was Uslucan hier für die Gewaltprävention aufzeigt, ist in der Forschung zu den erwünschten und unerwünschten Wirkungen von Praxisinterventionen ein bekanntes Phänomen.

Was ist zu tun? Bildungsprogramme zur Auseinandersetzung sind häufig theorielastig, zielen auf historisches Lernen und auf die Vermittlung von Kenntnissen über Antisemitismus. Damit sind sie zugleich auf eine bildungsaffine Zielgruppe zugeschnitten. Es wäre zu prüfen, ob die Entwicklung partizipativer Programme, die nicht für Jugendliche sondern mit Jugendlichen zusammen entwickelt werden, neue Wege in der Prävention von Antisemitismus schaffen kann. Solche Programme könnten dann auch vergleichbaren Zielgruppen einen niedrigschwelligen Einstieg in ein Thema erlauben, das von vielen jugendlichen Lebenswelten in der Form, in der es öffentlich diskutiert wird, weit entfernt ist. Ziel solcher Programme müsste es sein die etablierten Bilder von Juden, Judentum und Israel in einer für Jugendliche verständlichen Form und in von diesen benutzten Medien zu irritieren. Der Vorstellung, dass es sich bei Antisemitismus um eine Art kritisches Geheim- und Spezialwissen handelt, kann auf diesem Weg entgegengearbeitet werden.

Empfehlung 4_Verschwörungsideologien müssen historisiert und widerlegt werden

Warum ist das wichtig? Es existiert eine Art Verknüpfung zwischen dem sekundären und einem israelbezogenen Antisemitismus (Bernstein 2021), die nicht nur in populistischen und rechtsextremen Kreisen vorgenommen wird. Viele politische Gruppen (auch im linken politischen Spektrum) nehmen sich als gesellschaftliche Minorität und tabubrechend wahr. Hier geht es nicht um willentliche Koalitionen zwischen linkem und rechtem Antisemitismus, sondern über ideologische Schnittmenge die der politischen Selbstverortung der Akteure oftmals entgegenstehen. Gerade dadurch aber, dass es eher unbemerkte und unvorsichtige Parallelen sind, ist diese Weiterentwicklung eines relativ banalen Musters der Relativierung besonders problematisch. Die Vermischung von Anti-Amerikanismus, Anti-Imperialismus und Anti-Zionismus ist eine gebräuchliche Headline im Denken vieler Menschen geworden, die dadurch eine Art rebellischen, widerständigen Gestus dokumentieren, der jetzt in den Milieus der technischen Bildung auftaucht und längst nicht mehr in den abgedrängten und prekarisierten Gruppen allein.

Was ist zu tun? Die Aufklärung über den Nationalsozialismus und den Holocaust hat sich als nicht ausreichend erwiesen, um den Antisemitismus erfolgreich zurückzudrängen. Eine Verurteilung der historischen Verbrechen gegen Jüdinnen und Juden kann zusammen mit antisemitischen Haltungen und Überzeugungen bestehen. Einer der Gründe hierfür ist, dass insbesondere der Schuldabwehr- und israelbezogene Antisemitismus in Diskurse eingebunden sind, die sie nicht als Ressentiment, sondern geradezu als moralische und als rebellische, gegen mächtige Institutionen gerichtete Haltungen verstehen. Sie sind zugleich an diverse weltanschauliche und religiöse Kontexte anschlussfähig ist und äußern sich in den letzten Jahren verstärkt im Kontext von Verschwörungstheorien. Im Bereich Schule muss auf diese ständige Aktualisierung des Antisemitismus reagiert werden, indem nicht nur normativ gegen Antisemitismus argumentiert, sondern reflexiv über den Antisemitismus aufgeklärt wird. Es bedarf der Vermittlung von kognitiven Wissensinhalten, die junge Menschen dazu befähigen Antisemitismus auch dort als solchen zu erkennen und begründet zurückzuweisen, wo er sich als moralische Haltung und in codierten und subtilen Formen auftritt.

Empfehlung 5_Antisemitismusprävention muss Teil der Lehrer*innenausbildung werden

Warum ist das wichtig? Fachwissenschaftliche Kenntnisse und didaktische Expertise sind zentrale Grundpfeiler eines erfolgreichen Schulunterrichts. Insofern sollten Maßnahmen, die auf die Etablierung präventiver Strukturen im schulischen Bereich abzielen, die Lehrer*innenausbildung in den Blick nehmen. Gerade auch mit Blick auf die Antisemitismusprävention müssen Lehrer*innen bereits im Studium grundlegende Erkenntnisse aus dem Bereich der Antisemitismusforschung erwerben.

Was ist zu tun? (A) Zu den grundlegenden Erkenntnissen im Bereich der Antisemitismusprävention gehört Grundwissen über die historischen Entstehungskontexte der unterschiedlichen Erscheinungsformen des Antisemitismus und ihrer politischen Bedeutung in unterschiedlichen zeithistorischen Phasen gesellschaftlicher Wandlungsprozesse.

(B) Zum anderen müssen angehende Lehrkräfte Kenntnisse über die sozialpsychologische Wirkungsweise antisemitischer und verschwörungsideologischer Welterklärungsmuster erhalten. Dies bedeutet, dass sie über ein grundlegendes Wissen über das antisemitische Ressentiment als affektive, projektive und emotional gebundene Feindbildkonstruktion verfügen. Jene Kenntnisse über die psycho-soziale Bedürfnisstruktur, die dem antisemitischen Denken und Handeln zugrunde liegt, ist der Ausgangspunkt für die Entwicklung weiterer notwendiger, schulspezifischer Wissensbestände zum Phänomen Antisemitismus unter Jugendlichen: Sie ermöglichen ein tieferes Verständnis bezüglich der Attraktivität des Antisemitismus für Kinder und Jugendliche in bestimmten Phasen ihrer Sozialisation und unter bestimmten sozio-ökonomischen Bedingungen (dazu zählt auch die persönliche und familiäre Lebenssituation). Die Ergebnisse der Untersuchung legen außerdem nahe, dass der universitäre Wissenserwerb für den Syndromcharakter des Antisemitismus sensibilisieren sollte und insbesondere das Verhältnis – oder genauer: die Korrelation – von antisemitischen und antifeministischen Vorstellungen miteinbeziehen sollte.

(C) Neben dem politisch-historischen Wissen und sozialpsychologischen Kenntnissen über den Antisemitismus und Konstruktionselemente von Verschwörungsideologien, müssen angehende Lehrer*innen mit einem entsprechenden didaktischen Instrumentarium ausgestattet werden. Dieses muss ihnen ermöglichen, Antisemitismus sowohl fachspezifisch als auch fächerübergreifend präventiv zu begegnen. Zum anderen muss es Methoden und Strategien anbieten, wie mit antisemitischen Vorfällen im Kontext Schule verfahren werden sollte. Dabei müsste offengelegt werden, welche Chancen die Schule als sozialer Interaktionsraum bietet und welche externen Ressourcen und Expertisen in bestimmten Fällen herangezogen werden können.

Angesichts einer äußerst geringen Zahl von Lehrveranstaltungen, die grundlegendes Wissen über die hier benannten Dimensionen des Antisemitismus vermitteln (Salzborn/ Kurth 2019, 19ff.), sollte dies ein obligatorischer Bestandteil des erziehungswissenschaftlichen Kernstudiums in der universitären Ausbildung von angehenden Lehrkräften werden.

Empfehlung 6_Die Medienkompetenz von Jugendlichen muss weiter schulisch und außerschulisch gefördert werden

Warum ist das wichtig? Eine fehlende, kritische Einordnung von fragwürdigen Narrativen wird deutlich, wenn es um das Thema Medienkompetenz geht. Die Befragten der qualitativen Vorstudie erzählen häufig davon, Inhalte auf sozialen Medien wie Instagram zu konsumieren, deren Seriosität dann nicht kritisch hinterfragt wird. Ein auffälliges Ergebnis der Untersuchung ist, dass sympathisch wirkende Rapper als seriöse Vermittler von Informationen betrachtet werden. Ihnen wird zugeschrieben, dass sie uneigennützig auf Missstände in der Welt aufmerksam machen, sensibilisieren sowie ungehörte und alternative Positionen im Diskurs sichtbar machen. Auch wenn ältere Befragte eher in der Lage sind, mit Informationen und ihren Quellen kritisch umzugehen, so zeigt sich insgesamt ein Mangel an Medienkompetenz. Hinzu kommt dabei, dass die Jugendlichen rund um die Uhr mit verschiedenen Inhalten über diverse Kanäle konfrontiert sind, die kurzweilig Interesse auf sich ziehen sollen, weswegen sich die Jugendlichen selten tiefgründig mit Themen auseinandersetzen wollen.

Was ist zu tun? Die Förderung von Medienkompetenz und insbesondere die Kompetenz im Umgang mit sozialen Medien muss sowohl im schulischen als auch im außerschulischen Bereich gefördert werden. Dies erfordert die Entwicklung von Unterrichtsmodulen die es jungen Menschen erlauben einen reflexive Position zu sozialen Medien und deren Nutzung, Gefahren und Möglichkeiten zu benennen, sowie die technische und soziale Funktionsweise und damit auch die Dynamiken dieser Medien in Grundzüge verstehen zu lernen. Insbesondere wäre hierbei notwendig die Informationskompetenz zu stärken um junge Menschen zu befähigen Informationen auf ihren Wahrheitsgehalt zu prüfen, Hassrede und Fake News zu identifizieren und Möglichkeiten der Zurückweisung solcher Inhalte kennenzulernen. Dies erfordert die Fortbildung des Lehrpersonals, das dazu befähigt werden muss sich erst einmal selbst sicher in sozialen Medien zu bewegen zu können, um dann glaubwürdig diese Inhalte im Unterricht vermitteln zu können. Da sich die Förderung der Medienkompetenz als wesentlicher Aspekt einer effektiven, präventiven Auseinandersetzung mit Antisemitismus identifizieren lässt, wird die Durchführung einer Untersuchung in NRW empfohlen, um die Diskussion der Förderung der Medienkompetenz der Lehrer*innen und Schüler*innen auf empirischer Grundlage  führen zu können. Die Untersuchung sollte erheben, wie das Lehrpersonal und die Schüler*innen auf das Thema Medienkompetenz vorbereitet sind, welche Bedarfe sie diesbezüglich haben und welche Ressourcen hierfür aktuell vorhanden sind.


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