Das Ehemaligen-Netzwerk

Ich bin Professor an der Universität Siegen, leite dort die Arbeitsgruppe für Digital Public Health am Seminar für Sozialwissenschaften der Philosophischen Fakultät und bin verantwortlich für unsere konsekutiven Studiengänge in Digital Public Health.
Geweckt wurde meine Begeisterung für Public Health während meiner Abiturzeit am Oberstufen-Kolleg an der Universität Bielefeld. Neben der Sozialgeographie waren die Gesundheitswissenschaften mein Schwerpunkt in der Oberstufe. Hintergrund des Oberstufen-Kollegs war die Verbindung von schulischer und universitärer Bildung und die Erleichterung des Übergangs zum Studium. Damals waren wir als Schüler*innen fortlaufend in den Pausen an der Universität, haben die Atmosphäre erlebt, den Trubel, wenn die Studierenden in der großen Halle aus den Hörsälen strömen. Das war etwas ganz Besonders für mich. Wir haben uns sehr erwachsen gefühlt. Die Fakultät für Gesundheitswissenschaften hatte kurz, bevor ich mein Abitur abschloss, den Bachelorstudiengang Health Communication eingeführt. Durch meinen Abschluss am Oberstufen-Kollege konnte ich direkt in das zweite Semester einsteigen – was natürlich ebenso ein Anreiz für mich war. In meinem Studium habe ich mich für Themen sozialer Ungleichheit begeistert. Meine Bachelorarbeit habe ich zu den Auswirkungen der Ökonomisierung in Krankenhäusern geschrieben und mir war klar, dass ich es dabei nicht belassen kann. Ich kann es nicht anders beschreiben, aber es war für mich ein Gefühl von „nicht fertig“ zu sein mit der akademischen Ausbildung. Der Masterstudiengang Public Health in Bielefeld war für mich der einzig logische nächste Schritt und ich bin froh, dass ich ihn gemacht habe. Auch die Themen, die mich bis dahin umtrieben, ließen mich nicht los, und ich fokussierte mich während meiner Masterarbeit auf die Zusammenhänge von Umweltbedingungen, sozialer und gesundheitlicher Ungleichheit im internationalen Vergleich. Um so glücklicher war ich, dass ich damals die Chance hatte, zu diesem Thema in der damaligen Arbeitsgruppe „Umwelt und Gesundheit“ von Claudia Hornberg als wissenschaftlicher Mitarbeiter anzufangen. Nachdem wir das Projekt für das Umweltbundesamt abgeschlossen hatten, gab es ein kleines Folgeprojekt über drei Monate, dessen Konsequenzen – nämlich wie sehr es mein akademisches Leben bis heute bestimmen wird – ich damals nur schwerlich absehen konnte. Es ging um die Anfertigung einer Kurzexpertise zur Akzeptanz der Telemedizin. Das Thema, zu dem ich fünf Jahre später promoviert habe und was heute noch einen bedeutenden Teil der Arbeit meines Lehrstuhls ausmacht. Während meiner Promotionszeit war ich neben der Arbeit als wissenschaftlicher Mitarbeiter auch als Dekanatsreferent für den damaligen Dekan Oliver Razum tätig. Eine Zeit, die für mich bis heute enorm wichtig war für das Verständnis der (Verwaltungs-)Strukturen der Universität und der Selbstverwaltung von Fakultäten. Heute als Prüfungsausschussvorsitzender für unsere Studiengänge im Bereich Digital Public Health benutze ich immer noch die Vorlage, die ich damals für die Einladungen zur Fakultätskonferenz erstellte. Ein Jahr nachdem ich meine Promotion abschloss, begannen im Sommer 2016 die ersten Gespräche zur Gründung des Centre for ePublic Health Research (CePHR) an der Fakultät für Gesundheitswissenschaften in Bielefeld. Damit verbunden war eine auf sechs Jahre befristete Juniorprofessur, auf die ich mich beworben hatte und in dessen Berufungsverfahren ich mich durchsetzen konnte. Drei Jahre leitete ich auf dieser Stelle das CePHR und es war eine prägende Erfahrung, eigenständig Forschung und Lehre mit einem fanatischen Team an meiner Seite zu gestalten. Ein halbes Jahr vor meiner Zwischenevaluation schrieb die Universität Siegen im Rahmen des Aufbaus einer neuen Fakultät und entsprechender Studiengänge eine Universitätsprofessur für Digital Public Health aus. Hier bin ich heute – glücklich über die Eindrücke, Erfahrungen und Freund*innen, die mich an der Universität Bielefeld begleitet haben und dorthin gebracht haben, wo ich heute bin.
Die größte Herausforderung war für mich sicherlich, Klarheit darüber zu bekommen, was ich im beruflichen Leben erreichen möchte, das Gefühl zu überwinden, nicht bereit dafür zu sein, zu wachsen und Selbstbewusstsein aufzubauen. Rückblickend merke ich, wie wichtig, neben Freund*innen und Familie, die strukturellen Bedingungen sind, in denen Lernen und akademisches Arbeiten stattfinden. Hierauf lege ich heute, wo ich diese Bedingungen mitgestalten kann, großen Wert, und erinnere mich an meine positiven Erfahrungen.
Neben meinem Schwerpunkt der Gesundheitswissenschaften als Leistungskurs in der Oberstufe, der starken Verknüpfung meiner Zeit als Abiturient zur Universität Bielefeld und meinem ungebrochenes Interesse an der Tatsache, dass es auch noch etwas neben der Deutungshoheit der Medizin geben muss, war es im Grunde eine Person, Klaus Hurrelmann, der damals Dekan war. Als die Frage für mich im Raum stand, mich zu bewerben, suchte ich Beratung und rief im Dekanatssekretariat an. Wenige Sekunden später wurde ich zu Klaus Hurrelmann durchgestellt, der mir innerhalb von 20 Minuten die Vorzüge eines Studiums der Gesundheitskommunikation in Bielefeld in einer flammenden Rede erläuterte – er sollte Recht behalten, wie sich rausstellte.
Das Fachliche ist sicherlich das eine. Vielmehr aber hat das Studium meine Selbstständigkeit, gedankliche Unabhängigkeit, das Erlernen von Kooperation, meine Selbstdisziplin und intellektuelle Reife gefördert. Es war eine Phase des persönlichen Wachstums, das weit über das Studium hinaus ging. Ebenso haben sich Netzwerke gebildet, die bis heute bestehen. Einige meiner damaligen Kommiliton*innen sind ebenso in die Wissenschaft gegangen und arbeiten an renommierten Universitäten in Deutschland. Sie bilden die Public-Health-Professionals von morgen aus, die hoffentlich einmal genauso positiv auf ihr Studium zurückblicken.
Es gibt auch andere Städte, in denen leidenschaftlicher Fußball gespielt wird. Ich bereue rückblickend ein wenig, dass ich es nie gewagt habe, die Möglichkeiten eines Auslandssemesters zu nutzen. Meine Mutter ist Schwedin und kommt gebürtig aus Malmö. Die Fakultät hatte damals mit der Malmö University eine ERASMUS-Partnerschaft. Es wäre neben meiner fachlich-akademischen Entwicklung und neuen Netzwerken eine gute Gelegenheit gewesen, die Stadt, in der meine Mutter aufgewachsen ist, und die Menschen, die dort leben, besser kennenzulernen.