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30 Jahre IKG - Jubiläum

Campus der Universität Bielefeld
© Universität Bielefeld

30 Jahre IKG - Jubiläumsfeier

30 Jahre IKG: Ein unkonventionelles Jubiläum in konfliktreicher Zeit

von Johannes Zuber und Gerrit Weitzel

Universität Bielefeld
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Das Institut für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung (IKG) hat schon immer vieles anders gedacht und gemacht. Diese Tradition prägte auch die Jubiläumsfeier zum 30-jährigen Bestehen. Anstelle von Festreden und Grußworten gab es Erinnerungen, Ausblicke und Improvisationen. Es wurden lockere wie ernsthafte Gespräche mit den Gründern, der Rektorin und den Forschenden geführt, die durch Comedy, Improvisationstheater und einem Freestyle-Rap ergänzt wurden.

Durch den Abend führten Nele Kießling und Marvin Meinold, ein Duo des Bielefelder Improvisationstheaters „Die Stereotypen“, die die sehr ernsten Themen des Instituts aufgriffen, aufbrachen und deren Bedeutung erscheinen ließen. Da es sich um professionelles und exzellentes Improvisationstheater handelte, wusste zu keiner Zeit jemand – weder das Publikum noch die Gäste auf der Bühne noch die Moderator:innen – was als Nächstes passieren würde. Sie mussten sich auf ein Wagnis einlassen, offen bleiben und spontan reagieren. Für Forschende ist das nicht die einfachste Übung, aber eigentlich genauso, wie es in den vergangenen 30 Jahren ohnehin an der Tagesordnung war und ist, wenn es um Konflikte und Gewalt in dieser Gesellschaft geht.

Die Anfänge: Nach der Gewalt und gegen den Strom

Nach der Eröffnung des Abends durch ein Gespräch der Einladenden, der Rektorin der Universität Bielefeld, Angelika Epple und des wissenschaftlichen Direktors Andreas Zick über die aktuellen Herausforderungen für die Forschung in Zeiten autoritärer Bewegungen, drehte sich der erste große Themenblock um die Frage, wie es zu der Gründung des IKG in einer Zeit rechtsextremer Gewalt zu Beginn der 1990er Jahre kam.

Wie IKG-Gründer Wilhelm Heitmeyer berichtete, begann die Geschichte  schon zehn Jahre vor der eigentlichen Eröffnung des Instituts. Mitte der 1980er-Jahre forschte er unter anderem zu rechtsextremistischen Orientierungen bei Jugendlichen. Zunächst erntete er dafür vonseiten der Politik vor allem Ablehnung, da Rechtsextremismus damals ein Thema war, mit dem man keine offenen Türen einrannte. Das änderte sich Anfang der 90er-Jahre mit den rassistischen Anschlägen in Hoyerswerda, Mölln, Solingen und Rostock-Lichtenhagen drastisch. Plötzlich war Heitmeyers Expertise in einer Art „Feuerwehrfunktion“ gefragt. „Wir wurden angeknipst, wenn es brannte. Aber wenn es dann etwas still wurde, war das Interesse wieder weg“, erinnerte er sich. Für Wilhelm Heitmeyer war jedoch klar: Rechtsextreme Gewalt ist kein vorübergehendes Phänomen, sondern ein konstantes gesellschaftliches Problem, das kontinuierlich und interdisziplinär erforscht werden muss. Gemeinsam mit dem Bildungsforscher Rainer Dollase, dem Rechtswissenschaftler Otto Backes und dem Soziologen Günter Albrecht setzte er sich daher für die Gründung einer zentralen wissenschaftlichen Einrichtung an der Universität Bielefeld ein.

Beim Jubiläum saß Wolf Jenkner neben Wilhelm Heitmeyer auf dem Podium. Wolf Jenkner war als Mitarbeiter in der Forschungsabteilung des Ministeriums für Wissenschaft und Forschung maßgeblich an der Gründung des IKG beteiligt. Er berichtet aus der damaligen Zeit, dass einerseits die  damalige Ministerin Anke Brunn (SPD) die Gründung massiv unterstütze und es andererseits auch ausreichend finanzielle Mittel in der Forschungsabteilung gab, um die Gründung des Instituts zu ermöglichen.

Trotz grünen Lichts aus dem Ministerium war die Gründung des IKG an der Universität Bielefeld umstritten. Wilhelm Heitmeyer erinnert sich noch gut an die entscheidende Senatssitzung am 18. Dezember 1996: „Ich habe natürlich vieles verdrängt. Aber die Auseinandersetzung im Senat ist mir noch sehr präsent.“ Es war eine harte Debatte, die am Ende ganz knapp zugunsten des neuen Instituts ausging - nicht zuletzt dank der Unterstützung des damaligen Rektors Helmut Skowronek.

Klare Zielsetzung und langanhaltende Wirkung

Im April 1997 nahm das neu gegründete IKG schließlich seine Arbeit auf und verfolgte dabei eine klare Prämisse: gesellschaftliche Probleme frühzeitig erkennen und durch Langzeituntersuchungen erforschen. In seiner Rede beim Gründungssymposium betonte Wilhelm Heitmeyer drei zentrale Schwerpunkte, um die sich das Institut kümmern solle:

  • Die Folgen zunehmender sozialer Ungleichheit
  • Autoritäre Entwicklungen in Zeiten der Globalisierung
  • Gesellschaftlich-kulturelle Probleme wie den Fundamentalismus

Diese Themen prägen die Arbeit des Instituts seit drei Jahrzehnten und waren Ausgangspunkt für eine Vielzahl von Projekten. Die Erforschung des Rechtsextremismus hat für das IKG dabei immer eine herausragende Rolle gespielt. Zu den Meilensteinen gehören die bei Suhrkamp erschienene Langzeitstudie „Deutsche Zustände“ (2002 bis 2011) sowie die seit 2014 laufenden Mitte-Studien. Das Publikum im Saal, zu dem viele Ehemalige und Weggefährt*innen gehörten, dankte Wilhelm Heitmeyer für seine Pionierarbeit mit langanhaltendem Applaus. Er nahm die Würdigung mit einer Mischung aus anerkennender Herzlichkeit und ostwestfälischem Understatement entgegen. Abschließend fand er noch warme Worte für seinen langjährigen Freund und Begleiter, den herausragenden Kriminologen und Soziologen Steven Messner aus Albany, der das Institut bis heute unterstützt und für das Jubiläum extra aus den USA angereist war.

Forschung mit gesellschaftlicher Verantwortung

Forschung sollte für das IKG nie reiner Selbstzweck sein. Von Anfang an ging es auch darum, gesellschaftliche Verantwortung zu übernehmen, Ergebnisse öffentlich zur Debatte zu stellen und Haltung zu zeigen.

Hierfür wurden das Institut und seine Leiter mehrfach ausgezeichnet, unter anderem 2012 vom Ministerium für Innovation, Wissenschaft und Forschung des Landes Nordrhein-Westfalen als „Ort des Fortschritts“. Andreas Zick erhielt 2016 den Communicator-Preis der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG). Ein besonderer Höhepunkt war die Auszeichnung von Wilhelm Heitmeyer mit dem Bundesverdienstkreuz 1. Klasse im Jahr 2025, Andreas Zick erhielt im selben Jahr das Bundesverdienstkreuz am Bande.

Gleichzeitig gab es aufgrund ihrer öffentlichen Haltung immer wieder Anfeindungen gegenüber dem Institut und seinen Mitarbeitenden: von harscher Kritik und Diffamierungen bis hin zu akuten Gewaltandrohungen gegen Wilhelm Heitmeyer und seinen Nachfolger Andreas Zick. Dennoch stellten sie sich stets der öffentlichen Diskussion und suchten das Gespräch mit der Politik.

Personeller Wechsel und stetiges Wachstum

Andreas Zick, der 2008 auf die Professur für Sozialisation berufen wurde und 2013 die Nachfolge von Wilhelm Heitmeyer antrat, hat das Institut in den letzten Jahren weiter ausgebaut. Aus den anfänglich 14 Wissenschaftler:innen sind heute etwa 80 geworden. Gleichzeitig ist auch die für das Institut so wichtige Verwaltung gewachsen. Wenngleich es nach wie vor an struktureller Unterstützung bei der immer aufwendigeren Projektverwaltung fehlt.

Die Wissenschaftler*innen forschen zu einer Vielzahl von Themen. Zudem hat das IKG den Grundstein für weitere Einrichtungen wie das Forschungsinstitut Gesellschaftlicher Zusammenhalt (FGZ), das Deutsche Zentrum für Integrations- und Migrationsforschung (DeZIM) sowie „ConflictA“, die erste universitäre Konfliktakademie Deutschlands, gelegt.

Auf der Jubiläumsbühne waren Andreas Zick Dankbarkeit und Freude deutlich anzumerken, aber auch der Stolz auf die gemeinsame Entwicklung und die Menschen aus Verwaltung, Geschäftsführung, Forschung und Studierendenschaft, die damals wie heute alle ihren Anteil am Erfolg des Instituts haben. Zu Beginn seiner Amtszeit habe ihn allerdings weniger die Faszination, sondern vielmehr die Verunsicherung begleitet, wie er im Rahmen eines Interviews anlässlich des Jubiläums erzählte: „Mich hat nichts fasziniert, mich hat alles erschrocken - in so große Fußstapfen zu treten, ein renommiertes Institut zu übernehmen.“ Am Ende behielt der Optimismus jedoch die Oberhand gegenüber den Zweifeln, sodass - frei nach Angela Merkel - der Impuls zum Machen siegte: „Große Ungewissheit, was für eine sensationelle Gelegenheit! Ich schaff das schon irgendwie.“

Ein wenig Schutz in (global) unsicheren Zeiten

Dass das Institut weit mehr ist als eine Vielzahl an Projekten wurde beim Jubiläum ebenfalls deutlich. Es setzt Impulse für gesellschaftliche Debatten über Konflikte und Gewalt. Es ist zudem ein Ort, an dem unterschiedlichste Menschen eine wissenschaftliche wie persönliche Heimat gefunden haben. Das gilt insbesondere auch für eine Reihe Researchers at Risk, für die Elif Sandal-Önal an diesem Abend stellvertretend auf der Bühne stand.

Aufgrund politischer Repressalien verlor sie ihre Stelle und hat die Türkei verlassen. Auf der Suche nach Perspektiven wandte sie sich an das IKG. „Was mich nach Bielefeld gebracht hat, war eine E-Mail von Andreas Zick, in der er schrieb: ‚Mir gefällt deine Forschungsidee, was brauchst du?‘“, erzählte sie den Anwesenden. Heute ist sie wissenschaftliche Mitarbeiterin und Vorstandsmitglied am Institut. In ihrer Forschung geht sie unter anderem der Frage nach, wie persönliche Unsicherheit dazu führt, dass Menschen sich extrem rechten Strömungen anschließen.

Neben Elif stand Tobias Hecker, heute Professor für Psychologie an der Universität Bielefeld und stellvertretender wissenschaftlicher Direktor am IKG auf der Bühne. Er schilderte, wie sein Auslandszivildienst in Tansania seinen beruflichen Weg prägte. Heute forscht er im Rahmen internationaler Projekte zu Gewalt gegen Kinder. Am Ende gehe es ihm darum, gute Forschung sowie einen positiven Beitrag zu leisten, indem „Kinder in Konfliktsituationen konkret unterstützt werden“. Dafür kooperiert er mit Partner*innen aus der ganzen Welt. Diese bringen ihre wertvollen Perspektiven zeitweise auch am IKG ein.

Dank und der Blick nach vorn

Die fundierte Erforschung nationaler wie internationaler Konflikte und die Menschen - ob in Forschung oder Verwaltung - haben das Institut in den letzten drei Jahrzehnten maßgeblich geprägt. Das Jubiläum bot endlich einmal die Gelegenheit, tief durchzuatmen, gebührend zu feiern und verdientes Lob entgegenzunehmen.

So attestierte die Co-Vorsitzende der Grünen-Bundestagsfraktion, Britta Haßelmann, dem IKG „eine wahnsinnige Bedeutung für unser ganzes Land“ - auch wenn es manchmal schmerze, dass die Forschungsergebnisse noch immer nicht ausreichend in politische Entscheidungen einfließen würden. Für die Rektorin der Universität, Angelika Epple, ist das Institut „ein wichtiges Aushängeschild für die Universität und ein internationaler Leuchtturm in der Forschung“. Zudem hob sie hervor, dass das IKG mit seiner Konfliktexpertise auch bei universitätsinternen Problemstellungen ein unverzichtbarer Ansprechpartner sei: „Das ist ein ganz großes Pfund.“

Gleichzeitig bot die Feier den passenden Rahmen, um jenen Menschen Danke zu sagen, die mutige Entscheidungen getroffen haben, um die Gründung des IKG überhaupt erst zu ermöglichen. Ebenso wie einen Dank an all die Förderer, die das Institut damals wie heute durch Vertrauen, Beratung und finanzielle Mittel unterstützen, die Freunde und Unterstützer*innen in Politik und Zivilgesellschaft und an die Menschen, die mit ihrer täglichen Arbeit dafür gesorgt haben und sorgen, dass überhaupt ein 30. Jubiläum gefeiert werden konnte.

Dieses Engagement wird auch in Zukunft dringend benötigt, denn die gesellschaftlichen Verhältnisse sind in den vergangenen drei Jahrzehnten nicht einfacher geworden. Die Themen, die Wilhelm Heitmeyer einst beim Gründungssymposium formulierte, wachsende Ungleichheit, autoritäre Entwicklungen und Fundamentalismus, sind heute aktueller denn je. Deshalb braucht es weiterhin fundierte Analysen über die Gesellschaft und ihre Konflikte. Und es braucht ein Institut, das sich verpflichtet, an diesen Themen dranzubleiben. Oder wie Andreas Zick es treffend ausdrückte: Ein Institut, das „immer in Bewegung ist und eigentlich nie auf der Stelle steht“.

Über die Autoren

Johannes Zuber arbeitet als freier Redakteur unter anderem für den NDR, WDR und Deutschlandfunk. Darüber hinaus bietet er Podcastproduktionen sowie Medientrainings an.

Gerrit Weitzel ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung an der Universität Bielefeld.

 

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