

Ist es ein Grund zum Feiern, wenn man als Uni von sich behaupten kann, das älteste Online-Vorlesungsverzeichnis von Deutschland zu betreiben? Wir denken schon, denn das eKVV ist natürlich nur deshalb das älteste Vorlesungsverzeichnis, weil es einmal sehr modern und innovativ und seiner Zeit voraus war. Hat es diesen Geist behalten? Ist es immer noch agil, voller guter Ideen und vor allem: voller Veränderungsbereitschaft?
Wenn man auf die vergangenen 50 Semester zurückschaut dann kann man an den großen Meilensteinen ganz gut ablesen, was die wichtigen Herausforderungen in der Organisation von Studium und Lehre waren. Manche Themen haben alle Hochschulen betroffen, manche waren eher Bielefeld-spezifisch. Eines kann man dabei immer wieder sehen: dadurch dass wir unsere Technik selbst entwickeln, hatten wir als Hochschule immer wieder den Vorteil, dass wir selbst Entscheidungen treffen konnten, denen dann die Technik gefolgt ist (Beispiel Studienstrukturreform) und dass wir schnell Lösungen finden konnten, wenn Eile geboten war (die Herausforderungen der Corona-Pandemie oder der Aufbau einer Medizinischen Fakultät).

2001: Für die Koordination des Lehramtsstudiums war ein Werkzeug nötig, mit dem überprüft werden kann, ob die Lehrangebote dreier verschiedener Fakultäten zu einem studierbaren Lehramtsabschluss in Regelstudienzeit kombiniert werden können. Aus heutiger Sicht nahezu unbegreiflich - aber dafür gab es vor 25 Jahren noch keine einheitliche Datenbasis. Das eKVV sollte also zunächst genutzt werden, um Veranstaltungsdaten einzusammeln. Dafür starteten drei Fakultäten damit, zusätzlich zu den üblichen gedruckten Vorlesungsverzeichnissen ihre Veranstaltungen auch digital einzugeben und zu veröffentlichen: das eKVV als Vorlesungsverzeichnis war entstanden. Die Vorteile für die Fakultäten waren direkt sichtbar, so kamen in nur wenigen Semestern (fast) alle Fakultäten freiwillig dazu. Die gesammelten Veranstaltungen waren aktuell (die Druckwerke waren gewöhnlich schon nach der ersten Woche nicht mehr auf aktuellem Stand), auf einen Klick veröffentlicht und untereinander einsehbar - ein Riesenvorteil für Lehramtsstudiengänge und eine interdisziplinär arbeitende Universität.
2004: Mit der ersten Onlinebedarfserhebung wurden die Planungen der Fakultäten durch die Perspektive der Studierenden ergänzt. In einem Lehrangebot, das von interdisziplinären Kombinationen lebt, kann nicht jede Veranstaltungsnachfrage und Überschneidung vorhergesehen werden. Die geniale Idee hinter der Onlinebedarfserhebung: Wir nutzen die Planungsarbeit der Menschen, die die Fachleute für ihre eigene Studiengangskombination sind und lassen sie dem Großen Ganzen zukommen. So wurden die Stundenpläne der Studierenden zu einer wichtigen Ergänzung der Lehrplanung in den Fakultäten.
2005: Auch die zentrale Raumvergabe nutzt ab jetzt die Planungsmöglichkeiten der neuen großen Veranstaltungsdatensammlung. Für das WiSe 05/06 werden erstmals die Ergebnisse der Raumvergabe über das eKVV zurückgemeldet. Welche Veranstaltung hat einen Raum zur Wunschzeit bekommen und welche Veranstaltung muss noch einmal umziehen? Was wäre naheliegender, als diese Information direkt bei den für alle einsehbaren Veranstaltungsdaten unterzubringen?
In den neuen Bachelor- und Masterstudiengängen fallen mehr kleinere Einzelleistungen an, als zuvor in Diplom und Magister und das Lehramtsstudium in BA und MA bringt eigene Komplexität in die Verwaltung von Leistungen und das Erstellen von Abschlüssen. Die "Zettelwirtschaft" der Papierscheine, die in Prüfungsämtern manuell zu Abschlüssen zusammengesetzt werden, kommt an ihre Grenzen. Da die Uni Bielefeld sehr früh in den Bologna-Prozess gestartet ist und auf BA- und MA-Studiengänge umgestellt hat, gibt es noch keine Software zu kaufen, die diese Art der Prüfungsverwaltung unterstützt. Nach reiflicher Überlegung entscheidet man sich, ein eigenes neues Modul für die Prüfungsverwaltung zu entwickeln, das eng mit dem eKVV verknüpft wird.
2007: Mit der Studiengangsmodellierung lernen eKVV und BIS-Prüfungsverwaltung die innere Struktur von Studiengängen kennen. Welche Veranstaltungen und Leistungen gehören in ein Modul und wie lassen sich diese Module zu Abschlüssen zusammensetzen? Welche Leistungen können in welchen Veranstaltungen erbracht werden und wie können diese zu einem gültigen Modulabschluss kombiniert werden? Alle diese Fragen, die die BIS-Anwendungen heute fast von selbst beantworten, haben sie von der Abbildung der Studiengänge im System - der Studiengangsmodellierung - "gelernt. .
2009 erscheint das letzte gedruckte Vorlesungsverzeichnis. Das eKVV existiert ab jetzt nur noch online, die letzte Papierversion ist ein Fall für das Uni-Archiv. Und auch noch ein anderes Papier wird durch das eKVV ersetzt: Ab jetzt erhalten Studierenden ihre Informationen zur Rückmeldung für das kommende Semester personalisiert in ihrem persönlichen Bereich im eKVV. Durch die zu dieser Zeit noch existierenden Studiengebühren gibt es eine Vielzahl von unterschiedlichen Angaben, die für jede Student*in individuell festgelegt werden müssen. Die Rückmeldedaten werden dazu aus HIS SOS ins eKVV überführt und die Studierenden über eine neu erstellten BIS Mailverteiler informiert.
2010 beginnt die zweite Studienstrukturreform nach Einführung der Bachelor- und Masterstudiengänge. Angestoßen von neuen Vorgaben für die Lehrerbildung wirkt sie sich auf alle BA- und MA-Studiengänge aus. Viele der inhaltlichen Vorgaben der Studienstruktur stellen besondere Anforderungen an das eKVV, wie z.B. die Abbildung des individuellen Ergänzungsbereichs. Die Studiengangsmodellierung bildet die neue Struktur der Studiengänge bis auf die Ebene der Module ab, damit "kennt" das eKVV die Studiengänge noch besser. Die sichtbare Abbildung des Gelernten ist die nächste BIS-Anwendung, die Studieninformation. Auch diese Anwendung ist eng mit dem eKVV verknüpft, so dass wir heute "auf einen Klick" von einem Modulhandbuch in der Studieninformation zum dazu passenden Lehrangebot im eKVV wechseln können
2012: Lehrende melden die Leistungen der Studierenden ab jetzt über ein Webformular im eKVV, das auf der Teilnahmeliste beruht und den Lehrenden dabei hilft, die häufig unterschiedlichen Leistungsarten den passenden Studierenden (gemäß ihrer Einschreibung) zuzuweisen. Die Daten werden innerhalb des Systems an das passende Prüfungsamt in eine Inbox gesendet und landen dann, dank der Studiengangsmodellierung, im individuell passenden Modul.
2020 bringt die Corona-Pandemie das öffentliche Leben mehr oder weniger zum Stillstand und katapultiert die Präsenzuni ins Digitale. Das eKVV, das bis dahin Lehre auf dem Campus organisiert hat, erhält eine Vielzahl neuer Funktionen, die sich z.T. auch heute noch in den universitären Arbeitsalltag integrieren (wie die Online-Terminvereinbarung), von denen wir uns z.T. auch wieder verabschieden durften (wie die Registrierung per QR-Code in Lehrveranstaltungen, zwecks Nachverfolgung von Infektionen). Hier zeigte sich wieder einmal der Vorteil der Eigenentwicklung, die es uns als Universität ermöglichte, unsere Prozesse schnell umzustellen.
Zum Wintersemester 21/22 nimmt die neue Medizinische Fakultät ihren Lehrbetrieb im Modellstudiengang Medizin (Staatsprüfung) auf. Dem Start vorangegangen sind erhebliche Umbauarbeiten und Anpassungen im eKVV, die bis heute andauern. Es gibt einige Besonderheiten in der Lehrorganisation eines Medizin-Studienganges, die sich deutlich von den Prozessen in der Organisation von BA- und MA-Studiengängen, aber auch dem Staatsexamen Rechtswissenschaft unterscheiden. Einen großen Einfluss hat die Ärztliche Approbationsordnung, die die Ausbildung von Mediziner*innen in Deutschland regelt und die einen Rahmen setzt, der nicht zu umgehen ist. Zu nennen sind da z.B. die Abbildung von vermittelten Kompetenzen auf der Ebene einzelner Veranstaltungstermine, die Organisation von Unterricht am Krankenbett in sehr kleinen Gruppen, die Lehrplanung, die jedem einzelnen Studierenden einen individuellen Stundenplan zuweist und die Organisation von Prüfungen. All diese Anforderungen an einen Medizin-Studiengang sind auch Anforderungen an das eKVV, die sukzessive mit dem Aufwachsen der Fakultät umgesetzt werden müssen.
Im März 2022 bekommt das eKVV seine letzte große sichtbare Überarbeitung und sieht eines Morgens ganz anders aus als zuvor: es fügt sich jetzt in das Corporate-Design der Universität ein, erhält seinen "Regenbogen-Header", wechselt vom alten Grün in eine modernere Schwarz-Weiß-Optik und wird endlich responsiv: Ab jetzt lässt es sich auch an kleineren Bildschirmen wie Tablet und Smartphone nutzen, was der Nutzungsrealität tausender Studierender entspricht.