AG 10 - Migrationspädagogik und Rassismuskritik

Mit der Late Summer School „Methodologie rassismuskritischer Forschung“, die 2022 erstmalig von der AG 10 Migrationspädagogik und Rassismuskritik an der Universität Bielefeld durchgeführt wurde und nunmehr regelmäßig an einem der ersten Wochenenden im Dezember stattfindet, wird ein Rahmen geschaffen, in dem entlang der Auseinandersetzung mit eigenen empirischen Studien methodische und methodologische Fragen der Rassismusforschung bzw. der rassismuskritischen Forschung in einer eher sondierenden und dialogischen Form möglich ist. Unterschiedliche Elemente kennzeichnen die Late Summer School: Arbeit in Interpretationswerkstätten an empirischem Material aus der Rassismusforschung, Impulse von externen Referent:innen und selbstorganisierte Arbeit. Um uns diesen Fragen anzunähern und einen Raum zu schaffen, in welchem auf mehreren Ebenen (etwa: Praktiken der Herabwürdigung kapitalismus-, rassismus- oder patriarchatskritischer Ansätze oder Risiken in und durch Forschung für (etwa rassistisch diskreditierbare) Forscher:innen) über die Involviertheit rassismuskritischer Forschung in gesellschaftspolitische Verhältnisse gesprochen werden kann, werden Fragen, Ergebnisse und Erfahrungen aus laufenden und abgeschlossenen Forschungsprojekten thematisiert.
Die Faschisierung der Gegenwart besteht nicht allein in offen autoritären Praktiken, sondern entfaltet sich molekular in den alltäglichen Normalisierungen verschiedener Gewaltformen, die Ausschluss, Ungleichwertigkeit und Entsolidarisierung hervorbringen und durch die sich auch die Voraussetzungen wissenschaftlicher Praxis und epistemischer Ordnungen verändern. Die Gegenwart – nicht nur in Europa und den USA – ist mittlerweile drastisch gekennzeichnet von der Normalisierung rechter Positionen. Das zeigt sich beispielsweise darin, dass als Ursache komplexer Problemlagen vereinfachend Migrant*innen und Asylsuchende angegeben werden und zunehmend offene rassistische Artikulationen möglich geworden sind bzw. gemacht wurden. Vielleicht aber ist der Ausdruck „Normalisierung rechter Positionen“ irreführend und auch unklar und die Diagnose der „Faschisierung gesellschaftlicher Verhältnisse“ zutreffender und auch klarer. Diese Faschisierung geht einher mit einer beispielsweise zu beobachtenden Verabsolutierung des Vorrangs einer partikularen sozialen Einheit („Volk“), einer enthemmten Kapitalakkumulation jenseits des grün-kapitalistischen Projektes, der Verunglimpfung und Bekämpfung deliberativer Instanzen (wie Wissenschaft, Justiz, Presse, Gewaltenteilung), einem Kult der Macht, mit Ideologien des Gesunden und Leistungsfähigen.
Vor diesem Hintergrund stellen sich Fragen wie: Was wird mit dem analytischen Konzept der Faschisierung sichtbar und was möglicherweise verdeckt? Wie verändern sich Rassismen in den gegenwärtigen gesellschaftlichen Verhältnissen und was heißt das für rassismuskritische Forschung?
Die Late Summer School eröffnet einen Raum, in dem entlang der interpretativen Arbeit an Material, methodologischen Reflexionen und Impulsen zu ausgesuchten Fragen die interpretative Praxis als Praxis emanzipatorischer Kritik reflektiert und auf ihr Potential und ihre Grenzen hin befragt wird.
Unterschiedliche Elemente und Formate kennzeichnen die LSS. Neben der gemeinsamen Arbeit an empirischem Material aus laufenden (Dissertations-)Projekten sind Impulse externer Referent:innen sowie selbstorganisierte Arbeitsphasen vorgesehen. Ziel ist es, einen Diskussions- und Reflexionsraum zu eröffnen, in dem der wissenschaftliche und erkenntnisbezogene Anspruch rassismuskritischer Forschung mit Bezug auf gegenwärtige gesellschaftspolitische Entwicklungen zum Thema wird und die Möglichkeiten der epistemischen Praxis rassismuskritischer Forschung sowie ihre Grenzen ausgelotet werden. Dabei geht es auch um die Frage, wie sich emanzipatorische Kritik stärken lässt und was Interpretation als Kritik unter Bedingungen der Faschisierung der Gegenwart bedeuten kann.
04.-06. Dezember an der Universität Bielefeld
Wir haben es gesellschaftspolitisch betrachtet mit einer immer stärkeren Normalisierung rechter, rassistischer Positionen und Gewalt zu tun. Auch rassismuskritische Forschung ist zunehmend mit diesen Umständen konfrontiert bzw. in diese verstrickt. Dieses Verhältnis lässt sich mit Hilfe unterschiedlicher Fragen beleuchten: Mit welchen Herausforderungen für Forscher:innen gehen die politischen und dominanzkulturellen Entwicklungen einher? Welche Räume der Reflexion und Weiterentwicklung von Forschungspraxis sind bedeutsam und realisierbar? Diese und weitere Fragen stehen im Mittelpunkt der diesjährigen Late Summer School. Dabei wird ein Diskussions-, Sprech- und Sprachlosigkeitsraum eröffnet, in dem Erfahrungen geteilt und Perspektiven rassismuskritischer Forschung in Zeiten der Normalisierung rechter Positionen thematisiert, aber auch Sorgen, Befürchtungen und Hilflosigkeiten artikuliert werden können. Wir wollen den Blick darauf richten, was es heißt, unter Bedingungen der Normalisierung rechter, rassistischer Positionen zu Rassismus zu forschen und welche Verantwortung, Möglichkeiten und Ressourcen rassismuskritischer Forschung dabei zukommen.
Mit Beiträgen von Sina Arnold, Anika Taschke, Denis van de Wetering, Barış Ertuğrul, Saskia Müller, Jaël In ’t Veld, Vanessa Ohm, Magnus Frank, Anja Steinbach, Yasmina Gandouz-Touati, Shadi Kooroshy, Liesa Rühlmann und Juliane Karakayalı.
Podiumsdiskussion: Forschung in den spezifischen gesellschaftspolitischen Verhältnissen
Workshopangebot:
Forschung zu Rassismus unter Bedingungen von Rassismus: Eine Annäherung an Fragen der Forschungsethik und Forschungsreflexion (Jaël In ‘t Veld und Vanessa Ohm)
Im Rassismus zu Rassismus in der Schule ethnographisch forschen (Magnus Frank und Anja Steinbach)
Wissen über Rassismus - Vertrauen, Glaubwürdigkeit und Sicherheit in Interviewsettings (Yasmina Gandouz-Touati, Shadi Kooroshy und Liesa Rühlmann)

5. bis 7.12.2024 an der Fakultät für Erziehungswissenschaft der Universität Bielefeld
In diesem Jahr wird der inhaltliche Schwerpunkt auf das Thema Wissen und Verantwortung rassismuskritischer Forschung liegen. Unterschiedliche Dimensionen von Wissen und Verantwortung werden bei der Late Summer School 2024 in den Blick genommen. Wem und was gegenüber ist rassismuskritsiche Forschung verantwortlich? Worin besteht die ethische, worin die politische Verantwortung von Rassismuskritik? Schwächt diese Verantwortung die Aufgabe von Rassismuskritik, Erkenntnisse über die Wirkungsweisen rassistischer Unterscheidungsweisen zu generieren? Ist aktivistisch generiertes Wissen über die gesellschaftlichen Verhältnisse angemessener als wissenschaftliches Wissen? Angemessener wofür? Wie zeigt sich das Moment der ethischen und politischen Verantwortung auf der Ebene von Entdeckungs-, Begründungs- und Verwertungszusammenhang von Forschung? Gibt es so etwas wie die Verantwortung rassismuskritischer Forschung, Ergebnisse zu produzieren, die gesellschaftliche Veränderungsprozesse einleiten können? Wann führt der Anspruch, mit Forschung politische und gesellschaftliche Verantwortung zu übernehmen, zur Überfrachtung von Forschungsprojekten und Überforderung der Wissenschaftler:innen?

7. bis 9.12.2023 an der Fakultät für Erziehungswissenschaft der Universität Bielefeld
Der thematische Schwerpunkt der Late Summer School 2023 liegt darauf, die politische Dimension rassismuskritischer Forschung aus unterschiedlichen Perspektiven zu beleuchten und zu diskutieren. Zwei Facetten dieser politischen Dimension seien hier angesprochen: Rassismuskritische Forschung wird erstens positiv wie negativ beeinflusst von (Förder-)Praktiken der Akteur:innen der Politik, begibt sich deshalb vielleicht auch in bestimmte Abhängigkeiten und Distanzen. Rassismuskritische Forschung weist zweitens insofern eine konstitutive politische Dimension auf, als sie hegemoniale (Zugehörigkeits-)Ordnungen,die maßgeblich regulieren, wie Ressourcen materiell, rechtlich und symbolisch verteilt werden, kritisch zum Thema macht und dadurch zumindest implizit und indirekt für eine andere politische Ordnung eintritt, in der rassialisierende Schemata der Menschenunterscheidung weniger Macht zukommt.