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! Kritisches Denken als Voraussetzung für kritisches Denken ?

Prof. Dr. Ulrich Bartosch

Portrait Prof. Dr. Ulrich Bartosch
Bildnachweis: HRK/David Ausserhofer

Kritisches Denken scheint eine neue Konjunktur zu erleben. Als Voraussetzung für den erfolgreichen Umgang mit KI fordert z.B. der Wissenschaftsrat „Intellektuelle Souveränität“:

„Für die Hochschulbildung bedeutet die Einführung generativer KI mehr als nur technische und instrumentell-prozedurale Anpassungen, sie berührt den Kern akademischen Denkens und erfordert eine grundsätzliche Positionierung.“
(PM WR, 6.7.26)

Laut WR müssen wir uns die Fähigkeit zu selbstbestimmtem, also souveränem Handeln und Denken bewahren. Die Generierung von Wissen durch Lernen und Forschen muss mit der Fähigkeit zu eigenem Urteil und autonomem Entscheiden verbunden bleiben.

„Ganz wesentlich ist intellektuelle Souveränität dabei auch als Haltung zu verstehen, die nicht nur im Sinne einer humanen Hochschulbildung die Verpflichtung auf das wissenschaftliche Ideal der Korrektheit und Fehlerfreiheit sowie auf demokratische Werte und gesellschaftliche Verantwortung impliziert, sondern auch auf dem Widerstand gegen bzw. mindestens dem Hinterfragen von bequemer Vereinfachung gründet.“
(WR Kurzfassung S.4)

Ein bemerkenswertes Widerstandsrecht wird hier aufgerufen. Intellektuelle Souveränität, heißt das wohl, führt nicht zu bequemer Anpassung, sondern kann geradezu zum Widerspruch verpflichten. Die Hochschulen sind demnach aufgerufen, jene „Haltung“ zu vermitteln und zu stärken. Diese vornehme Aufgabe wird zur Pflicht, wenn echte Gefahr im Verzug ist. Sie wird von prominenten Zeitgenossen mit hoher Expertise angezeigt. Nehmen wir Bill Gates als Beispiel für die Mahner:

„Auch die Auswirkungen Künstlicher Intelligenz auf die Bildung bereiten mir Sorgen. Ironischerweise kann dasselbe Werkzeug, das Menschen mehr lernen lässt als je zuvor, dazu führen, dass viele Menschen weniger lernen. Eine vorläufige Untersuchung deutete darauf hin, dass eine intensivere KI-Nutzung mit schwächerem kritischem Denken verbunden war. Unter jüngeren Menschen war dieser Zusammenhang stärker. Es wäre der denkbar schlechteste Zeitpunkt, um unsere Fähigkeit zum kritischen Denken einzubüßen. In einer Zeit von Deepfakes und Desinformation, die sich individuell auf jeden Einzelnen zuschneiden lässt, wird die Fähigkeit, Wahres von Falschem zu unterscheiden, zu einer unverzichtbaren Lebenskompetenz.“
(Bill Gates, FAZ 2.9.26)

Offensichtlich scheint es zumindest sehr fragwürdig, dass wir durch den ungebremsten Einsatz von KI die Fähigkeit bewahren und ausbauen können, souverän über den Einsatz von KI und dessen Folgen zu bestimmen. Vielmehr wird eine Befähigung reklamiert, die vor der Nutzung von KI vorhanden sein muss, damit wir durch sie zur souveränen Nutzung befähigt sind.
Unsere kritische Urteilskraft ist somit die Voraussetzung für die weitere Entwicklung unserer kritischen Urteilskraft. „Beißt sich die Katze in den Schwanz?“ Das entscheiden wir. Es ist unsere Aufgabe, die Wissensgenerierung mit Nutzung der KI durch unsere Standards wissenschaftlicher Wissensgenerierung einzurahmen und einzuhegen. Die Fähigkeit zum kritischen Denken ist Voraussetzung und Ziel des wissenschaftlichen Studiums. Sie berührt den eingangs erwähnten „Kern akademischen Denkens“.
In diesem Sinne müssen wir Kompetenzen für ein erfolgreiches Studium fordern, nutzen und fördern. Eine altbekannte Aufgabe, von neuer, drängender Aktualität.
Dazu soll der Impulsvortrag Anregungen geben.

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