Das Ehemaligen-Netzwerk

Ich bin dem öffentlichen Dienst treu geblieben und arbeite seit nunmehr zehn Jahren im Bereich „Gesundheit rund um die Geburt und in der frühen Kindheit“. Meine Stelle ist angesiedelt bei einer großen Bundesbehörde im Geschäftsbereich des Ernährungsministeriums, genauer gesagt bei der Geschäftsstelle des Netzwerks Gesund ins Leben. Hier erarbeiten und verabschieden wir bundesweit einheitliche Handlungsempfehlungen zu den Themen Ernährung, Bewegung und weiteren gesundheitsbezogenen Verhaltensweisen in der Schwangerschaft und frühen Kindheit. Diese Empfehlungen sind wiederum das Fundament für eine Vielzahl unterschiedlicher Kommunikationsmaßnahmen, wie Fortbildungen und diversen Medien, die wir über unsere Kanäle und vielfältigen Kontakte, wie z. B. zu Berufsverbänden, an Fachkräfte und (werdende) Eltern weitergeben. Durch den engen inhaltlichen Bezug zu aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnissen, die Arbeit mit unserem wissenschaftlichen Beirat sowie die „Übersetzung“ der Fachinhalte in alltagsnahe Public Health-Empfehlungen ist das für mich gelebter Wissenschafts-Praxis-Transfer.
Tatsächlich ist das erst meine zweite berufliche Station. Davor war ich von 2010 bis 2015 als wissenschaftliche Mitarbeiterin in der AG 3 (Epidemiologie und International Public Health) der Fakultät für Gesundheitswissenschaften an der Uni Bielefeld beschäftigt. Hier habe ich im Bereich Sozialepidemiologie zu den Themen Migration und Gesundheit sowie soziale Ungleichheit und Gesundheit geforscht und hier zum Schluss im Rahmen meiner Doktorarbeit auch das Gesundheitsverhalten von schwangeren Frauen mit Migrationshintergrund analysiert. Das war der Brückenschlag zu meiner aktuellen Stelle. Meine akademische Ausbildung habe ich in Gänze an der Fakultät für Gesundheitswissenschaften absolviert. Angefangen mit dem Bachelor in Gesundheitskommunikation von 2005–2008, über den Master in Public Health von 2008–2010 – inklusive eines Auslandsaufenthalts an der Universität von Sheffield – bis hin zur Promotion, mit der ich 2011 begonnen und die ich 2016 abgeschlossen habe. Seit 2007 war ich zudem erst als studentische und anschließend als wissenschaftliche Hilfskraft an der Fakultät beschäftigt. Quasi ein Eigengewächs der Fakultät durch und durch.
Gerade zu Beginn des Studiums habe ich mich – wie viele andere Kommiliton*innen auch – gefragt, wo genau ich im Anschluss denn nun arbeiten kann. Mein persönlicher Fokus kristallisierte sich dann aber schnell heraus. Bereits im dritten Semester startete ich als Hilfskraft an der Fakultät und war mir von diesem Moment an sicher, dass es der Weg in die Wissenschaft sein sollte. Später dann, als wissenschaftliche Mitarbeiterin, habe ich den Vorteil der Gesundheitswissenschaft als „Mischwissenschaft“ durchaus auch als Herausforderung empfunden. Trotz aller Vorteile der interdisziplinären Ausrichtung vermisste ich manchmal eine monodisziplinäre „Basis“. Was konnte ich als Gesundheitswissenschaftlerin „besser“ oder „anders“ als ein*e Sozialwissenschaftler*in mit Fokus auf Gesundheit? Erst als ich 2015 die Fakultät und damit die klassische Wissenschaft verließ und in ein Team wechselte, wo ich als Gesundheitswissenschaftlerin eher eine Ausnahme darstellte, habe ich den Grundgedanken und die Perspektiven von Public Health noch einmal gänzlich neu entdeckt und zu schätzen gelernt.
Ich war nach dem Abitur drauf und dran, mich für das Fach Biologie einzuschreiben. Gänzlich zufrieden mit dem Fokus auf eine reine Naturwissenschaft war ich allerdings nicht. Da erreichte mich ein Flyer, der den relativ neuen Studiengang „Gesundheitskommunikation“ bewarb. Den gemeinsamen Blick verschiedenster Disziplinen auf das Thema Gesundheit fand ich nicht nur spannend – Gesundheit als gesamtgesellschaftliche Aufgabe zu begreifen, fand ich darüber hinaus auch sehr nachvollziehbar. Zudem entdeckte ich direkt einen mir schon aus Abiturzeiten bekannten Namen. Klaus Hurrelmann war nicht nur Gegenstand meines Pädagogikunterrichts in der Schule – sondern auch Dekan der Fakultät. Das alles war Anreiz genug, mich für dieses Studium zu entscheiden.
Dadurch, dass ich das Studium direkt nach dem Abitur aufgenommen habe, war das auch zeitgleich der Beginn meiner Professionalität. Mit dem Studienstart im Jahr 2005 bin ich noch an eine recht „junge“ Fakultät gekommen – sie hatte erst ein Jahr zuvor ihr 10-jähriges Jubiläum. Und wir alle waren Nutznießer*innen genau dieses „Spirits“. Die Professor*innen waren mitunter noch Gründungsväter und -mütter der Fakultät und haben diesen Grundgedanken der Gesundheitswissenschaften als interdisziplinäres Feld mit viel Leidenschaft in ihrer Lehre an uns weitergegeben. Das trägt mich und meine ehemaligen Kommiliton*innen bis heute – wir sind uns einig, wenn wir diese Zeit heutzutage Revue passieren lassen, dass wir von den Besten gelernt haben und diese Zeit unser Denken und Handeln nachhaltig geprägt hat.
Über diese Frage musste ich fast am längsten nachdenken. Mittlerweile bin ich zu der Erkenntnis gelangt, dass ich meinem Erstsemester-Ich tatsächlich weder was sagen noch etwas raten würde. Ich würde mich viel lieber inkognito und mit der 20-jährigen zusätzlichen Erfahrung aus Studium und Beruf noch einmal in die Vorlesungen setzen und das Studium erneut durchlaufen. Ich bin mir sicher, es würde auch dieses Mal meinen Horizont erweitern.